Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats

Bremer Räterepublik | 1918

Vorsitzer Henke (USPD): Es handelt sich darum, ob wir in so kurzer Zeit über diese Forderungen ins Reine kommen können. Wir müssen Punkt für Punkt vornehmen. [. . .] Vorsitzer des Soldatenrats Ecks schlägt vor, daß von jeder Richtung, Rechtssozialisten, Unabhängige, Linksradikale und Militärpartei, nur ein Redner zu jedem Punkte spricht. Vorsitzer Henke stellt fest, daß der Ausdruck »Militärpartei« wohl nur einen falschen Zungenschlag des Vorredners darstelle und nichts anderes als Soldatenrat bedeuten solle (Herr Ecks nickt zustimmend). Für die Delegation der demonstrierenden Arbeiter erhält dann Herr Knief das Wort. [. . .]

Vorsitzer Henke: [. . .] Er wisse nicht, wie die Arbeiter es sich vorgestellt hätten, daß die Entscheidung hier so schnell getroffen werden könnte. Die Versammlung unten habe sich ihre Forderungen sicherlich reiflich überlegt. Aber auch der Arbeiterrat müsse sich die Sache reiflich überlegen. [. . .] Mitglied des A.-Rates Deichmann (SPD) wendet sich gegen die Behauptung, daß die von Knief abgegebene Erklärung getragen werde von der bremischen Arbeiterschaft. Das sei seiner Ansicht nach unwahr. [. . .] Die Deputation der Arbeiterschaft der Atlas-Werke habe soeben im Namen von 2000 Mann, die dort beschäftigt seien, erklärt, daß sie an der Demonstration teilgenommen hätten, daß sie aber gegen Knief und seine Politik seien. Knief wäre also nicht berechtigt, mit solcher Dreistigkeit hier zu behaupten, daß seine Politik von der bremischen Arbeiterschaft getragen würde. [. . .]

Was will man denn in Wirklichkeit? Hier soll klipp und klar die Entscheidung getroffen werden, daß fortan nur Unabhängige und Linksradikale zusammenarbeiten und die Mehrheitssozialisten aus dem Aktionsausschuß und aus den Räten ausgeschifft werden sollen. Darüber soll hier die Entscheidung getroffen werden. Wir sehen dieser Entscheidung mit aller Ruhe entgegen. Die Diktatur sei eine Klassenherrschaft, und gegen eine solche hätte sich der Sozialismus immer gewandt. Die Diktatur führe zu nichts Gutem für das deutsche Proletariat, auch zu nichts Gutem für das Proletariat Rußlands oder das der anderen Länder. Die Demokratie müsse das Fundament des sozialistischen Staates sein, den man aufrufen wolle. [. . .] Redner versuchte dann, seine Ansichten über den Gang der Vergesellschaftung der Produktionsmittel darzulegen, wurde aber durch den Zuruf eines Delegationsmitgliedes unterbrochen: »Das geht uns hier nichts an, draußen wartet die Menge und stürmt hier die Bude, wenn nicht bald die Entscheidung fällt.« Die Deputation ist inzwischen auf etwa 25 Personen, darunter einige Frauen, angewachsen.

Vorsitzer Henke (USPD): Die Verantwortung dafür trifft Sie (zu der Delegation), die Sie die Massen hierher geführt haben. Er ersucht die Redner, sich kurz zu fassen. Ein Antrag auf Beschränkung der Redezeit auf fünf Minuten wird angenommen.

Mitglied der Arbeiterdelegation Stucke (IKD): Die Arbeiter haben klar gesagt, was sie wollen. Wir können es nicht verantworten, daß die Massen an der Nase herumgeführt werden, wie es Herr Henke tut. (Lebhafter Widerspruch, Henke protestiert energisch.) Die Leute wünschen nichts anderes als eine klare, namentliche Abstimmung über die vorgelegten Fragen, die seit einiger Zeit brennend sind. Ob sich jedes einzelne Mitglied des A.-Rates darüber klar ist, wollen wir nicht wissen; wer es nicht ist, mag einen weißen Zettel abgeben.

