Die SPD und der Kapp-Putsch

Was SPD – Internetseiten über den Kapp-Putsch und seine Niederschlagung schreiben:

Die Suchfunktion auf der Webseite der SPD gibt als Ergebnis zu dem Schlagwort „Kapp-Putsch“ folgendes aus: „Keine Treffer Es wurden zu Ihrer Suchanfrage keine übereinstimmenden Ergebnisse gefunden..“

Die „Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung“ behauptet z.B, daß ganze alleine die Ministerialbeamten den Putsch besiegt hätten: „Die Ministerialbürokratie weigert sich, Kapps Anweisungen Folge zu leisten. Der ,,Lüttwitz-Kapp-Putsch“ ist danach innerhalb von wenigen Tagen beendet.“

Stand 26.3. 2011

Pension für die Mörder

Das Reichsversorgungsgericht hatte am 7. Januar 1925 darüber zu entscheiden, ob der Witwe eines Drehers, der sich an den Kämpfen der bewaffneten Arbeiterschaft gegen die Kapp-Truppen beteiligt hatte und hierbei tödlich verwundet worden war, eine Hinterbliebenenrente zu bewilligen sei. Der Ausschuß zur Feststellung von Entschädigungen für Aufruhrschäden in Kiel hatte der Witwe mit Bescheid vom 31. August 1921 eine Hinterbliebenenrente bewilligt. Gegen diesen Bescheid legte der Vertreter des Reichsfiskus Beschwerde ein mit dem Antrag, ihn aufzuheben und den Rentenanspruch der Witwe zurückzuweisen. Das Gericht stellt zunächst fest, daß die Kämpfe in Kiel, bei denen der Dreher den Tod gefunden hatte, als innere Unruhen im Sinne des Tumultschädengesetzes anzusehen seien.

Es sei jedoch zu prüfen, ob bei dem Verstorbenen ein den Entschädigungsanspruch ausschließendes Verschulden vorliege. Ein Verschulden wäre zu verneinen, wenn B. zur Teilnahme an dem Kampf berechtigt gewesen wäre oder sich insoweit in gutem Glauben befunden hätte.“,“Das Reichsversorgungsgericht verneinte sowohl die Berechtigung zur Teilnahme am Kampf als auch den guten Glauben. In der Begründung heißt es:

Die Berechtigung des B., mitzukämpfen, leiten seine Hinterbliebenen aus einer angeblichen Aufforderung der Reichsregierung her, den Kapp-Putsch niederzuschlagen. Der nach den erhobenen Ermittlungen allein in Frage kommende Aufruf lautet:
»Berlin, den 13. März 1920 Arbeiter, Genossen!
Der Militärputsch ist da. Die Marinedivision Ehrhardt marschiert auf Berlin, um eine Umgestaltung der Reichsregierung zu erzwingen. Wir weigern uns, uns diesem militärischen Zwange zu beugen. Wir haben die Revolution nicht gemacht, um das blutige Landsknechtsregiment heute wieder anzuerkennen. Wir paktieren nicht mit den Baltikum-verbrechern.
Arbeiter, Genossen! Wir müßten uns vor euch schämen, wenn wir anders handeln würden. Wir sagen Nein und nochmals Nein! Ihr müßt uns bestätigen, daß wir in eurem Sinne gehandelt haben. Jedes Mittel ist gerecht, um die Wiederkehr der blutigen Reaktion zu verhindern.
Streikt, legt die Arbeit nieder und schneidet dieser Militärdiktatur die Luft ab. Kämpft mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik. Laßt alle Spaltung beiseite. Es gibt nur ein Mittel gegen die Wiederkehr Wilhelms II.: Lahmlegung des Wirtschaftslebens, keine Hand darf sich mehr rühren, kein Proletarier darf der Militärdiktatur helfen, Generalstreik auf der ganzen Linie. Proletarier vereinigt euch! Die sozialdemokratischen Mitglieder der Reichsregierung. Ebert, Bauer, Noske, Schlicke, Schmidt, David, Müller.
Der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Wels.«

Dieser Aufruf ist, soweit ermittelt, amtlich nicht veröffentlicht worden. Auf eine Anfrage des erkennenden Senats in einer früher entschiedenen Versorgungssache hat der Staatssekretär in der Reichskanzlei unter dem 3. Mai 1924 (Rk. 3373) dem Reichsversorgungsgericht Abschrift des oben wiedergegebenen Aufrufs mit der Hinzufügung übersandt, daß der Aufruf, wie aus ihm hervorgehe, nicht von der damaligen Reichsregierung erlassen sei. Soweit bekannt, hätten seinerzeit auch die sozialdemokratischen Mitglieder der damaligen Reichsregierung erklärt, daß ihre Namen ohne ihr Zutun unter den Aufruf gesetzt worden seien.

Die damals in Kiel kämpfende Zivilbevölkerung war also tatsächlich nicht von den maßgebenden Regierungsstellen zum Kampfe aufgefordert worden. Fraglich kann es nur sein, ob B. in dem guten Glauben handelte, einen Befehl der Reichsregierung auszuführen. Diese Frage hat der Senat verneint.

Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung ist die Polizei und notfalls das Militär berufen. Wenn auch zugegeben werden kann, daß in Zeiten der Staatsumwälzung die Annahme berechtigt sein mag, die Polizei oder das Militär vollziehen zeitweilig nicht den Willen der Reichsregierung, so muß stets von der Zivilbevölkerung verlangt werden, daß sie prüft, ehe sie sich an Kämpfen beteiligt, ob sie von der Regierung zum Kampfe aufgerufen worden ist. Es war im vorliegenden Falle aber für jedermann ohne Rechtskenntnis erkennbar, daß der oben wiedergegebene Aufruf, wie schon die Anrede und die Unterschrift ergibt, sich nur an einen enggezogenen und bestimmten Kreis der Bevölkerung wandte und nur von einer einzigen politischen Partei, aber nicht von der Regierung ausging. Es kann daher nicht unterstellt werden, daß B. beim Kampfe gegen das Militär in dem guten Glauben war, den Willen der Reichsregierung zu vollziehen. Der Glaube eines Tumultbeschädigten, auf Grund des von den sozialdemokratischen Mitgliedern der Reichsregierung und von dem Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands unterzeichneten Aufrufs vom 13. März 1920 zum Kampfe für die bestehende Verfassung berechtigt zu sein, schließt somit ein Verschulden im Sinne des § 5 des Tumultgesetzes und des § 254 des Bürgerlichen Gesetzbuches nicht aus. Ebensowenig ist ein Verschulden ausgeschlossen, wenn jemand ohne den Versuch, sich von Inhalt und Herkunft des Aufrufs irgendeine Kenntnis zu verschaffen, sich am Kampfe beteiligt, lediglich im Vertrauen auf die mehr oder weniger verbreitete Ansicht, >die Regierung« habe zum Kampf aufgerufen. Da also dem B. der durch seine Tötung verursachte Schaden in vollem Umfange selbst zur Last fällt, mußte den Hinterbliebenen eine Entschädigung versagt werden. Demnach war entsprechend dem Antrag des Reichsfiskus der angefochtene Bescheid aufzuheben und der erhobene Anspruch zurückzuweisen.?

So sah also der »unvergängliche Dank des Vaterlandes« aus, den Reichskanzler Bauer am 18. März 1920 allen Helfern und Mitstreitern im Kampf gegen die Kapp-Putschisten ausgesprochen hatte.
Scheidemann hatte in derselben Sitzung der Nationalversammlung unter dem Beifall des gesamten Hauses ausgerufen:. Hut ab vor denen, die für die Freiheit gekämpft haben und für die Freiheit gestorben sind.«

Aber anderthalb Jahre später wendet sich der Vertreter des Reichsfiskus gegen den der Witwe eines im Kampf gegen die Hochverräter gefallenen Arbeiters bewilligten Rentenanspruch und findet bei den Juristen des Reichsversorgungsgerichts Unterstützung mit der Auffassung, daß jener Dreher B. aus Kiel an seinem Tode selber schuld sei, weil der Aufruf zum Kampf gegen die Hochverräter nicht von allen Mitgliedern der Reichsregierung unterzeichnet worden sei. Daß die Verteidigung der demokratischen republikanischen Staatsverfassung gegenüber Hochverrätern sich von selbst versteht, ohne daß es eines Aufrufes der (bei einem Putsch regelmäßig in ihrer Handlungsfreiheit beschränkten) Regierung bedarf, wollte in die Köpfe von Richtern nicht hinein, denen die Aufgabe zugefallen war, im Namen eines Volkes Recht zu sprechen, dessen politischen Willen sie innerlich ablehnten. Typisch für die obrigkeitliche Denkweise der Richter ist etwa der Satz, daß zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung die Polizei und notfalls das Militär berufen sei, eine Feststellung, die der Bevölkerung eines demokratischen Staates das Recht absprechen will, notfalls auch gegen treulose Polizei und treuloses Militär die Staatsverfassung zu verteidigen. Im vorliegenden Fall hatte der Militärbefehlshaber in Kiel, Admiral von Levetzow, sich am 13. März 1920 hinter die Kapp-Regierung gestellt und den Posten des Oberpräsidenten und des Polizeipräsidenten mit seinen Anhängern besetzt. Die »Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung« der Polizei und dem Militär zu überlassen, hätte also hier bedeutet, die demokratische Staatsverfassung und die rechtmäßige Reichsregierung preiszugeben.

Nicht einmal den guten Glauben, rechtmäßig zu handeln, wollte das Reichsversorgungsgericht dem Dreher B. bescheinigen. Aber nie haben deutsche Gerichte gezögert, denen guten Glauben zu bestätigen, die unter Verstoß gegen elementarste Grundsätze der Menschlichkeit republikanisch gesinnte Arbeiter umgebracht haben. Auch jene Schweriner Strafkammer, die am 19. Januar 1923 über die Strafverfolgung der Mörder der Arbeiter Wittge, Steinfurth und Slomsky zu befinden hatte und dabei trotz allem Wohlwollen einige Schwierigkeiten mit den sachlich unzutreffenden und unhaltbaren Urteilsgründen des >Standgerichts< hatte, trug keine Bedenken, den angeschuldigten Offizieren »guten Glauben« zuzubilligen:
Auch in ihrem guten Glauben sind die Angeschuldigten… schwerlich zu widerlegen, mögen auch die Anordnungen ihrer vorgesetzten Dienststellen auf noch so ungesetzlichem und widerrechtlichem Boden gestanden haben.

