Sowjet-Granaten für die deutsche Reichswehr?

Weimarer Republik | | 1927

Es gibt Dinge, die den Revolutionär, der die proletarischen Revolutionäre aller Anschauungen zu kameradschaftlicher Duldung überreden möchte, zur Parteinahme auch auf die Gefahr hin zwingen, Risse zu vergrößern. In der Angelegenheit der Enthüllungen des Manchester Guardian zu schweigen, hieße nicht ausgleichend und versöhnend wirken, sondern auf Kosten der Reinlichkeit und Wahrhaftigkeit Diplomatie treiben. Zur Zeit, da diese Zeilen geschrieben werden – ich muß der Feiertage und einer Reise wegen die Redaktion des Heftes schon in der Monatsmitte abschließen, – läßt sich mit annähernder Sicherheit dieser Situationsbericht geben:

Im Jahre 1922 errichteten die Junkers-Werke auf Veranlassung des Reichswehr-Ministeriums und gestützt auf dessen finanzielle Zusicherungen auf russischem Boden eine Fabrik, in der unter deutscher Direktion Kampfflugzeuge hergestellt wurden, die der Versorgung der deutschen Heeresmacht auf illegalem Wege dienen sollten. Zugleich wurden andre Unternehmungen ähnlichen Charakters in Rußland eingerichtet – der Vorwärts behauptet, ohne bis jetzt dokumentarische Belege dafür beizubringen, es handle sich um die Fabrikation von Artilleriemunition und Giftgasen.

Die Verträge zwischen den deutschen Industriellen und der russischen Regierung wurden von deutschen Reichswehr-Offizieren vermittelt und von Geßlers Ministeriums mit unterzeichnet. Da dieses Ministerium seine den Junkers-Werken gegebenen Garantien nicht erfüllte, ging die Firma pleite, und die übrigen nach Rußland geschobenen Munitionsschieber-Institute sollen sich jetzt in »einem ähnlich liquiden Zustand« befinden. Eine Denkschrift der enttäuschten Kapitalistenklüngels, die unter Zurückstellung »vaterländischer« Bedenklichkeiten das Wehrministerium der Bemogelung der Versailler Vertragskontrahenten und die Russen der Sektiererei zeiht, gelangte auf sozialdemokratischen oder andern Völkerbunds-Wege nach Manchester und von da zum Stampfer zurück, und nun ist ausgerechnet der Vorwärts sittlich entrüstet und klagt die Russen an, sie lieferten der deutschen Soldateska Waffen zur Niederknüttelung des deutschen Proletariats.

Was den Vorwärts anlangt, so lotet kein Wort des Ekels den Abgrund der Heuchelei aus, aus dem diese Kanaille sich den Mut holt, die schützende Gluckhenne des deutschen Revolutionären Proletariats zu markieren. Die Partei dieser Zeitung hat die Reichswehr geschaffen aus den weißgardistischen Freikorps und Landsknechtsformationen, die sie ebenfalls geschaffen hatte. Herr Wels, heute noch Vorsitzender der Partei, war der Berliner Stadtkommandant, der schon im Dezember 1918 als erster Büttel der Konterrevolution in revolutionäre Arbeitermassen hineinschießen ließ. Herr Ebert und seine Noskes derselben Partei haben in den Jahren 1919 und 20 den »Feindbund« ein übers andre Mal angewinselt, man möge doch eine Bewaffnung Deutschlands mit schweren Geschützen, Giftgasen und Großkampfflugzeugen zugeben, die ja beileibe nicht zur Vorbereitung von Kriegen, sondern durchaus nur gegen den inneren Feind, das Proletariat, verwendet werden sollten. Maximilian Harden hat grade diese Lumperei in seiner »Zukunft« oft ausgezeichnet charakterisiert.

Wenn der Vorwärts heute Rußland denunziert, daß es die deutsche Konterrevolution gegen das deutsche Proletariat bewaffnet, so quält ihn dabei nicht die Tatsache, daß damit neue Blutbäder unter den Arbeitern vorbereitet werden, sondern ihn ärgert, daß statt des westlichen Privatkapitalismus der russische Staatskapitalismus aus solchen Geschäften Profit zieht. Stresemann soll von England aus scharf gemacht werden, »diese geheime unverantwortliche Tätigkeit ihres (der Reichsregierung) eigenen Reichswehrministeriums ein für allemal zu unterdrücken«, – so schließt der Bericht des Manchester Guardian, und das heißt, Stresemann soll den Deutschnationalen die Patronen aus dem Lauf ziehen, mit denen sie im Bunde mit Rußland gegen Westen Krieg führen möchten und dem britischen Kapital die Politik fördern, die Deutschland als Bundesgenossen zum Kriege gegen den Osten braucht.