[. . .] Vorsitzer Henke (USPD) betont, die Gefahr, die darin liege, die Massen draußen lange warten zu lassen, hätte nicht der Arbeiterrat heraufbeschworen, sondern diejenigen, welche die Leute hierher geführt hätten. Unter einem solchen Druck könnten keine weittragenden Entschließungen gefaßt werden. Wir können uns auf keinen Fall unter eine solche Diktatur der Massen zwingen lassen, und es kann keiner von uns verlangen, daß wir auf Befehl der Massen Order parieren. [. . .]

Knief (IKD) für die Arbeiterdelegation: Es kann nicht die Rede davon sein, daß hier ein Druck ausgeübt werden soll. (Oho-Rufe). Wenn das nötig wäre, dann besagte das doch nur, daß man bisher mit dem Arbeiterrat unzufrieden wäre. Mitglied des A.-Rats Buchholz (IKD) schreit erregt in den Saal: »Hört, hört! Der Genosse Winkelmann (SPD) verlangt, daß man Knief die Pistole auf die Brust setze!« Es entsteht ein minutenlanger Tumult. Henke schwingt unermüdlich die Präsidentenglocke. Alles ruft und schreit durcheinander. Die Soldatenratsmitglieder und Vertrauensmänner stehen erregt und drohen, den Saal zu verlassen; solche Tumulte machten sie nicht mit. Herr Buchholz gestand am Schlusse der Versammlung, daß er die Äußerung des Herrn Winkelmann durchaus falsch verstanden habe.

Nachdem sich dann endlich der Tumult gelegt hat und die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt ist, macht Knief den Vorschlag, wenn man zu keiner Einigung kommen könnte, sollte man der draußen wartenden Menge mitteilen, daß es dem Arbeiterrat unmöglich sei, in so kurzer Zeit einen so wichtigen Beschluß zu fassen. Dann wüßten die Arbeiter wenigstens, woran sie wären.

Vorsitzer Henke: Das ist ein Vorschlag, der akzeptabel wäre. (Ein Delegationsmitglied ruft: Wir wollen als Männer nach Hause gehen, wollen einen klaren Entschluß haben! ) Es hindert Sie kein Mensch daran, als Mann nach Hause zu gehen. (Heiterkeit.) Kniefs Vorschlag erscheine durchaus akzeptabel. Es könne nicht so verfahren werden wie die Arbeiter sich das gedacht hätten. Er empfehle also, den Arbeitern zu sagen, der Arbeiterrat wolle Zeit zur Beratung der Forderungen haben, und erkläre, mit aller Gewissenhaftigkeit dieselben prüfen zu wollen. Aber jetzt im Augenblick, unter dem Druck der Faust könnte die Entscheidung nicht getroffen werden. Er für seine Person lehne das ganz entschieden ab. Man müsse die Forderungen mit aller Gewissenhaftigkeit prüfen und dabei natürlich immer im Auge behalten, daß man keine andere Aufgabe habe, als der Revolution nach besten Kräften zu dienen. Niemand wolle etwas anderes. Dies Vertrauen müsse man in den Arbeiterrat setzen. Ent-weder betrachte man ihn als eine revolutionäre Regierung oder nicht. Wenn nicht, dann müsse man das sagen, und der Arbeiterrat würde nach Hause gehen. [. . .]

Mitglied des Aktions-Ausschusses Ertinger (IKD) beantragt, mit Rücksicht auf die draußen wartenden Massen und auf die revolutionäre Zeit zur sofortigen namentlichen Abstimmung ohne weitere Debatte zu schreiten. Der Antrag wird angenommen. Der Soldatenrat stimmt nicht mit. [. . .]