Freilich, unter diesen Anordnungen fehlte keine Unterschrift. Daß es die Unterschriften von Hochverrätern waren, konnte für Richter, deren Sympathien nicht auf seilen der republiktreuen Arbeiter, sondern auf Seiten der reaktionären Verfassungsfeinde standen, keine Rolle spielen.
Im Gegensatz zu den Hinterbliebenen des Drehers B., denen derselbe Staat, für den dieser Arbeiter sein Leben gelassen hatte, eine Rente streitig machte, konnten General von Lüttwitz und Herr von Jagow ihre Pensionsansprüche gegen denselben Staat, dessen Verfassung sie durch Hochverrat hatten stürzen wollen, mit Erfolg einklagen. Lüttwitz erhielt seine Pension rückwirkend vom Zeitpunkt des Kapp-Putsches, zum Teil sogar aufgewertet. Die Republik zahlte dem Hochverräter – vom. Reichsgericht dazu verurteilt – jährlich 16 983 Mark.
Der völlige Zusammenbruch des Kapp-Putsches brachte noch einmal eine Sternstunde der deutschen Arbeiterschaft, die sich in einmütiger Geschlossenheit als die stärkste Macht im Staate erwiesen hatte. Wilhelm Hoegner* schreibt:
* Prof. Dr. Wilhelm Hoegner, geb. 1887, in der Weimarer Republik als Staatsanwalt und Richter tätig. Von 1924 bis< 1932 Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion des Bayerischen Landtag», von 1930 bis» 1933 auch Reichstagsabgeordneter. 1933 Auswanderung zunächst nach Österreich, 1934 in die Schweiz, Nach dem Zweiten Weltkrieg zweimal Bayerischer Ministerpräsident. Heute Vizepräsident des Bayerischen Landtags.
Die Solidarität der Werktätigen hatte über rohe bewaffnete Gewalt, über die Gestalten der Vergangenheit gesiegt… Das Offizierskorps der alten kaiserlichen Armee, das zum großen Teil gemeutert hatte, konnte keine Schonung erwarten. Seine Ausmerzung aus der Wehrmacht des Reiches schien eine Selbstverständlichkeit. Was nach der Revolution von 1918 nicht gelungen war, die Schaffung eines in der Hauptsache aus organisierten Arbeitern zusammengesetzten Volksheeres, mußte nunmehr gelingen. Zum ersten Male waren bewaffnete Arbeiter gegen Reichswehr siegreich gewesen, eine wohlorganisierte Arbeiterarmee war in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft worden und hatte auch ohne Führung von Generalstäblern glänzende militärische Eigenschaften bewiesen. Noch einmal war in der Waage de» Schicksals die Schale der Revolution niedergegangen, durch die Torheit der Gegner dem deutschen Proletariat noch einmal die große geschichtliche Stunde geschenkt.
Philipp Scheidemann sprach nur ein selbstverständliches Gebot der Stunde aus, wenn er in der Nationalversammlung am 18. März 1920 erklärte:
Wir verlangen die gründliche Säuberung der Reichswehr… Wir verlangen die Entlassung aller Offiziere, deren Loyalität gegenüber der Republik nicht außer Zweifel steht. Wir verlangen die Entwaffnung der Truppen, die gemeutert haben … Wir verlangen aber auch gründliche Auskehr in Zivilbehörden. Wer seiner monarchistischen Überzeugung wegen der Republik nicht loyal dienen kann, der mag gehen … Wir verlangen strengste Bestrafung der Verbrecher, die die Republik in so heimtückischer Weise aus dem Hinterhalt überfallen haben, die unser ganzes Wirtschaftsleben erschüttert und über das Volk neues Elend, neue Not und Tod gebracht haben, schärfste Bestrafung dieser Verbrecher in denkbar schnellstem Verfahren, sowie restlose Konfiskation ihrer Vermögen, das ist unsere Forderung .. .9
Aber die Männer, die in dieser historischen Stunde die Geschicke des deutschen Volkes leiteten, ließen auch ein zweites Mal aus Angst vor dem Kommunismus die Chance ungenutzt, die junge Republik aus den Händen ihrer Feinde von rechts zu befreien. Hoegner: »Auch die zweite geschichtliche Stunde des deutschen Proletariats wurde versäumt.«10 Keines der Versprechen, zu denen die Reichsregierung und die Sprecher der demokratischen Parteien nach dem Sieg der Arbeiterschaft über die reaktionären Militärgewalten bereit waren und die im Bielefelder Abkommen* vom 23. März 1920 zwischen Vertretern der Regierungsparteien und den Gewerkschaften nochmals bestätigt worden waren, ist eingelöst worden. Insbesondere war das Versprechen, die konterrevolutionären militärischen Einheiten aufzulösen und durch Formationen aus den Kreisen der zuverlässigen republikanischen Bevölkerung zu ersetzen, schon wenige Tage später, nachdem die Gewerkschaften im Vertrauen auf diese Zusicherungen den Streik abgebrochen hatten, nur noch ein Fetzen Papier. Verletzungen des Bielefelder Abkommens boten den Vorwand zu einem nach Lage der Dinge unerfüllbaren Ultimatum der Reichsregierung, dessen Ausführungsbestimmungen derselbe General v. Watter erlassen durfte, der nicht bereit gewesen war, sich in den Kapp-Tagen eindeutig für die legale Reichsregierung zu erklären. Am 2. April erfolgte unter seinem Oberbefehl der Einmarsch der Reichswehr in das Ruhrgebiet. Dieselben republikfeindlichen Reichswehrverbände, gegen die sich die deutsche Arbeiterschaft zum Schütze der Republik erhoben hatte, durften nunmehr zur »Wiederherstellung geordneter Verhältnisse« ihr Schreckensregiment über die republikanisch gesinnte Bevölkerung ausüben und sich für ihre Niederlage an einer entwaffneten Arbeiterschaft rächen. Im Ruhrgebiet, in Thüringen, in Mecklenburg, Schlesien und anderen Teilen des Reiches tobte sich der »weiße Schrecken« der sogenannten Regierungstruppen aus. Und die Justiz hielt eine juristische Nachlese dieses Trauerspiels, die alle, die in den Märztagen des Jahres 1920 die demokratische Republik gegen reaktionäre Militärgewalt verteidigt hatten, aufs tiefste erbittern mußte.
Offiziere der Reichswehr, als Hüter einer >0rdnung<, die dem konterrevolutionären obrigkeitsstaatlichen Bewußtsein der Richter und der dem Bürgerstand entnommenen Schöffen und Geschworenen näherstand als die sozialistische demokratische Ordnung, für die die Arbeiterschaft damals kämpfte, konnten sicher sein, daß die Justiz keine Möglichkeit ungenutzt lassen würde, um sie der nach dem Gesetz verwirkten Strafe selbst dann zu entziehen, wenn sie sich des Mordes oder Totschlags schuldig gemacht hatten. Wenn es hingegen um die Aburteilung von Widerstandskämpfern gegen verfassungsfeindliche Reichswehrverbände ging, arbeitete die Justizmaschinerie mit rigoroser Härte und Schnelligkeit – notfalls mit vorgedruckten Serienurteilen – und stopfte die unverzüglich verhafteten Arbeiter zu Tausenden in die überfüllten Gefängnisse.
* Die wichtigsten Punkte des Bielefelder Abkommens: Gründliche Reinigung der gesamten öffentlichen Verwaltungen von gegenrevolutionären Persönlichkeiten; Auflösung aller der Verfassung nicht treugebliebenen militärischen Formationen; sofortige Inangriffnahme der Sozialisierung der dazu reifen Wirtschaftszweige. Verhängnisvoll für die Arbeiterschaft war die Bedingung, alle Waffen sofort (also als Vorleistung) abzuliefern. Einzelne Verstöße gegen diese Bedingung boten den Vorwand, die wichtigste Zusage des Abkommens nicht einzuhalten: daß die Reichswehr nicht ins rhei-nisch-westfälische Industriegebiet einmarschieren werde. Auch das (nicht mit der Wafienablieferung verknüpfte) Versprechen, daß den Arbeitern, die an den Kämpfen teilgenommen hatten, keine »Nachteile oder Belästigungen wegen ihrer Teilnahme erwachsen« dürften, ist nicht eingehaltcn worden. —

Der vollständige Text des Bielefelder Abkommen« ist mitgeteilt bei Severing: 1919/1920 im Wetter- und Watterwinkel.

Heinrich Hannover, 1960

Brennende Ruhr

Karl Grünberg (1891 – 1972) schreibt 1948 im Nachwort zur 2. Auflage zu seinem Roman „“Brennende Ruhr““: Dieses viel umstrittene Buch bedarf bei seiner zweiten Auflage — zwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen — einiger Erläuterungen.

Als ich im Jahre 1927 meinen Erstlingsroman „“Brennende Ruhr““ zu schreiben begann, lag mir literarischer Ehrgeiz durchaus fern. Mir kam es vor allem darauf an, revolutionshistorisches Material zu sammeln, zu fixieren und zusammen mit den daraus resultierenden Erfahrungen an diejenigen weiterzureichen, welche nach uns einmal das Banner aufnehmen werden. Daß ich die Form des Romans wählte, hatte mehrere Gründe. Vor allem hoffte ich, auf diese Weise der Zensur zu entgehen. Wenn mir das auch gelang, so wurde die Reaktion doch hellhörig. In der Folgezeit verfielen zahlreiche belletristische Werke dem Zensor. Man kann gar nicht oft genug diese Verhältnisse in der Weimarer Republik — jener Republik mit der „“freiesten Verfassung der Welt““ — brandmarken, denn heute wollen viele diese Tatsachen nicht mehr wahrhaben.

Mein zweiter Grund entsprang einer Beobachtung, die man auch, heute überall anstellen kann. Rein abstrakt-politische Bücher lassen die Leser oft kalt; leicht bleiben sie ungelesen liegen. Durch eine Erzählung lassen sich die Massen aber viel eher an die politischen Probleme heranführen. Ein fesselnd geschriebenes Buch, das dem Leser gestattet, mit Romanfiguren, die ihm ähnlich sind, zu leben, zu lieben und zu leiden, kann ihn auch veranlassen, mit seinen Helden gemeinsam zu kämpfen und zu sterben . . . Auf dieser Tatsache beruht die Anwendung der „“Kunst als Waffe““ im politischen Tageskampf. Daß auch die schön-geistige Literatur eine solche „“Waffe““ sein kann, wird leider noch viel zu oft übersehen.

