Über den Menschen und seine Verhältnisse

1700-1800 | | 1792

Sollte es indessen einem Volke gelingen, statt der vielseitigen historischen Bestimmungsgründe für das Verhalten seiner Glieder eine Summe reiner Vernunftwahrheiten in Umlauf zu bringen und diesen die Autorität zu verschaffen, welche der Glaube sich immer zur Bedingung macht — denn von vielen, das ist nicht zu leugnen, werden auch sie mehr geglaubt als gefaßt werden — so würde der Gewinn für eine solche Gesellschaft unendlich groß seyn.

Wie kann und soll aber auch ein Volk zur Wahrheit kommen, so lange seine Vormünder nur solche Meinungen aufrecht zu erhalten suchen, welche geschickt sind, ihre usurpirte Gewalt über dasselbe zu befestigen, und es niemand unter ihnen völliger Ernst ist, den Regenten über dem Vater zu vergessen. Wer mag den schrecklichen Vertrag vernichten, welcher die Mächtigen fast alle stillschweigends gegen die Ohnmacht des Volks verbindet? Galt es nicht etwa von je her für einen Meisterzug der Weisheit, dasselbe gerade mit Noth genug zu belasten, um es unter diesem Druck ein höheres Gut weder gewahr werden noch vermissen zu lassen. 

Erast. Philemon.

P. Da der große Haufe der Menschen sein Glück in Dinge setzt, welche dem Zufalle unterworfen sind, so ist es gar nicht zu verwundern, wenn nur Wenige sich durch ihr Schicksal befriedigt finden. Die Verdienste derselben, worüber die Eigenliebe so vortrefliche Zeugnisse ausstellt, sind zu wichtig, als daß die Natur, welche sich mehr auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, als auf Belohnung ihrer Verdienste, die sie unglücklicher Weise nicht vorhersah, gefaßt gehalten hatte, reich genug seyn sollte, gegen alle eine gleich große Aufmerksamkeit zu bezeigen.

Dieß unrichtige Verhältniß der Anforderungen zur Masse, hat der so arbeitsamen Natur einen Concurs verursacht, und eine nothwendiger Weise daraus entstehende Unzufriedenheit, führt uns auf die Vermuthung, daß die Welt, so wie sie ist, wenig geschickt sey, eine allgemeine Glückseligkeit zu verbreiten.

Sollte die Habsucht einst vom Throne steigen; sollte es möglich seyn, daß Privateigenthum aufhörte, das einzige allzu verführerische Mittel zu seyn, sein Ich auszudehnen, und der Bürger, wie Kinder in des Vaters Hause, sich sättigte an der gemeinschaftlichen Tafel des kleineren Staates; welche ungeheure Menge von Verbrechen, mehr noch der lichtscheuen Vergehungen, alle Kinder des Luxus, würden da verschwinden!

Der dürftige Sohn unterdrückte dann nicht mehr den Wunsch, daß der reiche Vater sterbe; die Erbtheilung entzweyte nicht mehr Geschwister; die verlassenen Schuldthürme ständen dann nur noch Denkmähler unglücklicher Vorältern; der Fanatismus führte keine Schlachtopfer mehr zum Scheiterhaufen, weil Meinungen bloß Meinungen wären, durch kein Verzugs-Recht zur Waare gemünzt; kein Druck von oben her empörte dann unser Selbstgefühl; kein übermüthiger Glanz würde dazu dienen, das Elend der Armuth sichtbar zu machen, und ihren Neid zu erregen; kein Gefühl der Erhabenheit über unsere Brüder nährte dann die Eitelkeit, und verleitete uns, geringschätzig auf unsern Nächsten herab zu blicken. Die Wahrheit wäre dann ein allgemeines Gut …

