Zeugenaussage vor dem Kriegsgericht gegen die Mörder der 15 Arbeiter aus Bad Thal

Kapp-Putsch | , | 1920

„Am 20. 3. 20 rückte ich mit dem 2. Zeitfreiwilligen-Bataillon, dessen Führer Fregattenkapitän v. Selchow war, nach Thüringen aus. Nach einer nächtlichen Eisenbahnfahrt gelangten wir am Morgen des 21. 3. in Herleshausen an. In einer kleinen Ortschaft unweit von H. kamen wir in Quartier. Am 22. 3., morgens, traten wir den Vormarsch über Hörschel nach Eisenach an. Hier-selbst verblieben wir bis 24. früh. Von hier aus führte uns unser Marsch am Vormittag des 24. 3. nach Sättelstädt. Nach der Einnahme des Mittagessens kam der Befehl, daß das Bataillon mit 2 Autos eine Expedition nach Thal unternehmen sollte, da dieses noch von Spartakisten besetzt sei.

Die beiden Autos standen schon an der Gastwirtschaft am Ausgang nach Thal bereit. Für diese Unternehmung meldete sich eine große Anzahl Studenten, es konnten nur etwa 40 Mann teilnehmen. Die Teilnehmer waren hauptsächlich Leute der 1., 2. und wahrscheinlich 6. Kompanie. Nachts — die Zeit der Rückkehr kann ich nicht genau angeben — kehrte dieses Kommando nach Sättelstädt zurück.

Am Morgen des 25. 3. erfuhr ich dann, daß in Thal etwa 17 Mann, angeblich „Spartakisten“, durch die Studenten verhaftet worden seien, und daß diese Verhafteten während der Nacht im Spritzenhaus in Sättelstädt untergebracht und von Studenten bewacht worden waren.

Am 25. 3., etwa um 7 Uhr vormittags, trat das Bataillon v. Selchow den Vormarsch gegen Gotha an. Ich befand mich fast am Ende der Gefechtsbagage, die hinter dem Bataillon fuhr. Die verhafteten Spartakisten wurden ebenfalls mitgenommen und folgten der Gefechtsbagage mit einem Abstand von etwa 100 Metern unter Begleitung von etwa 10 bis 12 Studenten (die genaue Anzahl der Begleitmannschaften kann ich nicht angeben) hinter dem Bataillon, die Hände dauernd über dem Kopfe zusammengenommen, hergeführt. Auf dem Marsche sah ich, daß die Gefangenen von ihren Begleitern in der rohesten Weise durch Tritte auf die Füße, Stöße mit dem Gewehrkolben, mißhandelt wurden.

Etwa in der Zeit zwischen 7.30 Uhr und 8 Uhr vormittags hörte ich hinter mir Schüsse fallen. Es war zwischen Mechterstädt und Duderstadt [Ein Duderstadt ist in der Nähe nicht vorhanden. Eventuell Ortsunkenntnis des Aussagenden Dahlheim?], neben einer Haltestelle der Staatsbahn. In der Nähe dieser Haltestelle standen etwa sechs Bahnarbeiter an der Chaussee, welche bei Beginn des Schießens fortliefen. In der Annahme, daß wir im Rücken von Rotgardisten angegriffen würden, machte ich meine Schußwaffe schußbereit. Ich befahl meinen Leuten, dasselbe zu tun.

Auf meinen Wunsch holte der Bagageführer (ein Student, vermutlich ein früherer Reserveoffizier) von der am Schluß des Bataillons marschierenden Kompanie eine Gruppe zur Deckung der Bagage. Ich hatte den Eindruck, daß der Bagageführer derselben Annahme war wie ich. Auch die dem Bataillon Selchow zugestellte Flakbatterie, welche sich bei der Gefechtsbagage befand, machte sich schußbereit. — Nach einigen Minuten fielen weitere Schüsse. — Darauf ritt der Bataillonsadjutant nach hinten, kehrte jedoch nach kurzer Zeit zurück. — Das Schießen hielt indessen an.

Nach einigen Minuten kam ein Student von hinten. Auf meine Frage, was hinten los sei, gab er mir zur Antwort, daß sie drei von den Gefangenen erschossen hätten und drückte sich diesen gegenüber weiter so aus, daß es nicht lange dauern würde, dann seien alle erschossen. Ich gewann den Eindruck, daß die die Gefangenen begleitenden Studenten sich freiwillig zur Begleitung derselben gemeldet hatten, um ihre Wollust an diesen Bedauernswürdigen stillen zu können.