Die „“Brennende Ruhr““ war wohl der erste Roman, der sich bewußt mühte, dieser Erkenntnis auf der Arbeiterseite Rechnung zu tragen. Es kam, wie vorauszusehen war. Die sogenannten „“Ästheten““ waren schwer schockiert über diesen neuerlich „“primitiven Beweis entarteter Kunst““. Wohl beurteilten einige namhafte Schriftsteller, wie Thomas Mann, Dr. Werner Marholz, Professor Paul Östreich und andere mehr, dieses Buch sehr positiv; die große Mehrzahl aber zog sich voll schweigender Verachtung in ihren geschändeten Elfenbeinturm zurück. Einer aber fühlte sich berufen, die Leiter hinter diesen Ästheten hochzuziehen. Mit sehr viel Druckerschwärze — eine halbe Seite des Großformats der „“Frankfurter Zeitung““ wurde bemüht — machte er den Versuch, dem „“literarischen Plebejer““ den Rest zu geben. Dieser unverhältnismäßig große Aufwand eines Herrn Erik Reger hat sich nicht gelohnt; die „“Brennende Ruhr““ wurde von diesem Luftzug nicht ausgeblasen.

Im Jahre 1928 schrieb zum Erscheinen der „“Brennenden Ruhr““ der Dichter Johannes R. Becher: „“Die Ruhr brennt, dieser Ruf war, wird wieder sein!““ — Heute ist dieser Alarmruf wieder da, gellender und dringender denn je. Dieselben Monopolkapitalisten, die damals den Kapp-Putsch, das erste Vorpostengefecht des Faschismus, finanzierten, sind jetzt wieder (oder noch!) am Werke, um aus dem Brand an der Ruhr ein neues Weltumfassendes Flammenmeer zu entfachen. Allein schon diese Tatsache rechtfertigt in vollem Maße die Neuauflage eines Buches, das das „“Hohelied der demokratischen Einheitsfront gegen den Faschismus singt. Diejenigen, für die es geschrieben worden war, haben es gelesen, verstanden und auch ihre Lehren daraus gezogen. Schon die Vorabdrucke in der Arbeiterpresse brachten dem Verfasser Hunderte von begeisterten Zuschriften. — „“In diesem Buch ist zu viel geschichtliche Wahrheit, um nur als Roman angesprochen zu werden““, schrieb einer. Ein anderer sagte: „“Ich focht damals leider auf der Seite der Kappisten mit, aber ich muß gestehen, daß die geschilderten Übergriffe der Reichswehr noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben!““

Da mich fast alle Einsender für einen ehemaligen Ruhrkämpfer halten, bin ich hier eine Berichtigung schuldig: Ich war weder Bergarbeiter, noch habe ich beim Kapp-Putsch an der Ruhr mitgekämpft. Auch den Schauplatz der Handlung habe ich vor der Niederschrift kaum gekannt. Eindrücke, die ich von der Bahn aus gewann, als ich durch das Industriegebiet fuhr, Beobachtungen, die ich auf arbeitsreichen Verbandstagungen in Hamborn und Essen machte, ferner das, was ich in Büchern fand . . . das war eigentlich alles, was ich über Land und Leute im „“Kohlenpott““ wußte. Noch mühsamer mußte ich die militärischen und politischen Details zusammensuchen. Weil es darüber nur sehr wenige Quellen gab, war ich im wesentlichen auf das Wälzen alter Zeitungsbände angewiesen.

Als ich im Frühjahr 1943 zur Luftschutzpolizei (Feuerwehr) nach Essen eingezogen wurde, lernte ich zum erstenmal den historischen Schauplatz meines Romans gründlicher kennen. Da stand die Ruhr allerdings in des Wortes wahrster Bedeutung an allen Ecken und Enden in Flammen. Und warum? Weil das werktätige deutsche Volk infolge seiner inneren Spaltung im Jahre 1920 nicht in der Lage gewesen war, den faschistischen Brandherd gründlich auszutreten. Um dieses schicksalsschwere Versäumnis spielt mein Roman „“Brennende Ruhr““. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß er schon damals das starke Mißvergnügen der Soldschreiber der „“Union der festen Hand und der eisernen Stirn““ fand.

Es trat der merkwürdige Zustand ein, daß der Autor die Schauplätze, auf denen er seiner Phantasie freien Lauf gelassen hatte, nachträglich fast genau so vorfand, wie er sie beschrieben hatte. Ich war direkt erschüttert, sogar die Stadt Swertrup an derselben Stelle, wohin sie meine Schau verlegt hatte — nämlich in Sterkrade –, wiederzufinden.

Interessant waren die Zuschriften, die damals aus den Reihen der Sozialdemokratischen Partei kamen. Dankbar zustimmende waren darunter, aber auch sehr kritische von solchen, die in dem Roman ihre Partei zu Unrecht angegriffen sahen. So teilte die Geraer Volksbuchhandlung mit, daß sie fortan alle Bücher des Greifenverlages, der solch „“tendenziöse Machwerke““ herausbringt, boykottieren werde. Und August Siemsen schrieb in seinem Halbmonatsheft, „“daß ihn das Buch einerseits gepackt habe, weil es aus dem starken Miterleben eines Klassenkämpfers komme, der mit dabei war““ . . . andererseits aber bedauerte er, „“daß darin die Sozialdemokraten in der üblichen Weise als Verräter erscheinen““.

Erscheinen sie wirklich so? Die Hauptfigur im Roman ist ein sozialdemokratischer Werkstudent, der sich trotz allen Schwankens durchaus anständig und tapfer benimmt. Selbst nach dem bitteren Finale ist er keineswegs ein zum Kommunismus bekehrter Saulus (das ist, nebenbei bemerkt, sogar den Kritikern aufgefallen, die mir ablehnend gegenüberstanden). Aber der Leser weiß am Schluß das eine: „“Wenn es wieder einmal um die Rechte und Freiheiten seines Volkes geht, dann steht auch dieser Kämpfer wieder an der Seite seiner gestrigen Kameraden!““ Genau so verhält es sich mit einer ganzen Reihe weiterer sozialdemokratischer Romanfiguren. Ich habe sie nicht aus Zweckmäßigkeitsgründen progressiv gestaltet, sondern weil es sie wirklich so gegeben hat.

Daß Gestalten wie Noske, Severing, Mehlich und andere mehr nicht dazu gehörten, ist bedauerlich, aber nicht die Schuld des Autors, der sich streng an die Historie hielt. Die verhängnisvolle Rolle, die diese Führer der SPD damals spielten, liegt heute, nach achtundzwanzig Jahren, klar und offen vor der Geschichte. Ich weiß nicht, ob August Siemsen, bei dem mein Werk so widersprechende Gefühle auslöste, heute noch lebt. Ich glaube aber, daß er heute zu einem ganz anderen Urteil käme. Und mit ihm so mancher andere, der sich damals, völlig zu Unrecht, auf den Schlips getreten fühlte.

Der Kapp-Putsch-Roman „“Brennende Ruhr““ wurde in ein halbes Dutzend Fremdsprachen übersetzt. In den USA und in Schweden wurde er nur durch Zeitungsabdrucke bekannt, in der Sowjetunion aber kam es zu einem Bucherfolg, wie ich ihn mir nie erträumt hätte. Da der Roman dort in etwa 400 000 Exemplaren verbreitet und auch verfilmt wurde, gibt es unter unseren sowjetischen Besatzungstruppen nur wenige, die ihn nicht kennen.

Dennoch hat mich keine Anerkennung mit mehr Freude und Genugtuung erfüllt als jene, die ich 1933, während der schwersten Zeit meines Lebens, im KZ Sonnenburg, erhielt. Es war in einer Massenzelle, abends nach dem Einschluß. Jemand machte den Vorschlag, reihum zu erzählen, wie man zur revolutionären Bewegung gekommen sei. Und da erzählte ein junger Landtagsabgeordneter, ein früherer sozialdemokratischer Postbeamter aus Halle: „“Mir gab jemand den Roman .Brennende Ruhr‘ in die Hand; da fiel es mir wie Schuppen von den Augen … und deshalb sitze ich heute hier.““

Karl Grünberg, 1948 –
Zur Zeit des Erscheinens dieser Auflage liegen noch Buchausgaben in polnischer, tschechischer und rumänischer Sprache vor.

Erschiessungen von Arbeitern

Während des Kapp-Putsches hatte der mit den Hochverrätern verbündete General von Lettow-Vorbeck die verfassungsmäßige mecklenburgische Regierung verhaften lassen und zur Terrorisieren der streikenden Arbeiterschaft auf Grund von Befehlen des Hochverräters General von Lüttwitz in Mecklenburg Standgerichte eingesetzt, denen republiktreue Arbeiter zum Opfer fielen. Kapp hatte verordnet:

Die Rädelsführer, die sich der in der Verordnung zur Sicherung volkswirtschaftlicher Betriebe und in der Verordnung zum Schutz des Arbeitswesens unter Strafe gestellten Handlungen schuldig machen, desgleichen die Streikposten, werden mit dem Tode bestraft. Diese Verordnung tritt am 16. 3.1920, 4 Uhr nachmittags, in Kraft. Der Reichskanzler gez. Kapp .“,“General von Lüttwitz hatte außerdem allen Truppenteilen telegraphisch folgende Bekanntmachung des „Reichskanzlers“ Kapp übermitteln lassen:

  • „Bitte allen Führern und Unterführern bis herab zu den Gruppenführern in meinem Namen bekanntzugeben, daß ich jede entschlossene Dienstauffassung, auch wenn sie im Zwange der Not gegen einzelne bisherige Bestimmungen verstoßen sollte, unbedingt anerkenne und persönlich decke…“

Erschiessungen von Wilhelm Wittge und Johann Steinfurth bei Wismar

Durch getreue Befolgung dieser Richtlinien zeichnete sich insbesondere das im März 1920 auf Veranlassung Lettow-Vorbecks in den Verband der meuternden Reichswehr aufgenommene Freikorps Roßbach aus. Am Morgen des 18. März 1920 fand in Niendorf bei Wismar bei dem Tagelöhner Wilhelm Wittge eine Versammlung streikender Arbeiter statt. Es wurde beschlossen, wegen einer Lohnforderung bei dem Gutsbesitzer Baron von Brandenstein vorzusprechen.