Alle die Kräfte, in welchen jene Reihe von Vergehungen so gierig geschwelgt haben, vereinigten sich nun zum Besten des Allgemeinen, das an die Stelle des Eigenthums tritt; die Liebe zu demselben würde um so reiner seyn, je weniger sie von gewinndürstiger Selbstsucht getrübt wäre; um so größer, je weniger eine fremde, stärkere Leidenschaft sie verdrängen dürfte; das allgemeine Ganze aber nicht zu ausgedehnt wäre, um sein Ich zu den übrigen Einheiten berechnen zu können. Nur unter solchen Umständen ist volle Vaterlandsliebe möglich. Statt daß in einem großen Staate jeder Bürger einzeln da ist, der Egoismus eine enge Linie um ihn zieht, um nur sich zu gewahren, sich zu leben: schließt das Mitglied einer kleinem Gesellschaft sich mit voller Seele ans Ganze, vergißt gern sich selbst, und findet sein Glück in dem Glücke des Staats. 

Doch ich will einen Traum nicht wecken, der dazu bestimmt zu seyn scheint, noch Jahrhunderte zu schlafen, damit er das Hohngelächter nicht hören möge, womit ihn das wilde Heer der Leidenschaften beym Erwachen begrüßen müßte. Wenn es indessen wahr ist, daß jeder einzelne Mensch Zweck seiner selbst, und Mittel zu einem höhern Ganzen ist, und unter diesem Ganzen vernünftiger Weise nichts höheres als eine allgemeine Menschenglückseligkeit gedacht werden kann, so bin ich überzeugt, daß ohne eine solche Revolution unserer Ideen und Begierden das Ziel nicht zu erreichen ist. 

Die Natur des Menschen ist so zusammen gesetzt, und erlaubt so unendlich mannigfaltige Modificationen, daß die Ausbildung derselben, vom Teufel bis zum Engel — und hierin eben liegt der Grund ihrer Erhabenheit — alle Grade der Vollkommenheit erwarten lässet, und wir irren gewiß, wenn wir in unserer von Zeit und Umständen geformten Natur, die Natur des Menschen auffinden wollen.

Privateigenthum ist allerdings eine starke Aufmunterung zum Fleiß, und wenn die Begierde nach demselben sehr lebhaft wird, so opfert der Mensch seiner Werkstätte Schweiß und Leben. Ich will jetzt jenen gefährlichen Uebergang zur Goldliebe, die uns so gern für alles Edle und Große abstumpft, und welche die Politiker — was freylich ihre Natur nicht erlaubt — in keine Rechnung bringen, nicht erwähnen. Es fragt sich nur: ist Eigenthum des Einzelnen, das einzige Mittel, die Thätigkeit eines Volks zu unterhalten?

Die Erfahrung, so weit sie zeugen kann, scheinet dieß zu unterschreiben. Aber wenn das seyn vöm gewesen seyn beschränkt werden sollte, dann wären unsere schönsten Hoffnungen auf einmahl entblättert. Daß eine Sache so ist, überall so ist, beweis’t wenigstens noch nicht, daß sie nicht anders seyn kann.

Wenn kein Privateigenthum wäre, meinst du, so würden wir bald zur rohen Natur zurück kehren. Das Eigenthum also hat uns hinauf gezogen. Aber wie kann ich davon gewiß werden? Daß es fast überall gefunden wird, wo Industrie herrscht? Und doch, was geht dieser nicht alles zur Seite. Betrug, eigene moralische Krankheiten, will ich sie deß-halb zur Ursache erheben? 

Zeigt uns nicht das Beyspiel der Herrenhuter, wo dem Einzelnen bloß die Verwaltung der Güter von der Gesellschaft anvertrauet ist, daß Industrie das Privateigenthum sehr wohl entbehren kann? Haben sie nicht wegen ihrer bessern Producte jeder mechanischen Kunst, uns sich zinsbar gemacht? Wer findet bey ihnen ängstliche Sorge für Unterhalt. Die Kinder gehören dem Staate, werden von ihm gepflegt und versorgt, und ihre Erhaltung stört nicht die Ruhe des sterbenden Vaters. Mir entgeht die besorgliche Miene meiner Leser nicht, wenn sie in dem Gemählde von Menschenglück eine Menschenclasse auftreten sehen, dessen trüber Ernst jedes unschuldige Lächeln Sünde straft. Aber dieser Ernst, ihr hängender Blick, sind nicht Resultate ihrer Oekonomie, von der hier allein die Rede ist.

