Wie bei uns Geschichte geschrieben wird

Kapp-Putsch | 1920

Wenn man bedenkt, was alles geschrieben und getan wurde, um die Erinnerungen an jene aufregenden Ereignisse, die sich im Frühjahr 1920 im Ruhrgebiet zugetragen haben, vergessen zu machen, so verwundert es kaum, dass man heute selten jemanden findet, dem zu „Kapp-Putsch, Rote Ruhrarmee oder „Märzrevolution 1920“ irgendetwas einfällt.

Bereits am 13. September 1920 lehnt die Stadt Oberhausen z.B. einen Antrag ab, die getöteten Arbeiter auf dem Ehrenfriedhof zu bestatten. (Der Ehrenfriedhof sei ,,….lediglich für die im Krieg gefallenen Helden bestimmt“.) So errichteten die Arbeiter, wie in fast allen Städten des Ruhrgebietes, einen eigenen Gedenkstein, der bereits am 2. April 1921 eingeweiht werden sollte. Die Ruhrwacht warnte in diesem Zusammenhang davor, dass im Anschluß an die Veranstaltung eine Demonstration stattfinden und diese als Putschversuch (!!) gewertet werden könnte. Weil es kurz zuvor zu blutigen Unruhen gekommen war, bei denen ein Arbeiter von der Sicherheitswehr erschossen wurde, war der Ausnahmezustand verhängt und alle Veranstaltungen verboten worden. Ob die Einweihung trotzdem stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr ermitteln. Die lokalen Zeitungen berichten in der Folgezeit nicht mehr darüber. Im Gegensatz dazu beschrieb der spätere Literaturnobelpreisträger Eyvind Johnson am 6.5. 1922 den Gedenkstein:

,,Oberhausens Arbeiter haben den Revolutionsopfern ein stattliches Denkmal in Form eines gewaltigen, künstlerisch ausgeschmückten Steines über dem Massengrab gesetzt mit der Inschrift: Das Banner steht, wenn der Mann auch fällt.“

Die Nazis setzen dann alles daran, die Erinnerungen an den größten Aufstand in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auszulöschen. ,,Die haben alles rausgeholt, bei den Leuten, die sie kannten, auf’n Haufen geschmissen, nen großes Feuer gemacht und verbrannt“, erinnert sich der Bergmann Adolf Graul. Die 1933 jährlich zu Ostern stattfindenden Gedenkmärsche wurden verboten, Gedenktafeln, Inschriften, persönlichen Aufzeichnungen und Denkmäler fast überall zerstört – neue Denkmäler wurden errichtet: In Dorsten bereits im Juni 1934 für das Freikorps Lichtschlag, in Pelkum für den einzigen Toten der Brigade Epp und in Essen Steele ein zentrales Denkmal für alle Toten der Freikorps, Reichswehr, Sicherheitspolizei und Einwohnerwehren, die im Ruhrgebiet 1919/1920 gekämpft hatten.

Die Essener Stadtverwaltung legt auch nach Ende der Naziherrschaft alljährlich am ,,Volkstrauertag“ einen Kranz am Steeler Ehrenmal nieder, in Bottrop wurde 1960 eine Strasse nach der Marinebrigade Loewenfeld benannt und Veröffentlichungen knüpften nahtlos an die Darstellungen aus der NS Zeit an. So bleiben 1962 im Oberhausener Heimatbuch die erschossenen Arbeiter unerwähnt und die WAZ berichtet 1970:

,,Vor 50 Jahren: Rote Aufständische schrecken vor bestialischem Mord nicht zurück.“

Erst Ende der 1970er Jahre verändert sich allmählich das vorherrschende Geschichtsbild. Das mit der 1968er Bewegung gestiegene Interesse an der ,,eigenen Geschichte“ und vor allem Erhard Lucas ´ Studie ,,Märzrevolution 1920“, in der auf über 1000 Seiten die Ereignisse erstmals umfassend rekonstruiert worden waren, sind Auslöser für vielfältige Aktivitäten. Geschichtswerkstätten und lokale Initiativen forschen vor Ort, suchen nach Zeitzeugen und Spuren des Aufstandes. Die Projektgruppe ,,60 Jahre Kapp-Putsch“ präsentiert eine Ausstellung im Duisburg-Hamborner Ratskeller. Über 300 Besucher lauschen den Erzählungen der Zeitzeugen: Mit dabei: Erhard Lucas , Frank Baier , Johannes Leschinsky . Wenig später zieht Rio Reiser mit dem Hoffmanns Comic Teater durch das Revier. In einem Zirkuszelt spielen sie die Revue ,,Märzstürme“.

Jenseits der Elfenbeintürme entsteht eine eigene Geschichtskultur. Jetzt werden sogar Informationstafeln an historischen Orten angebracht, so am Essener Wasserturm und am Bahnhof Wetter . 1990 erscheint ein ungewöhnlicher Reisefüher: ,, Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution „, mit dem sich die Leser auf Spurensuche zu Stätten der Märzrevolution begeben können.

Und heute? Die Bücher von Erhard Lucas und Ludger Fittkau , die Romane von Hans Marchwitza , Karl Grünberg und anderen sind bestenfalls noch in Antiquariaten zu bekommen. Sind das die Folgen der ,,geistig-moralischen Wende“, die Helmut Kohl gefordert hat? Und das Ruhrgebiet ist im Wandel, Geschichte boomt als Event, wird aber zwischen Duisburg und Dortmund nur als technische und wirtschaftliche Evolution präsentiert. In keiner anderen Region gibt es eine ähnlich große Anzahl von Museen wie im Ruhrgebiet: Hinweise auf die Märzrevolution werden die Besucher in den unzähligen Ruhrgebietsmuseen allerdings vergeblich suchen. Die Erinnerungen wach zu halten, darum müssen wir uns schon selber kümmern.

Frank Dittmeyer, Geschichtswerkstatt Oberhausen , 2005