Dieser ließ aus Schwerin Militär kommen: Freikorps Roßbach , Reichswehrbrigade 9. In der Nacht fand bei Wittge eine Haussuchung statt. Anschließend wurde Wittge von den Soldaten mitgenommen. Einer sagte dabei zu Frau Wittge: »Nehmen Sie man gleich Abschied, in einer Stunde ist der Kerl eine Leiche!« Zusammen mit den Arbeitern Johann Steinfurth, Fritz Möller und Adolf Möller wurde Wittge vor das Gutshaus geschleppt. Baron von Brandenstein trat heraus, deutete auf Wittge und Steinfurth und sagte: »Das sind die Richtigen.«

Die beiden wurden noch in der Nacht erschossen, nachdem ein aus dem Leutnant Bender , dem Vizefeldwebel Billerbeck und dem Gefreiten Zimmermann bestehendes „Standgericht“ sie zum Tode verurteilt und Roßbach die sofortige Vollstreckung des „Urteils“ angeordnet hatte. Herr von Brandenstein wurde am 18. 3. 24, am Jahrestag der Ermordung Wittges , Ministerpräsident des Freistaates Mecklenburg-Schwerin .

Erschiessung von F. Slomky im Dorf Mecklenburg

Am gleichen 18.3.1920 leitete der Arbeiter F. Slomsky aus Karow in einer Gastwirtschaft im Dorfe Mecklenburg eine Versammlung streikender Arbeiter. Plötzlich fuhren mehrere Offiziere und etwa 60 Soldaten in ihren Autos vor und ließen die Arbeiter antreten. Der ebenfalls erschienene Rittergutsbesitzer Bachmann , bei dem Slomsky arbeitete, suchte die Rädelsführer heraus. Slomsky wurde verhaftet und schrecklich mißhandelt, während Bachmann sich mit einem Offizier unterhielt.
Dann trat das gleiche „Standgericht“, dem auch Wittge und Steinfurth zum Opfer gefallen waren, zusammen und fällte folgendes „Urteil“: Gemäß der Verfügung des Militäroberbefehlshabers Freiherr von Lüttwitz Nr. 15 (la Nr. 16313) wird der Arbeiter Slomsky, da er als Rädelsführer und mit der Waffe in der Hand zum Widerstand gegen die Truppe aufgefordert hat, mit dem Tode des Erschießens bestraft.

Slomsky wurde an seiner Wohnung vorbeigeführt, wo seine Frau und Kinder standen und schrecklich schrien. Kurz hinter dem Dorfe wurde er erschossen. Die Leiche brachte man der Witwe ins Haus.

Freisprüche für die Mörder

Die Staatsanwaltschaft in Schwerin / Mecklenburg stellte das Ermittlungsverfahren gegen die Mitglieder des „Standgerichts“ zunächst am 7. 10. 1920 mit der Begründung ein, daß der Tatbestand einer vorsätzlichen, bewußt rechtswidrigen Tötung nach Lage der Sache ausgeschlossen sei und eine fahrlässige Tötung unter den Amnestieerlaß vom 4. 8. 1920 (Kapp-Amnestie) falle. Im Jahre 1922 wurde das Verfahren gegen die Mitglieder des Standgerichts, den Gerichtsoffizier (Leutnant Linzenmeier), den Zeugen Leutnant Meincke und den Oberleutnant Roßbach wieder aufgenommen und Eröffnung der Voruntersuchung wegen Mordes beantragt. Das Mecklenburgische Landgericht, Strafkammer I, lehnte diesen Antrag am 19. Januar 1923 ab.

In der Begründung heißt es:
Die sämtlichen Angeschuldigten haben in den Tagen des sogen. Kapp-Putsches im März 1920 an einem gegen den Freistaat Mecklenburg-Schwerin und damit mittelbar gegen das Deutsche Reich gerichteten hochverräterischen Unternehmen mitgewirkt… Urheber und Führer des Unternehmens sind sie dagegen nicht gewesen… Aufgabe der Angeschuldigten, die einer militärischen Organisation, und zwar dem der Reichswehr angegliederten freiwilligen Sturmbataillon Roßbach angehörten, war es damals, den Widerstand, welcher den neuen politischen Machthabern des Kapp-Putsches bei Durchführung ihrer Anordnungen zum Schütze der vorher bestehenden staatlichen Zustände entgegengesetzt wurde, zu brechen… Demgemäß lag ihnen auch ob, die von der neuen sogenannten Kappregierung für strafbar erklärten Handlungen der widerstrebenden Elemente gegebenenfalls mittels gerichtlichen Verfahrens, sogenannten Standgerichten, zu ahnden …
Die rechtliche Grundlage für die Einsetzung und Zuständigkeit der Standgerichte am 18. März 1920 bildete der Zusatz des damaligen Militäroberbefehlshabers von Lüttwitz , zu der Verordnung Nr. 19 des damaligen Reichskanzlers und der bekanntgegebene Befehl des Führers der Reichswehrbrigade 9 als auch für das Detachement Roßbach zuständigen höheren Militärbefehlshabers von Lettow vom 16. März 1920..

Man beachte, daß der Hochverräter Kapp als „damaliger Reichskanzler“, die republiktreuen, gegen die Hochverräter streikenden Arbeiter jedoch als „widerstrebende Elemente“ bezeichnet werden. Für die zur Brechung des Widerstandes der Arbeiterschaft gegen den Putsch eingesetzten „Standgerichte“ der Hochverräter wird allen Ernstes eine „rechtliche Grundlage“ in Verordnungen der meuternden Generale gesehen.
Auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Beschluß des Mecklenburgischen Landgerichts vom 19. 1. 1923 ordnete das Oberlandesgericht Rostock die Eröffnung der Voruntersuchung an (Beschluß vom 24. 2. 1923).

Nachdem das Verfahren sich weitere viereinhalb Jahre hingezogen hatte, kam es am 27.7.1927 sogar zu einem Haftbefehl gegen Roßbach, Bender und Meincke. Dieser wurde jedoch auf Beschluß der Ferienstrafkammer Schwerin vom 18. 8. 27 mit der Begründung aufgehoben, daß die Erschießungen auf Grund eines Standgerichtsurteils erfolgt seien. Mit der gleichen Begründung wurden die drei Hauptverantwortlichen dieses Arbeitermordes am 18. März 1928 – also acht Jahre nach der Tat – durch Beschluß der Schweriner Strafkammer endgültig außer Verfolgung gesetzt. Gumbel, dem die Ermittlung dieses Falles zu verdanken ist, kommentiert bitter: »Die von einem Deserteur bestätigten Urteile eines von einem meuternden General zur Bekämpfung der Republik eingesetzten >Standgerichts< werden damit als rechtsgültig anerkannt.

Heinrich Hannover – 1960

Vier Jahre Politischer Mord

Die folgenden Zeilen berichten über die politischen Morde, die seit dem 9. November 1918 in Deutschland vorgekommen sind. Dabei sind gleichmäßig die von Links und die von Rechts begangenen Morde dargestellt. Ein Fall wurde aufgenommen, falls es sich dabei um eine vorbedachte, gesetzwidrige, durch innerpolitische Motive verursachte Tötung eines namentlich bekannten Deutschen durch einen anderen Deutschen handelte, wobei der Vorgang sich nicht als Massenhandlung sondern als individuelle Tat qualifizierte.

Ich habe nur solche Fälle aufgenommen, wo die erschießende Partei nicht behauptet hat, daß sie von der Menge angegriffen wurde, und wo es sich nicht um eine Lynchung durch eine namenlose Menge oder andersgeartete Massenhandlungen, sondern um ganz bestimmte Täter handelte. In der Auswahl der Fälle bin ich bei den Morden von Rechts viel vorsichtiger verfahren als bei denen von Links. Ich habe daher mehrere Fälle von Links mit auf genommen, die mehr den Charakter von Tumulten als von politischen Morden hatten. Auf die Exaktheit der Angaben habe ich in jedem einzelnen Falle die größtmögliche Sorgfalt verwendet und versucht, überall aktenmäßige Genauigkeit zu erreichen.

Ich habe mich gestützt auf Gerichtsakten, Urteile, Entscheidungen über Einstellung des Verfahrens, Zeugenaussagen, Mitteilungen von Rechtsanwälten, von Hinterbliebenen, endlich Zeitungsnotizen. Die Prozeßberichte habe ich hauptsächlich in den rechtsstehenden Zeitungen studiert. In allen Fällen, wo das Material nicht genau war, wurde an die An-gehörigen und Berichterstatter geschrieben. Blieben die Nachrichten unvollständig, so blieben die betreffenden Fälle weg. Ich kann somit jede hier vorgebrachte Behauptung einwandfrei belegen.

Prinzipiell wurden nur solche Fälle aufgenommen, in denen der Name des Opfers mir bekannt wurde. Wo sich im Text auch anonyme Fälle finden, dienen sie nur zur Veranschaulichung der betreffenden Vorgänge. Nur an zwei Stellen bin ich von diesem Prinzip abgewichen. (Seite 18 und 32.) Der jeweilige Stand des Verfahrens war am schwierigsten zu ermitteln. Es ist daher möglich, daß in Fällen, wo mir kein Ver-fahren bekannt wurde, ein solches tatsächlich schwebt oder -das Verfahren bereits eingestellt wurde. Dagegen glaube ich, daß die Zahl der von mir angeführten Bestrafungen vollständig ist.

Das Buch kann keinen Anspruch darauf erheben, alle politischen Morde darzustellen, die in den letzten Jahren in Deutschland vorgekommen sind. Ich bitte daher alle Leser, welche weitere Fälle wissen, hierüber an den Verlag der Neuen Gesellschaft. Berlin-Fichtenau, zu schreiben. Das vorliegende Buch ist eine Fortsetzung und Erweiterung meiner Broschüre ,,Zwei Jahre Mord.“

Ich hatte darin unter anderm die Behauptung aufgestellt, daß die deutsche Justiz über 300 politische Morde unbestraft läßt und hatte erwartet, daß dies nur zwei Wirkungen haben könne. Entweder die Justiz glaubt, daß ich die Wahrheit sage, dann werden die Mörder bestraft. Oder sie glaubt. daß ich lüge, dann werde ich als Verleumder bestraft.