Bevor der Arbeiterrat zu der Abstimmung schreitet, hört man von draußen lautes Rufen und Schreien. Einige hundert Mann sind in die Börse eingedrungen, in die große Halle und auf die Galerie. Die Erregung im Saale wächst. Mitglied des Aktions-Ausschusses Brodmerkel (IKD) fordert die Arbeiterdelegation auf, die Massen zu beruhigen und ihnen mitzuteilen, daß man vor der Abstimmung stehe. Mitglied des A.-Rats Starker (USPD) beantragt, der erregten Menge mitzuteilen, daß sie um 3 Uhr das Ergebnis der Abstimmung vernehmen sollte. Währenddessen geht die namentliche Abstimmung über den ersten Punkt der Forderungen vor sich..

Mittlerweile hat Herr Knief den Saal verlassen, um die Menge draußen zu beruhigen, während im Saale jetzt auch dringend nach baldigster Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses über den ersten Punkt der Forderungen verlangt wird. [. . .]

Mitglied des A.-Rats Stockhinger (IKD) meinte, die Abstimmung über die anderen Punkte erübrige sich je nach dem Ausfall des ersten Abstimmungsergebnisses. Würde der erste Punkt abgelehnt, dann betrachteten die Arbeiter ihre Mission als beendet. Die Arbeiterschaft erkenne in dem Arbeiterrat nur das ausführende Organ des Volkswillens. Der Arbeiterrat habe nur zu tun, was die Arbeiterschaft von ihm fordere. (Vorsitzer Henke ruft laut: Nein! Auch im Saal wird wieder lebhafter Protest laut.) Tue der Arbeiterrat das nicht, dann habe er das Recht verloren, sich Arbeiterrat zu nennen. (Lebhafte Unruhe.)

Vorsitzer Henke (USPD): So ist es ganz unmöglich, die Geschäfte zu führen. Die Masse draußen ist ein ganz unbestimmter Begriff. (Zuruf: Wer lebt denn von der Masse, Genosse Henke?) Ihr bietet dem Bürgertum ein schlechtes Schauspiel. (Sehr richtig!) Beweist doch, daß Ihr auch bei einer Revolution klaren Verstand behaltet. Wenn Ihr der Meinung seid, daß ich mein Amt hier nicht pflichtgemäß vertrete – ich stelle es sofort zur Verfügung. Solange ich aber hier stehe, verlange ich, daß man mir mein Amt nicht unnötig erschwert. Im übrigen verlange ich genau so viel Vertrauen wie die Mitglieder der Arbeiterdeputation. Ich stehe seit 30 Jahren in der Arbeiterbewegung. Es ist falsch, so zu handeln, wie eben hier vorgeschlagen worden ist. Es ist falsch, zum Arbeiterrat zu sagen, ihr seid Volksbeauftragte und habt nur zu tun, was die Masse draußen will. Die Masse besteht aus Unabhängigen, Linksradikalen und Mehrheitssozialisten, deren vielleicht sehr viele sind. Wo habt Ihr die Garantie für ein einheitliches Handeln oder für ein festes Mandat? [. . .]

Inzwischen sind wieder mehr Vertreter der Arbeitermassen im Saale erschienen, und es wird gefordert, daß Henke hinausträte und das Ergebnis der Beratungen mitteile. Mitglied des A.-Rates Ertinger (IKD), der als Schriftführer füngiert, gibt nunmehr das Abstimmungsergebnis über den ersten Punkt der Forderungen bekannt:

Die Forderung »Keine Nationalversammlung, sondern proletarische Diktatur« ist danach abgelehnt. Abgegeben wurden 209 Stimmen, davon gegen die Forderung 97, für dieselbe 56. 56 Mitglieder haben sich der Abstimmung enthalten oder waren nicht anwesend. Es bricht erneute Unruhe im Saale aus, namentlich unter den Mitgliedern der Arbeiterdelegation. [. . .]