Ihr Beyspiel beweis’t aber auch, daß Aufhebung des Privateigenthums den Fleiß nicht nur nicht erschlafft, sondern veredelt. Ihre Arbeit wird nie durch ängstliche Sorge für Unterhalt übereilt. – Diese Sorge, wer weiß es nicht, zehrt das Mark des edelsten Lebens. Traurig ist der Gedanke, daß unzählige Menschen keine andere Bestimmung zu haben scheinen, als vom Morgen bis an den Abend auf Mittel gegen Hunger und Dürftigkeit zu sinnen. 

Und selbst jene Industrie, in deren Betrachtung wir unsere Größe finden, sinds mehr als glänzende Verirrungen von der Natur? Welche Menge von Kräften stehen nicht im Solde menschlicher Thorheiten? Das Triebrad derselben ist Gewinnsucht, gleichviel, wie und wo, wenn das Ziel nur erreicht wird. Die Direction in dieser großen Kunstschule führt die Mode; ohne Waffen, ohne eine andere Krone als einen Wetterhahn auf dem Haupte, hat sie es verstanden, die Hände einer halben Welt für sich thätig zu erhalten.

Für den Kopfputz der Damen muß eine erkünstelte Flora einen ewigen Frühling unterhalten. Zur Füllung leerer Köpfe arbeiten unreife Genies unermüdet an faden Romanen. Die Baukunst, das sprechendste Bild von der colossischen Vorstellung unseres kleinen Ichs, hebt hoch über die Natur des Menschen ihr stolzes Haupt. Der gekrümmte Landmann blickt an seinem versteinten Schweiß mühsam hinauf, fühlt den Spott, und kehrt zur Hütte zurück. Dieß sind die stolzen Palläste unserer Hoheit, dessen äußerer Glanz das innere Elend überschreyen soll. 

Man hat die Oekonomie der Bienen seit Jahrtausenden gesehen und bewundert. Man findet es schön, daß Eintracht ihr Band ist, daß sie alle nach einem Ziele streben, alle sammeln und tragen zu einem Haufen, keines das andere überlistet, beneidet, weil sie die Veranlassung dazu sorgfältig vermieden haben; ihre Schätze gehören ihnen gemeinschaftlich, so lange keine aufgeklärte Hand sie bestiehlt . . . 

E. So weit ich die Verfassung der Bienen kenne, liefert uns selbige eher die Grundzüge einer glücklichen Monarchie, als die eines Frey-staates.

P. … Das Freye eines Staates liegt nicht in der äußern Form, sonst würde so mancher der sogenannten Freystaaten, eine wahre Satyre auf die Freyheit seiner Glieder seyn, sondern in der Unabhängigkeit von der Willkür anderer, und in der Unmöglichkeit, daß diese ihren einseitigen Willen, weder als solchen, noch in einer gesetzlichen Form den übrigen Mitgliedern zur Richtschnur aufdringen können. Es war also wohl nicht die Natur der gesellschaftlichen Verfassung der Bienen, welche uns eine Monarchie in ihr erkennen ließ, sondern, wenn ich mich so ausdrücken darf, unser monarchisches Auge. …

Gesetzt aber auch, daß man dieser unvollständigen Aehnlichkeit wegen, ihrer gesellschaftlichen Verfassung den Nahmen einer Monarchie beylegen wollte, so hört sie deßhalb noch gar nicht auf, ein Freystaat zu seyn. Bey ihnen ist es im strengsten Verstande wahr, daß jedes Glied nur das thut, wozu es von der Natur angewiesen ist, und gibt es eine höhere Freyheit, als die, das wollen zu können, was die Natur von uns verlangt und uns erlaub t? 