Tatsächlich ist etwas Drittes, völlig unvorhergesehenes eingetreten: Obwohl die Broschüre keineswegs unbeachtet blieb, ist von behördlicher Seite kein einziger Versuch gemacht worden, die Richtigkeit meiner Behauptungen zu bestreiten. Im Gegenteil, die höchste zuständige Stelle, der Reichsjustizminister, hat meine Behauptungen mehrmals ausdrücklich bestätigt. Trotzdem ist nicht ein einziger Mörder bestraft worden.

Emil Julius Gumbel , Berlin . 16. Oktober 1922

Politische Morde in der Weimarer Republik

E. J. Gumbel hat im Verlag Neues Vaterland ein kleines Buch erscheinen lassen: ›Zwei Jahre Mord‹. Es ist die wichtigste Publikation der letzten drei Jahre.

E. J. Gumbel hat die politischen Mordtaten der Jahre 1918 bis 1920 kühl und sachlich gesammelt, alle, die von rechts und die von links, und er hat gleichzeitig ihre gerichtliche Aburteilung aufgezeichnet. Die Vorarbeiten machen den Eindruck der lobenswertesten Sorgfältigkeit; es ist nirgends ein Anhalt dafür zu finden, daß der Verfasser Tatsachen umgekrempelt hat, um irgendeinen Standpunkt zu verfechten.

Er hat, wie ausdrücklich bemerkt ist, alle Mordtaten überhaupt fortgelassen, die von einer Menschenmenge, gleichviel welcher Art, begangen worden sind; ferner solche, wo die erschießende Partei behauptete, angegriffen worden zu sein; alle Erschießungen in Oberschlesien; alle Fälle, wo es sich um persönliche Racheakte handelte; alle Fälle, wo die Erschießung auf Grund eines kriegsgerichtlichen Urteils erfolgte (was sehr anständig von ihm ist: denn Qualität und Kompetenz dieser ›Gerichte‹ waren mehr als suspekt) – und endlich alle Fälle, die nicht ganz aufgeklärt sind. Was dargestellt wird, ist einwandfreies Material.

Im November 1918 flutete ein Heer von annähernd acht Millionen Mann in die Heimat; die dort befindlichen Formationen kamen in Unordnung und lösten sich teilweise auf. Es ist nicht gesagt, daß die Desertion desjenigen, dem ein erzwungener Fahneneid geleistet worden war, die Ursache hierzu war. Ungezählte Truppenteile hielten – wenigstens solange sie in Feindesland waren – aus Klugheit zusammen. Wenngleich auch hier viele Offiziere ihre Extratouren fuhren – im allgemeinen war doch in der Masse die Sehnsucht, ›endlich wieder zu Muttern‹ zu kommen, ebenso groß wie der Wunsch, den verhaßten feldgrauen Kittel auszuziehen. Hunderttausende jubelten.

Aber das erste Gesicht, das ich in den Tagen, da Ludendorff Lindström hieß und in Schweden weilte, in einer Münchner Weinstube genauer ansah, war das eines typischen alten Majors, ein Gesicht, in dem die Backenknochen gar grimmig arbeiteten. Seine Frau durfte gar nicht zu ihm sprechen, so wütend war er; der ganze Mann, der da in einem Räuberzivil am Tisch saß, schien eine bis zum Platzen gefüllte Wutblase. Und, merkwürdig, er wirkte unedel.

Zwei Tage vorher waren wir mit einem sehr bekannten österreichischen General im eiskalten Coupé von Budapest nach Wien gefahren, und als der Morgen dämmerte und wir uns verabschieden wollten, hatte der hochgewachsene Mann sich mit aschgrauem Gesicht erhoben, hatte jedem von uns die Hand gedrückt und hatte sagen wollen: »Meine Herren – Gott erhalte . . . « Er hatte es nicht zu Ende sagen können, und in dem Raum war wohl keiner, dem nicht das Wasser in die Augen gestiegen war. Wir fühlten: Hier zerbrach ein Leben. Und wie verschieden wir alle auch zum Kriege standen – wir fühlten: dieser Mann sah etwas versinken, an das er klar und selbstlos geglaubt hatte sein Leben lang. Fahr wohl . . .

Der alte Major in München wirkte wie ein Nußknacker. Ob seine Kinnladen noch funktionierten, war ungewiß – sicher war nur, daß er nun keine Nüsse mehr bekommen würde, und daß es – so schien es damals – unwiderruflich vorbei war: vorbei mit der Selbstherrlichkeit und vorbei mit der Anbrüllerei, vorbei mit dem Vorzugsessen und vorbei mit der Vorzugsstellung, vorbei mit dem dicken Gehalt und mit verschiedenem andern auch. Was war das für eine neue Welt, wo die ›Kerls‹ in derselben Weinstube sitzen durften wie die ›Herren‹, wo man nicht durch ein Achselstück ein für alle Mal als höherer Held legitimiert war, sondern wo man – Tag für Tag und Situation für Situation – seinen Mann stehen und sich immer wieder aufs neue das erkämpfen mußte, was man darstellte. Der Schmerz jenes Generals war tragisch – der Schmerz des Majors grotesk. Dem einen war ein Idol zerbrochen – dieser war von einer Höhe heruntergepurzelt, auf die er nie gehört hatte.

Der Major war nicht der einzige. Ein kleines Heer unbefriedigter, verärgerter, deklassierter und menschlich degradierter Männer war nach Hause zurückgekehrt und wußte nicht, was beginnen. Ihre Hauptangst, die Rente könnte ausbleiben, trat später zurück – aber das andre blieb doch: mit der Separatstellung im Staat und täglichen Leben war es zunächst einmal aus. Flüche hallten ihnen in die Ohren: Betrogen habt ihr uns und belogen! Ihr habt uns das Essen vier Jahre lang vom Munde weg gestohlen! Ihr habt gesoffen, während wir darbten! Ihr habt geschnauzt! Ihr habt getreten! Ihr habt Scheine bekommen, wo man uns Groschen hinwarf! Ihr habt uns wie Hunde behandelt – schlechter als die feindlichen Offiziere und viel schlechter als die Damen in den Nebenstraßen eurer Etappen! Und – schlimmer als die Flüche die Versicherung –: Nie wieder! Schmiert Akten, schleppt Kohlen, macht euch nützlich: wir fügen uns nicht mehr! Wir ordnen uns nicht mehr unter!

So 1918. Damals war keiner der Hauptschreier von heute auf dem Plan, damals wagten sich keine Achselstücke auf die Straße . . . Sie warteten.

Es waren viele, die da warteten. All die aktiven Offiziere, die ihr Handwerk kümmerlich erlernt hatten, aber weiter nichts, jene, die ganz genau wußten, daß die Phrase: »Der deutsche Offizier kann alles!« eben nur Phrase war, und daß sie ohne die Befehlsgewalt, hinter der das Zuchthaus stand, unter den natürlichen Hemmungen des Zivillebens nichts ausrichten konnten; ehrgeizige Streber, die die Qualifikation als Reserve-Offizier zu einer persönlichen Machtgeltung benutzten, wie sie ihnen in Familie und Amt oder Beruf versagt blieb; und das Heer der chargierten aktiven Subalternen, die der deutsche Sadismus und der Zivilversorgungsschein gleichermaßen zu ihrem Handwerk gelockt hatten. Die Verachtung einer Welt interessierte sie nicht. Hier war Deutschland, hier schinde! Und nun warteten sie.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Es ist heute erwiesen, daß Organisation und Einmarsch der Truppen, die 1919 in Berlin einzogen, beschlossen war, bevor die Berliner Unruhen begannen, und daß alle die radauliebenden Elemente, die in irgendeiner bunten Uniform ›Ruhe und Ordnung‹ zu schützen kamen, Anlaß und Motiv sorgfältig  vertauscht hatten. Der Schuster ohne Leisten wird sich unglücklich fühlen – wenn der gelernte Soldat keinen Feind hat, dann macht er sich einen.

Ein entlaufener Kriegsberichterstatter und früherer sozialdemokratischer Redakteur machte die Wand. Was jener Noske, heute lebender Oberpräsident der Provinz Hannover und wohlbestelltes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei angerichtet hat, bezeugen 49 Gräber. Sein zweites Werk war eine Reichswehr, die heute schon jährlich fünf Milliarden verschlingt, an Stelle eines glücklich ausgerotteten Heeres – und sein drittes: die Wiedererweckung der deutschen Pest, des Militarismus.

Sekundiert wurde Noske dabei von Wolfgang Heine, einem Rechtsanwalt, bei dem es allenfalls zu einem gut bürgerlichen Kampf gegen die Zensur reichte – und sekundiert von den ewig blinden tapsenden Demokraten, denen es doch ein klein wenig bänglich war, daß nun gar keiner mehr da sein sollte, vor dem sie stramm stehen konnten . . . Das Werk begann.

Ich habe das deshalb so ausführlich erzählt, weil so – und nur so – die militärische Schreckensherrschaft der letzten Jahre verständlich ist: aus dem gänzlich unpolitischen Impetus jener gärenden, immer kampflustigen, versorgungsbestrebten Masse unbefriedigter junger Leute: aktive Offiziere, Studenten, aus der Bahn geschlagene Beamte, Abenteurer und Schieber. Sie hätten die Freikorps auch in der tiefsten Wüste gegründet: sie mußten das tun – es war eine Frage des Bluts, daß sie es taten. Sie standen wie leere Droschken oder nächtliche Damen an der Ecke und warteten auf ihren Käufer.

Der kam. Eine gerissene politisierende Industrie hielt die Freikorps aus, die ungeheure Mittel verschlangen – und nun griff das in die politischen Wirren ein. Diese Soldateska hat sich – und das nachgewiesen zu haben, ist das unschätzbare Verdienst E. J. Gumbels – gegen die eignen Landsleute schlimmer als die Neger benommen.

Über die widerwärtigen Roheitsakte, die nicht tödlich ausgingen, berichtet das Buch gar nicht – man braucht diese Grosz-Gesichter nur gesehen zu haben, um alles zu verstehen: die Prügelszenen und die Kolbenstöße, immer gegen Deutsche –; auch nichts über die bis heute verbliebene Gewohnheit polizeilicher und militärischer Formationen, Gefangene körperlich aufs Schlimmste zu mißhandeln. (Also grade das, was die deutschen ›Gegenlisten‹, mit Recht, den Feinden vorwerfen.)

Aber immer bliebs nicht beim Schlagen. Noske trägt die Verantwortung – ruhe sanft, Verantwortung! – für 49 Morde in Berlin, v. Oven, der ›Befreier‹ Münchens, die für 184; die kommunistischen Unterjocher hatten 14 Tote auf dem Gewissen – und der Kapp-Putsch kostete 62 Republikanern das Leben.