Wenn der Vorwärts also, der den Reichswehrkrieg gegen Sachsen organisieren half und stets gebilligt hat, jetzt darüber tobt, daß die sächsischen Arbeiter mit Sowjet-Granaten massakriert worden seien, so gehört es sich, ihn anzuspucken. Das enthebt aber nicht der Pflicht, mit aller Deutlichkeit auszusprechen, was vom Standpunkt des proletarischen Klassenkampfes zu den im Manchester Guardian veröffentlichten und nicht mehr bestrittenen Tatsachen grundsätzlich zu sagen ist. Dabei ist es gleichgültig, ob die weitergehenden Behauptungen des Vorwärts über die erst in den letzten Monaten in Stettin gelöschten Schiffe stimmen; diese Behauptungen lasse ich so lange nicht gelten, wie sie nicht dokumentarisch bestätigt sind: das zynische Feixen des Vorwärts ist allein nicht beweiskräftig.

Die Denunziationen der Junkers-Werke genügen vollauf, um ein Urteil fällen zu können. Es kann kein andres Urteil sein als ein sehr hartes und bitteres, das die russischen Staatslenker schuldig spricht, die Interessen des internationalen Proletariats in unerhört frivoler Weise denen des russischen Neukapitalismus untergeordnet zu haben. In diesem Zusammenhang soll garnicht gegen die Nep-Politik allgemein polemisiert werden. Mag es wahr sein, daß alle die Konzessionen an die Privatwirtschaft gemacht werden mußten, um die Existenz der Bevölkerung zu sichern, um den Aufbau der zerfallenen Wirtschaft, meinetwegen sogar in der Richtung auf den Sozialismus, möglich zu machen, – so bIeibt die Frage: Dient die Herstellung von Kampflugzeugen, die die deutsche Reichswehr zur Bekämpfung des eigenen oder ausländischer Proletariate nötig zu haben glaubt, der Hebung einer Produktion, mit der der Hunger der in Rußland arbeitenden Menschen gestillt werden kann? Ferner: Waren die verkrachten Junkers-Werke auf russischem Boden ein Betrieb »von konsequent sozialistischem Typ«?

Offen heraus gesagt, die Konzessionierung derartiger Fabriken, verbunden mit Frühstücksunterhaltungen zwischen Tschitscherin und Seekt, Bevorzugung rechtsnationalistischer deutscher Politiker zu diplomatischen »Pourparlers« – alle diese Dinge und noch viele mehr passen verteufelt schlecht zu den ständigen Versicherungen aus Moskau, daß dort alles nur unter dem Gesichtspunkt geschehe, die Weltrevolution zu beschleunigen und ihr die sicherste Fahrt zum Kommunismus zu bahnen. Uebrigens werden ja auch diese revolutionären Versicherungen seit langem nicht mehr von Regierungsstellen abgegeben, das überläßt man den Parteiinstanzen. Ist der Außenkommissar des proletarischen Staates in Berlin, so spricht er zum Proletariat so wenig, wie er vom Proletariat spricht. Er redet von Deutschland und meint damit das stresemännisch gefirniste Bendlerstraßen-Deutschland. Er spricht von freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland und meint gute Geschäfte der deutschen Kapitalisten im Verkehr mit russischen Behörden.

Die Dementis der Russen gegen die peinlichen Publikationen über die Sowjet-Granaten waren in keiner Weise beflissen, etwa die erregten Gemüter der Arbeiter zu beruhigen, es waren diplomatische Dementis an die Adresse der Reichsstellen zur gefälligen Benutzung in Genf, falls Chamberlain Aufklärungen verlangte. Das Aufklärungsbedürfnis der deutschen Arbeiterschaft zu befriedigen, überließ man der Redaktion der Roten Fahne. Da wurde denn heute bestätigt, was gestern abgeleugnet, heute bestritten, was gestern schon zugegeben war und damit aufs unzweideutigste bekundet, daß man das, was man verteidigte, keineswegs als harmlos, gleichgültig oder auch nur entschuldbar empfand.

Es ist leichter, in der Bekämpfung revolutionär gebliebener Genossen das rote gelb und das gelbe rot zu nennen, als die Belieferung der Weißgardisten mit Bürgerkriegswaffen als revolutionäre Tat begreiflich zu machen. Es wird nötig sein, die russische Staatsraison aus den Köpfen der Proletarier herauszubringen, die in ihren Ländern die Revolution anstreben. Die beiden Dinge sind nicht mehr dasselbe und passen nicht mehr zusammen. Es könnte sonst geschehen, daß die Sowjetmunition, auch ohne von Claß und Sodenstern zum Krepieren gebracht zu sein, das deutsche revolutionäre Proletariat so weit auseinander sprengt, daß es sich in der Stunde der Entscheidung nicht mehr zusammenfinden kann.

Quelle: Fanal. Herausgeber: Erich Mühsam, Jg. 1, Nr. 4, Januar 1927, S. 59 – 614
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