Als sich dann eine Geschäftsordnungsaussprache über die Art der Abstimmung über die weiteren Punkte entspinnen wollte, kam es zu neuen erregten Auftritten. Ein Mitglied der Arbeiterdelegation rief: Keinen Augenblick dürfe jetzt mehr gewartet werden. Er verlange im Namen von 16 000 (??) draußen wartenden Arbeitern, daß Henke diesen sofort das Abstimmungsergebnis über den ersten Punkt mitteile. Herr Henke lehnte das zuerst mit der Begründung ab, daß die Delegation dieses Ergebnis den draußen Versammelten mitteilen könnte. Dem wurde aber eifrig widersprochen. Wiederholte Rufe: Henke muß raus und selbst sprechen! Ein Delegierter sagte: Wir wollen jetzt endlich Bescheid haben. Schlimm genug, daß wir hier einbrechen mußten, um den Bescheid zu holen, anstatt eingeladen zu werden. Da draußen gibt es auch hitzige Köpfe und wir können nicht garantleren, daß die Massen länger ruhig bleiben, wenn wir jetzt keinen Bescheid bekommen. Herr Henke muß herausgehen und mitteilen, was hier beschlossen worden ist und wie es steht, und daher erteile ich ihm als Beauftragter des Volkes hierzu das Wort.

Die Erregung stelgert sich und pflanzt sich nach draußen auf die Galerie fort, wo man sogar von Militär und Maschinengewehren sprechen hört. Von allen Seiten wird auf Herrn Henke eingeredet. Eine Frau ruft ihm zu: Wenn wir jetzt keinen Bescheid erhalten, wählen wir heute einen anderen Arbeiterrat. Nieder mit Henke! Schließlich stellte Herr Henke die Frage, ob er draußen sprechen sollte, in das Belieben der Versammlung, die ihm einstimmig zustimmte. Die Verhandlungen wurden darauf gegen 13:30 Uhr unterbrochen. Der Sitzungssaal leerte sich schnell, und Herr Henke gab dann der draußen harrenden Menge die Ablehnung der ersten Forderung durch den Arbeiterrat bekannt.

Kurz nach 2 Uhr wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Die Soldatenratsmitglieder waren nicht mehr anwesend, auch mehrere Mitglieder des A.-Rates waren bereits fortgegangen. Der Arbeiterrat blieb aber beschlußfähig. Es wurde über die zweite Forderung, restlose Entwaffnung des Bürgertums und Organisation der Bewaffnung des Proletariats, abgestimmt. [. . .] Die Abstimmung ergab die Annahme dieser Forderung, und zwar waren von 119 abgegebenen Stimmen dafür 100, dagegen 19 abgegeben worden.

Ebenfalls angenommen wurde die dritte Forderung, betreffend Übernahme der Bremer Bürger-Zeitung durch den A.-Rat und Neubesetzung der Redaktion durch einen Vertreter der Unabhängigen und einen Vertreter der Kommunisten. Von 120 abgegebenen Stimmen waren 89 dafür, 31 dagegen. Punkt 4 der Forderungen, der die unverzügliche Stellungnahme des A.-Rates verlangte, -war damit erledigt. [. . .] Neuwahl des Arbeiterrats.

Mitglied des A.-Rats Brauckmüller (USPD) stellte den Antrag, daß dem A.- und S.-Rat baldmöglichst ein Wahlreglement vorgelegt und Neuwahlen nach diesem Reglement so bald wie möglich stattfinden sollten. Neuwahlen zum A.-Rat vorzunehmen, wäre ja wohl auch der ganze Sinn der morgens stattgefundenen Demonstration gewesen. Vorsitzer Henke stimmte dem zu und empfahl, eine Kommission von fünf Mitgliedern einzusetzen, die das Wahlreglement auszuarbeiten und bis spätestens Dienstag kommender Woche vorzulegen habe. Der. Antrag wird angenommen.

Protokoll der Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrats in Bremen , Sitzung vom 29. November 1918 — abgedruckt in Revolution und Räterepublik in Bremen (1969)