In den meisten Fällen handelt es sich um politischen Mord. Daneben gabs auch sinnlose Übergriffe größenwahnsinniger Sadisten, wie die, wo man zwei Sechzehnjährige und einen Achtzehnjährigen auf eine Denunziation hin ohne Beweiserhebung erschoß; wie die, wo ein Tischler ohne Untersuchung und Beweisführung ermordet wurde, weil er einen leeren russischen Patronenrahmen sein eigen nannte; wie die, wo ein sechzigjähriger Mann erschossen wurde, weil er seine Waffe, die er nicht benutzt, auch nicht angegeben hatte – erschossen von demselben Burschen, einem Leutnant Szekalla, dem Mörder eines Familienvaters, der Waffen und Waffenschein besaß und beides sofort auf Befragen herausgegeben hatte.

Einer wurde abgeknallt, weil er ein Fernglas, eine Mitgliedskarte der USPD und gedruckte Straßenpläne besaß. 29 Matrosen wurden in der Französischen Straße von einem grünen Jungen ermordet, der den Kopf verloren hatte – und das alles immer mit Berufung auf irgendwelche Wische sonst beschäftigungsloser Offiziere, ›militärische Dienstbefehle‹ genannt.

Schlimmer waren die politischen Morde. Es wurden, systematisch, alle irgend erreichbaren Führer der Opposition hingemordet. Ach, und was verstanden diese Soldatengehirne nicht alles unter ›Opposition‹! Zu dumm und zu faul, etwas andres als Dienstvorschriften, Jagdhumoresken, die ›Tägliche Rundschau‹, ein Blatt ähnlichen Kalibers oder Zoten zu lesen, richteten sie sich in ihrem Haß gleichmäßig gegen Demokraten, Bolschewisten, Dada-Leute, moderne Maler und Nationalökonomen. Unverdächtig war, wer Schmisse auf den Gesichtsbacken und jenes vorschriftsmäßig deutsche Bullenbeißergesicht trug, in dem die richtige Mischung von Kellner und Assessor ganz realisiert war.

Ermordet wurden: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Leo Jogiches, Dorrenbach, Gustav Landauer, Alexander Futran, Bernhard Schottländer, Hans Paasche. Die Liste kann beliebig verlängert werden: dies sind die bekanntesten, die getötet wurden. Und wie getötet! Zerstampft, zu Tode geprügelt, von hinten erschossen, erschlagen, ins Wasser geworfen und mit ›Fangschüssen‹ erledigt!

Summa: 314.

Demgegenüber stehen während zweier Jahre 14 analoge Mordtaten der Kommunisten. Die deutsche Justiz hat vor diesen Mordtaten versagt.

Das aktenmäßige Material Gumbels versetzt uns in die Lage, klipp und klar festzustellen:
Wie da – in den Jahren -1913 bis 1921 – politische Morde von deutschen Richtern beurteilt worden sind, das hat mit Justiz überhaupt nichts zu tun. Das ist gar keine.

Verschwendet ist jede differenzierte Kritik an einer Rechtsprechung, die folgendes ausgesprochen hat:
Für 314 Morde von rechts 31 Jahre 3 Monate Freiheitsstrafe, sowie eine lebenslängliche Festungshaft.
Für 13 Morde von links 8 Todesurteile, 176 Jahre 10 Monate Freiheitsstrafe.
Das ist alles Mögliche. Justiz ist das nicht.

Ganz klar wird das, wenn wir das Schicksal der beiden Umsturzversuche: Kapps und der münchner Kommunisten vergleichen, zweier Versuche, die sich juristisch in nichts unterscheiden:

Die Kommunisten haben für ihren Hochverrat 519 Jahre 9 Monate Freiheitsstrafe erhalten. Eine Todesstrafe hat man vollstreckt. Die Kapp-Leute sind frei ausgegangen.

Hier kann ich nicht kritisch folgen. Ich weise es von mir, mich mit Männern – Staatsanwälten und Richtern – ernsthaft auseinanderzusetzen, die das fertig bekommen haben. Sie haben nicht gerichtet. Sie sind es. Sie sind es leider nicht.

Und wie sollte das Resultat auch anders sein bei ihrer Vorbildung, die in Offizieren und Reserve-Offizieren einen bevorzugten Stand sieht, also grade die für eine ordnungsmäßige Ausübung der Rechtsprechung nötige Voraussetzung vernachlässigt! Diese deutschen Richter sind keine.

Daß ein Richterverein, daß ein Justizminister, daß laue Blätter der ängstlichen Demokraten wagen, einen Stand zu verteidigen, der einen ganzen Hochverratsversuch wie den von Kapp juristisch einfach unter den Tisch fallen läßt: das spricht für die Verkommenheit des deutschen Rechtsempfindens. Denn dies eben heißt Verkommenheit: nicht mehr fühlen, wie tief man gesunken ist.

Keine Strafe! – Ich könnte mir denken, daß ein humaner Richter den Kapp-Offizieren gewisse mildernde Umstände zubilligt, daß er ihnen alles Mögliche zugute hält: das Toben der Kommunisten – aber wo hätten die je so getobt wie die Militärs? –, ihre Vergangenheit, die Kriegspsychose, alles, alles – aber er mußte am Ende doch zu dem Schluß kommen: diese Leute haben einen Hochverratsversuch begangen und müssen bestraft werden. Sie sind alle in Freiheit.

Soweit nicht die Hintermänner des Umsturzes in den Parlamenten ihre Militärs durch die Amnestie retteten, die sie ihren Gegnern verweigerten, fand sich kein deutscher Richter, der Offiziere für die schwersten Verbrechen verurteilte. Er war ein Offizier. Und jener ist sein Richter. Sie sind einander wert.

Gumbels Buch kam zur rechten Zeit. Mit dem Vertrauen der anständigen Leute in die politische deutsche Rechtsprechung dürfte es nunmehr endgültig vorbei sein. Was diese deutschen Richter künftig noch in politischen Prozessen für Recht erkennen, mag ihre subjektive einwandfrei begründete Meinung sein: objektives Recht ist es nicht.

Lest dieses Buch von der deutschen Schande! Von der Schande unsres Militärs und von der Schande unsrer Justiz! Unterstützt von einem verprügelten und auf seine Unterkasten stolzen Bürgertum wüten Exekutive und Rechtsprechung nach wie vor, Woche aus, Woche ein gegen Schwarz-Rot-Gold für Schwarz-Weiß-Rot, gegen die Republik für die Monarchie, gegen den Geist – für Preußen und Bayern und, wenns so weiter geht, für ihr Deutschland.

Wir andern aber vergessen viel zu rasch. Wir konstatieren und gehen nach Hause. Jene dagegen wiederholen Tag um Tag und Tag um Tag, seit zwei Jahren: den Schwindel vom Dolchstoß, die Legende vom Scheidemann-Waffenstillstand, der doch eine Monarchenniederlage war, die historischen Unwahrheiten vom U-Boot-Krieg und die Lüge vom Erzberger-Frieden. Und sie drehen die Geschichte unermüdlich so lange, bis auch sie ihnen und ihrer Existenzrecht gibt.

Und wir? Wir trommeln nicht. Wir reden immer zu uns. Wir glauben, es sei nicht unterhaltend, den Leuten das einzuhämmern, was sie doch erst einmal wissen müßten, bevor sich die Grundlage für ihre Wandlung bilden kann. Geld fehlt. Freunde fehlen, Zeitungen schweigen. Immer wieder? Nie genug. Blut steht auf dem Spiel.

Ich habe geglaubt, es müßte noch einmal im Lande gezeigt werden, daß es auch andre Deutsche gibt als solche, die auf dem Kasernenhof gezüchtet worden sind. Und daß diese Deutschen die Eigenschaften, die das Reichsgericht in diesen Tagen als Tugenden des deutschen Militärs ausgerufen hat, für Laster ärgster Art halten.
Deshalb stand hier noch einmal die Geschichte vom Buch deutscher Schande.

Ignaz Wrobel (das ist Kurt Tucholsky), in: Die Weltbühne, 08.09.1921, Nr. 36, S. 237.

Der Kapp-Putsch und seine Folgen

Im März 1920 holten die Kräfte der Gegenrevolution zu ihrem ersten großen Schlag gegen die junge, noch ungefestigte Republik aus. Schon im Laufe des Jahres 1919 waren innerhalb der Reichswehr konspirative Verbindungen zur Vorbereitung eines monarchistischen Putsches geknüpft worden. Besondere Aktivität entfaltete dabei Hauptmann Pabst , der bereits bei der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts seine Hände im Spiel gehabt hatte.Den unmittelbaren Anlaß zur Auslösung des Putsches bildete die von der Reichsregierung beabsichtigte Auflösung der Freikorps, die im Baltikum einen abenteuerlichen »Krieg gegen den Bolschewismus« geführt und sich zu sehr an ihr Handwerk gewöhnt hatten, um den Rückweg ins bürgerliche Leben erstrebenswert zu finden.

General von Lüttwitz weigerte sich, die von Noske angeordnete Auflösung der Marinebrigaden Ehrhardt und Löwenfeld durchzuführen, und ließ die Brigade Ehrhardt in Berlin einmarschieren. Sie wurde zu früher Morgenstunde von General Ludendorff am Brandenburger Tor begrüßt. Die Reichsregierung hatte wenige Stunden vorher Berlin verlassen und sich nach Dresden begeben, nachdem die Reichswehrführung (General von Seeckt ) es abgelehnt hatte, ihren Schutz zu garantieren (»Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr!«). In der Reichskanzlei installierte sich der Generallandschaftsdirektor Kapp als »Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident« und begann, bedrängt von kaisertreuen Figuren, die bei der Ämterverteilung nicht zu spät kommen wollten, zu regieren. Auch General Ludendorff fehlte nicht bei den Kabinettsitzungen.

Die vaterländischen Kreise hatten zu früh gejubelt. Nach vier Tagen brach der Spuk am Widerstand der republikanisch gesinnten Bevölkerung zusammen. Die Arbeiterschaft erkämpfte durch den von den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Regierungsmitgliedem ausgerufenen Generalstreik einen Sieg über reaktionäres Militär, an den sich Konservative bis zum heutigen Tag nicht gern erinnern.
Reichskanzler Bauer (SPD) versicherte am 18. März 1920 vor der nach Stuttgart einberufenen Nationalversammlung: Strengstes Gericht erwartet alle diese Reichsverderber… Wer Schuld trägt an dieser lebensgefährlichen Erschütterung unseres Staatswesens, darf der Sühne nicht entgehen! (Sehr wahr!)