Der Marsch des Bataillons und der noch lebenden Gefangenen wurde indessen ungestört weiter fortgesetzt. Nachdem zum zweiten Male Schüsse gefallen waren, begab auch ich mich nach einer kurzen Zeit zurück zu den Gefangenen. Hier sah ich wiederum aus nächster Nähe, wie die Gefangenen durch ihre Begleiter in der rohesten Weise mißhandelt wurden. Ich sah auch, wie sie gezwungen wurden, im Gleichschritt zu gehen. Von einigen Studenten wurde versucht, mich an dem Zuschauen zu hindern. Auch wurden einige andere Leute der Bagage, welche ebenfalls hinzugekommen waren, von Studenten zurückgewiesen.

Kurz darauf kamen sämtliche Begleitmannschaften nach vorn und begaben sich zu ihrer Kompanie. Auf die Frage eines anderen Studenten, welchem die Begleitmannschaft in der Nähe meines Fahrzeuges begegnete, „sind sie alle erledigt?“ — bekam dieser zur Antwort: „Alle erledigt!“ Letzteres war kurz vor Duderstadt. Den Dragoner Trempa , von den Hofgeismarer Dragonern, wel-cher mir als Packwagenführer während unserer Operation in Thüringen zugeteilt war, der sich aber mit diesem Fahrzeug bei der großen Bagage befand, die erst später auf derselben Straße dem Bataillon folgte, fragte ich, ob er die erschossenen Gefangenen auf der Straße liegen gesehen habe. Er erzählte mir daraufhin, daß er die aus nächster Nähe gesehen hätte und daß sie grauenhaft, total von einer ganzen Anzahl Kugeln durchbohrt, aussehen.

Er erzählte mir weiter, daß nur eine einzige Leiche dabeigewesen sei, die nur einen Schuß durch die Stirn gehabt hätte, alle anderen seien durch eine größere Anzahl Schüsse bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet gewesen. Auf meine Frage, ob die Toten alle auf der Straße gelegen hätten, teilte er mir mit, daß sie fast alle direkt neben der Straße, ein kleiner Teil etwas weiter ab, liegen würden.

Einen Studenten fragte ich noch während der Schießerei, ob die erschossenen Gefangenen auf der Straße liegen bleiben sollten. Er gab mir zur Antwort: „Sie sollen sie nach Marburg schicken, unsere Anatomie braucht Leichen! übrigens werden sie ja auf der Straße gar nicht erschossen, sondern es wird jedem erst gesagt, er soll von der Straße heruntergehen, um dann auf ihn schießen zu können.“ Ich gewann hierdurch den Eindruck, daß die Erschießung der Ärmsten verabredete Sache war.

Wie wir in Gotha waren, verbreitete sich das Gerücht, daß das Standrecht aufgehoben sei. Das erregte unter den Studenten eine große Mißstimmung, und ich hörte von verschiedenen Äußerungen wie: „Jetzt wollen wir aber Ebert zeigen, daß er nichts zu sagen hat!“ und „Wir werden jetzt auf eigene Faust Standrecht machen“

Zeugenaussage des Offizierstellvertreters Dahlheim vor dem Kriegsgericht der ehemaligen 22. Division gegen die Mörder der 15 Arbeiter aus Bad Thal  — Marburg , 18. Juni 1920. Tribüne , Erfurt , 22. Juli 1920, Beilage. Ohne Unterschrift.  —

Die Aussage des Offizierstellvertreters Dahlheim vom Reichswehrjägerbataillon in Marburg war die wortgetreue Wiedergabe einer Befragung des Sergeanten Wagner . Dieser hatte das Studentenkorps als Küchenoffizier bei der Bagage begleitet. (Vgl. Der Marburger Studenten-Prozeß. Bericht über die Verhandlung vor dem Kriegsgericht nach stenographischer Aufzeichnung, Leipzig u. Berlin 1921, S. 55.) Für diese beeidigte Aussage wurde Dahlheim, der schon während des Kapp-Putsches ,,an der Spitze des unbedingt verfassungstreuen Teiles des Bataillons“ gestanden und ,,von dem mindestens verdächtigen Offizierskorps eine unzweideutige Erklärung“ verlangt hatte, gemaßregelt und am 21. Juni 1920 aus der Reichswehr entlassen. (Vgl. Berliner Tageblatt v. 30. Juni 1920.)

Die 15 verhafteten Arbeiter aus Bad Thal , unter denen sich Mitglieder der KPD , USPD und der DDP befanden, waren von reaktionären Bauern denunziert worden, weil sie ,,einer auch von den dortigen Anhängern der Regierungsparteien gebildeten Arbeiterwehr zum Schutze der republikanischen Verfassung angehört haben“. (Vgl, Gumbel , Emil Julius, Zwei Jahre Mord, Berlin 1921, S. 42 ff.; Duderstadt, Henning, Der Schrei nach dem Recht. ,,Die Tragödie von Mechterstädt“, Marburg [1920], S. 13.)

in Arbeitereinheit rettet die Republik (1970)