E. Wenn ich dir auch alles zugestehe, so scheint mir doch der Plan zu einer allgemeinen Gleichheit unter den Menschen, höchstens eine schöne Chimäre zu seyn, geschickt, einen langweiligen Winterabend abzukürzen. Die Natur selbst lehnt sich dagegen auf, indem sie ihre Gaben so ungleich vertheilte, daß nicht selten bey zwey Menschen bloß die Aehn-lichkeit der thierischen Hülle, den ganzen Grund zu der Gleichartigkeit ihrer Natur hergeben muß. Auch kann es dir nicht unbekannt seyn, mit wie wenigem Erfolge sowohl die Römer, als auch in den neuem Zeiten die Engländer es versucht haben, durch gleiche Austheilung der Ländereyen jene Ungleichheit des Besitzes zu heben.

Das ungleiche Spiel menschlicher Kräfte warf in kurzer Zeit jene Grenzlinien wieder zu, setzte aus kleineren Einheiten größere Ganze zusammen, und spottete der Vorsicht der Gesetze.

P. Vielleicht sind wir uns näher, als du es zu glauben scheinst. Wenn ich von Gleichheit unter den Menschen sprach, so konnte es mir wohl nicht einfallen, die Gesetze des Mannigfaltigen aus der Natur zu verdrängen, und sie eines wesentlichen Theils ihrer Vollkommenheit zu berauben, vielmehr war die Rede zunächst bloß von dem gleichen Rechte, das jeder Mensch auf die Güter der Erde als nothwendige Bedingungen seiner Erhaltung hat, in so fern er sich den Pflichten unterzieht, welche die Gesellschaft, in der er lebt, ihm aufzulegen berechtigt ist, womit die natürliche Ungleichheit der Menschen selbst sehr wohl bestehen kann. Dieses Recht gründet sich weder auf die ungleichen Fähigkeiten der Menschen, noch, wie die stolze Tugend wähnet, auf das Gefühl der Würdigkeit, sondern auf ihre Bedürfnisse, die bey jedem — dieselben sind. Daß einer oder der andere durch geschärften Reiz sich Bedürfnisse schafft, die als Folgen der Ueppigkeit sich fälschlich zu den Bedürfnissen des Menschen gesellt haben, -da sie doch bloß Bedürfnisse der Menschen geworden, kann hier nicht in Betrachtung kommen; denn diese sind es gerade, welche sich auf Kosten der erstem vervielfältigten, und durch eine weise Staatsverfassung vermindert werden müssen. 

Jene falsche Richtung der Kräfte war auch unstreitig die Ursache, warum die Regierung in ältern und neuem Zeiten, durch gleiche Ver-theilung der Ländereyen, die Gleichheit des künftigen Besitzes eben so wenig behaupten konnte, als man auf einem Quadratfuß ungeebneter Erde die zu gleichen Theilen hingegossene Quantität Wasser festhalten kann. 

Wenn aber eine so starke Leidenschaft, wie der Durst nach Gewinn, bis zu dem Grade gepflegt wird, daß sie die einzige, immer wachsende Triebfeder unserer Handlungen werden muß, dann heißt das geradezu, der thierischen Natur gegen ein schimpfliches Handgeld unsere ganze Freyheit verkuppeln, und die Ruhe der Seele, jene himmlische Heiterkeit, noch oben ein in den Kauf geben. Wie scheußlich sind nicht die beyden Triebe nach Vollkommenheit und Achtung entstellet! 

Die Aufhebung des Privateigenthums aber würde noch von einer andern Seite die Menschen einander näher führen. Von je her war der seiner Vorzüge in Ruhe zu genießen; er ging weiter. Er sann auf Abzeichen, die ihn schon aus der Ferne als ein höheres Wesen ankündigen und der dienenden Classe so gleich ihre Niedrigkeit vergegenwärtigen sollte.