Das angekündigte strenge Gericht wurde eine Farce. Ein Amnestiegesetz vom 4. 8. 1920 erklärte alle Teilnehmer des Kapp-Putsches für straffrei, die nicht zu den »Urhebern oder Führern des Unternehmens« gehörten – eine notwendige und vernünftige Regelung, wenn man nicht Tausende von untergeordneten Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten vor Gericht stellen wollte. Nach Auffassung des Reichsgerichts gab es jedoch nur zehn Urheber und Führer des hochverräterischen Unternehmens, während alle anderen außer Verfolgung gesetzt wurden.

Von diesen zehn Angeschuldigten konnten sieben (darunter Kapp , Pabst , Lüttwitz und Ehrhardt ) ungehindert über die Grenze entkommen, so daß am Ende drei Männer auf der Anklagebank saßen: von Jagow , von Wangenheim und Schiele . Auch sie waren gegen Kaution mit der Untersuchungshaft verschont worden. Nur einer von ihnen (von Jagow ) wurde verurteilt, nämlich zur gesetzlichen Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft.

Aus den Urteilsgründen des Reichsgerichts: Bei der Strafzumessung sind dem Angeklagten, der unter dem Banne selbstloser Vaterlandsliebe und eines verführerischen Augenblicks dem Rufe Kapps gefolgt ist, mildernde Umstände zugebilligt worden.»

Als die Herren erkannten, daß die Richter der Republik Hochverrat von rechts als Kavaliersdelikt behandelten, kamen sie nach und nach zurück, um ihre Pension einzuklagen und die Republik zum endgültigen Sturm reif zu machen.

Heinrich Hannover, 1960

Ein Massenmord mit schätzungsweise rund 1.000 Toten

Ende März 1920 war unter den Aufständischen bis auf kleine Minderheiten die Erkenntnis allgemein, daß die Bewegung abgebrochen werden müsse; von einer einzigen Region aus, und war sie im Rahmen der deutschen Gesamtwirtschaft auch noch so wichtig, ließen sich die politischen Verhältnisse im Deutschen Reich nicht verändern. Die Selbstauflösung der Aufstandsbewegung lag zum Greifen nahe.“,“Diese Möglichkeit wurde jedoch sowohl von der Reichsregierung als auch von der Reichswehr ausgeschlagen und zerstört. Die Regierung entschied sich für den militärischen Einmarsch ins Industriegebiet und zwar – was besonders folgenreich war – für den Einmarsch sämtlicher Truppen, die im ganzen Reich irgendwie verfügbar waren. Darunter waren nicht wenige Freikorps und andere Truppeneinheiten, die den Militärputsch mitgetragen hatten.
Es war von der  Reichsregierung ein fast unbegreiflicher Zynismus, aber auch ein Ausdruck geringer Selbstachtung, diese Truppen noch einmal in Dienst zu nehmen, vor denen sie vor wenigen Tagen hatte fliehen und um ihre Existenz kämpfen müssen. Zynisch war diese Entscheidung gegenüber denen, die Opfer des militärischen Einsatzes werden würden, denn es war genau bekannt, welche Brutalitäten von diesen Truppen zu erwarten waren.

Die Truppenkommandeure vor Ort verschärften die Situation noch zusätzlich dadurch, daß sie selbst die von der Regierung und von Carl Severing gesetzten letzten Fristen für die Waffenabgabe ignorierten. Sie handelten nach der Devise: mit Roten wird nicht verhandelt, Abmachungen sind von vornherein null und nichtig. Das konkrete Vorgehen war also bestimmt von der Annahme eines rechtsfreien Raumes und von der Vogelfreierklärung des Gegners.

So endete die Aufstandsbewegung nicht in einer allgemeinen freiwilligen Abgabe der Waffen, sondern in einem Massenmord mit schätzungsweise rund 1.000 Toten -Ermordete, nicht Gefallene, weil die allermeisten erst nach dem eigentlichen Kampfgeschehen getötet wurden. Darunter übrigens auch Frauen, die zur Roten Armee gehört hatten, als Krankenschwestern etwa oder als Köchinnen; es gab Truppen. die besonders scharf auf diese – wie es hieß -»roten Huren« waren. 1000 Ermordete -eine solche Hypothek kann von eirer Militärdiktatur verkraftet werden, aber eine Demokratie überlebt sie nicht auf die Dauer.

Die Morde von Reichswehr und Freikorps-Soldaten

Erhard Lucas , 1990

Wie bei uns Geschichte geschrieben wird

Wenn man bedenkt, was alles geschrieben und getan wurde, um die Erinnerungen an jene aufregenden Ereignisse, die sich im Frühjahr 1920 im Ruhrgebiet zugetragen haben, vergessen zu machen, so verwundert es kaum, dass man heute selten jemanden findet, dem zu „Kapp-Putsch, Rote Ruhrarmee oder „Märzrevolution 1920“ irgendetwas einfällt.

Bereits am 13. September 1920 lehnt die Stadt Oberhausen z.B. einen Antrag ab, die getöteten Arbeiter auf dem Ehrenfriedhof zu bestatten. (Der Ehrenfriedhof sei ,,….lediglich für die im Krieg gefallenen Helden bestimmt“.) So errichteten die Arbeiter, wie in fast allen Städten des Ruhrgebietes, einen eigenen Gedenkstein, der bereits am 2. April 1921 eingeweiht werden sollte. Die Ruhrwacht warnte in diesem Zusammenhang davor, dass im Anschluß an die Veranstaltung eine Demonstration stattfinden und diese als Putschversuch (!!) gewertet werden könnte. Weil es kurz zuvor zu blutigen Unruhen gekommen war, bei denen ein Arbeiter von der Sicherheitswehr erschossen wurde, war der Ausnahmezustand verhängt und alle Veranstaltungen verboten worden. Ob die Einweihung trotzdem stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr ermitteln. Die lokalen Zeitungen berichten in der Folgezeit nicht mehr darüber. Im Gegensatz dazu beschrieb der spätere Literaturnobelpreisträger Eyvind Johnson am 6.5. 1922 den Gedenkstein:

,,Oberhausens Arbeiter haben den Revolutionsopfern ein stattliches Denkmal in Form eines gewaltigen, künstlerisch ausgeschmückten Steines über dem Massengrab gesetzt mit der Inschrift: Das Banner steht, wenn der Mann auch fällt.“

Die Nazis setzen dann alles daran, die Erinnerungen an den größten Aufstand in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auszulöschen. ,,Die haben alles rausgeholt, bei den Leuten, die sie kannten, auf’n Haufen geschmissen, nen großes Feuer gemacht und verbrannt“, erinnert sich der Bergmann Adolf Graul. Die 1933 jährlich zu Ostern stattfindenden Gedenkmärsche wurden verboten, Gedenktafeln, Inschriften, persönlichen Aufzeichnungen und Denkmäler fast überall zerstört – neue Denkmäler wurden errichtet: In Dorsten bereits im Juni 1934 für das Freikorps Lichtschlag, in Pelkum für den einzigen Toten der Brigade Epp und in Essen Steele ein zentrales Denkmal für alle Toten der Freikorps, Reichswehr, Sicherheitspolizei und Einwohnerwehren, die im Ruhrgebiet 1919/1920 gekämpft hatten.

Die Essener Stadtverwaltung legt auch nach Ende der Naziherrschaft alljährlich am ,,Volkstrauertag“ einen Kranz am Steeler Ehrenmal nieder, in Bottrop wurde 1960 eine Strasse nach der Marinebrigade Loewenfeld benannt und Veröffentlichungen knüpften nahtlos an die Darstellungen aus der NS Zeit an. So bleiben 1962 im Oberhausener Heimatbuch die erschossenen Arbeiter unerwähnt und die WAZ berichtet 1970:

,,Vor 50 Jahren: Rote Aufständische schrecken vor bestialischem Mord nicht zurück.“

Erst Ende der 1970er Jahre verändert sich allmählich das vorherrschende Geschichtsbild. Das mit der 1968er Bewegung gestiegene Interesse an der ,,eigenen Geschichte“ und vor allem Erhard Lucas ´ Studie ,,Märzrevolution 1920“, in der auf über 1000 Seiten die Ereignisse erstmals umfassend rekonstruiert worden waren, sind Auslöser für vielfältige Aktivitäten. Geschichtswerkstätten und lokale Initiativen forschen vor Ort, suchen nach Zeitzeugen und Spuren des Aufstandes. Die Projektgruppe ,,60 Jahre Kapp-Putsch“ präsentiert eine Ausstellung im Duisburg-Hamborner Ratskeller. Über 300 Besucher lauschen den Erzählungen der Zeitzeugen: Mit dabei: Erhard Lucas , Frank Baier , Johannes Leschinsky . Wenig später zieht Rio Reiser mit dem Hoffmanns Comic Teater durch das Revier. In einem Zirkuszelt spielen sie die Revue ,,Märzstürme“.

Jenseits der Elfenbeintürme entsteht eine eigene Geschichtskultur. Jetzt werden sogar Informationstafeln an historischen Orten angebracht, so am Essener Wasserturm und am Bahnhof Wetter . 1990 erscheint ein ungewöhnlicher Reisefüher: ,, Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution „, mit dem sich die Leser auf Spurensuche zu Stätten der Märzrevolution begeben können.

Und heute? Die Bücher von Erhard Lucas und Ludger Fittkau , die Romane von Hans Marchwitza , Karl Grünberg und anderen sind bestenfalls noch in Antiquariaten zu bekommen. Sind das die Folgen der ,,geistig-moralischen Wende“, die Helmut Kohl gefordert hat? Und das Ruhrgebiet ist im Wandel, Geschichte boomt als Event, wird aber zwischen Duisburg und Dortmund nur als technische und wirtschaftliche Evolution präsentiert. In keiner anderen Region gibt es eine ähnlich große Anzahl von Museen wie im Ruhrgebiet: Hinweise auf die Märzrevolution werden die Besucher in den unzähligen Ruhrgebietsmuseen allerdings vergeblich suchen. Die Erinnerungen wach zu halten, darum müssen wir uns schon selber kümmern.

Frank Dittmeyer, Geschichtswerkstatt Oberhausen , 2005

Märzrevolution 1920

Mein Thema legt an sich nahe, daß ich zuerst eine Darstellung der Märzrevolution, wie sie gewesen ist, und dann ihre historische Verarbeitung  nachzeichne. Jedoch nicht nur weil das etwas platt wäre, möchte ich anders vorgehen. Es ist nämlich so, daß man die Märzrevolution und ihre Verarbeitung zeitlich gar nicht strikt voneinander trennen kann, vielmehr ist der Ablauf der Bewegung durch und durch bestimmt von subjektiven Verarbeitungsmustem, und diese sind es, die die spätere Erinnerung an die Bewegung vorstrukturieren. Ich baue meinen Beitrag deshalb so auf, daß ich das Ganze in 10 Teilkomplexe auflöse und in jedem dieser Teilkomplexe die Verschränkung von Geschehen und subjektiven Handlungs und Wahmehmungsmustem aufzuzeigen versuche.

l. Die Bedeutung des Militärputsches

Der Militärputsch vom 13. März 1920 war eine lebensgefährliche Bedrohung für die junge Weimarer Republik. Der politische Kopf der Putschisten, der rechtsradikale Politiker Woifgang Kapp, hatte ein Programm, das auf eine Kanzlerdiktatur, die Entmachtung der Parteien und den Einbau aller Verbände einschließlich der Gewerkschaften in einen autoritären Korporativstaat hinauslief. Das Unternehmen einmal in Gang gesetzt, konnten die Putschisten hoffen, daß die Dynamik von Putsch und Bürgerkrieg das Militär in die politische Schlüsselposition bringen würde. Wenn sie gesiegt hätten, wäre ein politisches System nach Art von FrancoSpanien die Folge gewesen, natürlich mit einigen Unterschieden, die ich hier nicht schildern kann. Dagegen steht die Meinung, und so ist es oft dargestellt worden, daß der Militärputsch von 1920 nicht emst zu nehmen gewesen sei, daß es sich um  ein operettenhaftes Unternehmen gehandelt habe, das von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei.
Nun ist zugegeben, daß der Militärputsch von 1920 dilettantisch inszeniert war; seitdem ist auf der ganzen Welt von den Planem von Militärputschen ungeheuer viel dazugelernt worden. Aber das darf nicht dazu führen, die Bedeutung des Putsches von 1920 herunterzuspielen. Schon daß der Putsch überhaupt inszeniert werden konnte, war eine ungeheure Katastrophe für die politischen Kräfte, die die junge Weimarer Republik aufgebaut hatten. Man betrachte nur eimnal den Zeitpunkt; knapp l 1/2Jahre nach dem Sturz des Kaiserreichs und dem Sieg der Revolution vom November 1918! In dieser kurzen Zeit hatten die drei Parteien, die die Regierungskoalition bildeten und die Weimarer Verfassung ausgearbeitet hatten, nämlich die SPD, das Zentrum und die linksliberale DDP, einen rapiden Vertrauensverlust erlitten. Im Moment des Militärputsches konnten sie sich auf keine relevante gesellschaftliche Gruppe mehr zuverlässig stützen. Die Wahlergebnisse untermauern diese Behauptung. Anfang 1919, bei der Wahl zur Nationalversammlung, hatten die drei Parteien über 2/3 der Stimmen erhalten; bei der Reichstagswahl nach dem Militärputsch erhielten sie zusammen weniger als die Hälfte. Besonders katastrophal war der Einbruch bei der SPD: ihr Stimmenanteil wurde nahezu halbiert.

Femer muß festgestellt werden, daß die Putschisten keineswegs auf der ganzen Linie geschlagen wurden. Das Kalkül, daß die Dynamik von Putsch und Bürgerkrieg das Militär in die politische Schlüsselposition bringen würde, ist durchaus aufgegangen. Gerade im rheinischwestfälischen Industriegebiet, wo die bewaffneten Auseinandersetzungen weitergingen, längst nachdem Kapp in Berlin kapituliert hatte, und wo schließlich das Militär wochenlang bestimmte, was geschah, kann man das studieren.
Wenn trotzdem die Bedeutung des Militärputsches heruntergespielt wird, so ist das eine interessierte Sicht der Dinge, die man bis in die Ereignisse von 1920 zurückverfolgen kann. Der Militärputsch in Berlin hielt sich fünf Tage, dann brach er vor den Kräften des Widerstands zusammen. Bald darauf kehrte die geflohene Reichsregierung von Stuttgart nach Berlin zurück. In verschiedenen Regionen des Reichs jedoch gingen die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Militär und Arbeiterschaft weiter, am heftigsten im rheinischwestfälischen Industriegebiet. Die Reichsregierung entsandte zwei Spitzenpolitiker, Carl Severing (SPD) und Johann Giesberts (Zentrum). In Bielefeld kam es zu Verhandlungen mit Vertretern der aufständischen Arbeiter. Diese verlangten Konsequenzen aus dem Militärputsch und gesellschaftspolitische Veränderungen, die die katastrophale Fehlentwicklung korrigieren sollten. Um diese Forderungen abzuwehren, spielten Severing und Giesbens den Militärputsch mit allen Kräften herunter; sie sprachen von einer Köpenickiade, und man weiß ja, der Hauptmann von Köpenick kann nur die Figur eines Lustspiels abgeben.

2. Der Generalstreik

Der Generalstreik, der mit ungeheurer Wucht gegen den Militärputsch einsetzte, war der einzige politische Generalstreik in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der diesen Namen verdient. Er ist ein Markstein in der demokratischen Tradition Deutschlands. Aber auch hier muß man sich vor Illusionen und Mythen hüten. Vor allem eine Partei ist es, die keine historische Berechtigung hat, sich den Generalstreik von 1920 als Ruhmestitel anzuheften: die SPD. Sie tut das bis heute und beruft sich dafür auf folgenden Aufruf:

  • »Arbeiter, Genossen! Wendet jedes Mittel an, um die Wiederkehr der blutigen Reaktion zu vernichten. Streikt, schneidet dieser Militärdiktatur die Luft ab, kämpft mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik, laßt alle Spaltung beiseite! Es gibt nur ein Mittel gegen die Rückkehr Wilhelms II.: die Lahmlegung jedes Wirtschaftslebens! Proletarier, vereinigt euch!«

Dieser Text mit seiner Anlehnung an das Kommunistische Manifest war unterzeichnet von den SPDMinistem der Reichsregierung und von Otto Wels namens des SPDParteivorstandes. Nun ist zunächst mehr als zweifelhaft, ob die Minister diesen Text überhaupt verfaßt und unterzeichnet haben, bevor sie sich in die Autos setzten, um vor den Putschisten aus Berlin zu fliehen. Vermutlich stammt der Text aus der Feder des Pressechefs der Reichskanzlei. Vor allem aberhaben die SPDMinister sich wiederholt öffentlich von ihm distanziert.
Als sie aus Berlin zunächst nach Dresden, dann von Dresden weiter nach Stuttgart flohen, wurden sie von Generälen, die den Generalstreik bekämpften, wegen dieses Textes zur Rede gestellt. Dasselbe geschah dann telephonisch von General v. Watter in Münster, der für das rheinischwestfälische Industriegebiet zuständig war. Jedesmal haben die SPDMinister, voran Reichswehrminister Noske, beteuert, sie hätten mit diesem Aufruf nichts zu tun und mißbilligten den Inhalt. Diese Konfrontation und die weitere Erfahrung von 1920, daß ein Generalstreik, einmal in Gang gesetzt, eine radikalisierende Eigendynamik entfaltete, fuhr dann der SPD- Führung für alle Zeiten in die Knochen. Das war einer der Gründe, weshalb sie im Prozeß des Untergangs der  Machen wir uns klar, was das heißt: totale Arbeitsniederlegung und Stillstand aller Produktion und Zirkulation gegen putschendes Militär, das eine vorzügliche Verpflegung erhielt.
Es gab Militärs, die diese Situation wie ein Experiment erlebten, wobei wir noch einmal bedenken müssen, daß es damals noch kaum historische Erfahrungen mit Militärputschen gab. Ein Offizier der Marinebrigade Ehrhardt, der Kemtruppe der Putschisten in Berlin, schrieb ein Jahr später:
»Vielleicht war es ganz gut, diesem schwarzen Mann, mit dem immer graulich gemacht wurde, einmal hinter die Maske zu sehen. Der Generalstreik hat zur Folge, daß neben Unbequemlichkeiten für einzelne die Lebenshaltung jedes Staatsbürgers plötzlich und stark heruntergeschraubt wird…um so fühlbarer wird die Wirkung, je weniger Vorräte und Geld eine Familie hat. Dabei schneiden die Proletarier am schlechtesten ab… Den Soldaten konnte es … einerlei sein, ob die Menschen in den großen Städten, die keine Weckgläser und nicht viel Geld hatten, zu essen bekamen oder nicht.«

Zum Kalkül der Putschisten gehörte, die Industriearbeiterschaft von den agrarischen Regionen aus notfalls auszuhungern.
Es gab Arbeiterführer, die die begrenzte Reichweite des Generalstreiks erkannten und das Kalkül der Putschisten erahnten. Hagen war eine der wenigen Großstädte, die zum Zeitpunkt des Putsches ohne militärische Besatzung waren, was General v. Watter in Münster dann schleunigst zu korrigieren versuchte. Hier forderte am Nachmittag des Putschtages ein USPD-Führer in einer Konferenz, man müsse den bewaffneten Widerstand organisieren, und er begründete dies damit, daß »ein Generalstreik auf lange Frist unmöglich ist und letzten Endes doch zum Siege der Reaktion führen muß.«
Für diese Auffassung fandereine Mehrheit ein Ausgangspunkt für den Aufstand im Industriegebiet. Andernorts waren die Parteifunktionäre vielfach bedenklich und zögernd. Aber entscheidend war das Handeln der Arbeiter. Landauf, landab ertönte ein einziger Ruf nach Waffen als Antwort auf die Nachricht vom Putsch in Berlin. Waffenlager wurden ausgehoben,. Bürgerwehren, Kriegervereine usw. entwaffnet, mit den ersten Waffen traten die Arbeiter dem Militär entgegen, nicht nur  im rheinischwestfälischen Industriegebiet, sondern auch in Mitteldeutschland um Halle und Merseburg, in Teilen von Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg und Pommern.

von: Erhardt Lucas
Erster Teil eines Aufsatzes von 1990, erschienen in „Schwarzer Faden“