Der Mensch als Mensch galt nichts, er bedurfte stets eines bürgerlichen Stämpels, um öfters nur eines Theils der Menschenrechte theilhaftig zu werden. Diese falsche Würdigung des Menschen hat sich unserer umgebildeten Natur so sehr bemächtiget, daß wir beym Anblick eines Fremden nie damit zufrieden sind, zu erfahren, daß er ein guter Mensch ist; wir fragen gleich was er ist, und dieses zufällige Was entscheidet nur zu oft, ob man ihm mit Ehrfurcht entgegen kommen, oder sich umwenden solle. Nachdem einmahl die Rechte des Menschen so sehr verkannt sind, ist es beynahe ein lächerliches Benehmen der Moralisten, die innere Vollkommenheit gerade zu, denjenigen als ein sicheres Mittel zum Frohseyn anzupreisen, welche, durch äußere Verhältnisse zum bürgerlichen Nichts verurtheilt, bloß als Lastthiere betrachtet werden, die es noch für Gnade ansehn müssen, daß sie nicht gänzlich ausgerottet werden; ihre Reden sind pathetische Lügen, der Pflicht abgemiethet, und der Unbefangene, welcher ihnen zu folgen Gelegenheit findet, gewinnt am Ende bloß die Fähigkeit, das ihm widerfahrende Unrecht um so stärker zu empfinden. 

Allein die Ursachen, welche den Menschen verhindern, seiner Natur gemäß zu empfinden und zu handeln, sind nicht absolut, sondern eine Folge allgemein herrschender verkehrter Begriffe, und der daraus entstandenen zweckwidrigen Einrichtungen, die sich, so bald die größere oder stärkere Classe zu reinem Begriffen über sich selbst und den Zweck ihres Seyns gelangt seyn wird, von selbst heben müs’sen. 

P. Nimm den Fall an, daß alle Familien deines Dorfes sich vereinigten, ihre Habe und Gut zusammen zu werfen, und dasselbe als Eigen-thum der Gesellschaft zu betrachten, wovon die Bedürfnisse jedes Einzelnen befriedigt würden. In einem gemeinschaftlichen Hause würden alle an gemeinschaftlicher Tafel gesättigt, wo der Schwache den Starken beobachtete, der Unmündige vom Weisen lernte; wie zweckmäßig wäre dieses Mittel, nützliche Ideen in Umlauf zu bringen. Jedem würde von den ältesten, den einigen Obern, seine Arbeit bestimmt. Das besondere Bedürfniß eines Mitgliedes würde Sache des Staats; wie sehr verändert sich da der Standpunct eines jeden. Des Einzelnen Existenz ist nun nicht mehr seinen eigenen schwachen Händen anvertrauet, die ganze Gesellschaft wird Bürge dafür, Glück und Unglück hat seine Kraft verloren, spielt nicht mehr mit dem Schwachen ein leichtes Spiel, das Ganze biethet ihm eine feste Stirn, und der Mensch steht wieder seinem Schicksale.

E. Sehr gut. Aber du versprachst mir ein Recht, das mir mein Eigen-thum läßt, ohne daß es mein ist.

P. Dein Haus bleibt dir, dein Garten auch, denn die Gesellschaft nahm nicht, um dich zu verarmen, sondern daß du mehr haben, daß keiner darben möchte. Was hindert dich nun, dir Bäume zu pflanzen, und dich deiner Schöpfung zu freuen? [105 f]
E. Für wen arbeitet nun aber mein Fleiß, wenn er nicht meinen Kindem zu Gute kommt? Wird der Gedanke, daß Fremde seine Früchte ernten, mich nicht unthätiger machen?

P. Daß es uns doch so schwer wird, aus dem Kreise unserer Gewohnheitsbegriffe heraus zu treten! Warum ist dir denn dein Nächster ein Fremder? Dieß wars ja gerade, was wir abzuändern wünschten. Nachdem durch eine ungünstige Staatseinrichtung die Liebe des Menschen sich zu sehr concentrirt hat, ihre Wärme nur in sich brennt, bleiben wir gegen den Dritten kalt, Duldung ist der abgestorbenen Liebe höchste, letzte Kraft, und wenn ja uns noch etwas erwärmen kann, so ists gemeinschaftliche Noth.

Vernünftiger Weise kann doch ein Vater nichts höheres wünschen, als seine Kinder glücklich zu sehen, und wenn die Gesellschaft deshalb Bürge wird, was könnte außer diesem ihn wohl noch so dringend auffordern, derselben dankbar unsere Kräfte zu opfern?

Verfasser: Carl Wilhelm Frölich, 1792, zunächst unter Pseudonym veröffentlicht.
in: Die Früh-Sozialisten 1798-1848 (II)