Kiel in der Hand der revolutionären Matrosen, Soldaten und Arbeiter

In der Nacht zum 4. November und in den frühen Morgenstunden bildeten revolutionäre Matrosen und Soldaten auf den Schiffen und in den Kasernen Soldatenräte zur Führung des Kampfes. 260 Matrosen des Linienschiffes „Großer Kurfürst“ überwältigten die Offiziere, zogen an den Ort der Bluttat vom 3. November und schworen, den Mord zu sühnen. Die Matrosen der I. Torpedodivision hielten vor dem Stabsgebäude ihres Divisionskommandeurs eine Versammlung ab. Sie verlangten

  • die sofortige Beendigung des Krieges
  • die Abdankung der Hohenzollern
  • die Aufhebung des Belagerungszustandes
  • die Freilassung aller verhafteten Matrosen und politischen Gefangenen sowie
  • die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für beide Geschlechter.

Die Matrosen wählten kompanieweise ihre Soldatenräte. Noch am gleichen Tage fand die erste gemeinsame Sitzung aller Räte der Division statt. Karl Artelt wurde zum Ersten Vorsitzenden des Soldatenrates der Torpedodivision gewählt. Mittags nahm im Gewerkschaftshaus eine Kundgebung der aufständischen Matrosen die Forderungen der Matrosen der Torpedodivision einstimmig an.

Vergebens versuchten rechte Führer der SPD, den Anschluß der Arbeiter an die revolutionäre Matrosenbewegung zu verhindern. Am 4. November schrieb die rechtssozialdemokratische „Schleswig-Holsteinsche Volks-Zeitung“: „Die bedauerlichen Vorgänge in Kiel haben uns veranlaßt, sofort einen Vertreter nach Berlin zu entsenden. Genosse Kürbis hat heute früh mit der Regierung verhandelt. Er trifft abends wieder in Kiel ein, und dann wird gehandelt und Wandel geschaffen werden. Genosse Ebert hat keinen Zweifel mehr darüber gelassen, was ja von vornherein feststeht, daß die Partei jede nutzlose Fortführung des Kampfes ablehnt. Sie bittet, angesichts der innerpolitischen Lage und des entschlossenen Willens der Regierung, einzugreifen, dringend, daß die Arbeiter in den Betrieben bleiben.“

Diese Hinhaltetaktik blieb ohne Erfolg. Am Nachmittag des 4. November kamen die Ob- und Vertrauensleute der Arbeiter der Kieler Großbetriebe im Gewerkschaftshaus zusammen und faßten den Beschluß, am nächsten Tag als Zeichen der Solidarität mit den aufständischen Matrosen in den Generalstreik zu treten. Auf dieser Versammlung wiederholten die rechten Führer der Kieler Sozialdemokratie die Taktik, die Otto Braun, Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann während des Januarstreiks 1918 in Berlin angewandt hatten. Sie ließen sich gemeinsam mit Vertretern der USPD in den Arbeiterrat wählen, um die Bewegung von innen her abzuwürgen.

Inzwischen hatte der Gouverneur von Kiel, Vizeadmiral Souchon, erkannt, daß er mit den ihm zur Verfügung stehenden Truppen die revolutionäre Bewegung nicht niederwerfen konnte. Um Zeit für die Heranführung weiterer Militäreinheiten zu gewinnen, ließ er bekanntgeben, daß er eine Abordnung der Aufständischen empfangen wolle. Daraufhin begab sich am Nachmittag des 4. November eine Matrosendelegation zusammen mit Vertretern der SPD und der USPD in einem Auto, das mit einer großen roten Fahne geschmückt war zum Gouvernementsgebäude.

„Bevor wir in Verhandlungen mit ihm eintraten“, erinnert sich Karl Artelt, „fragte ich ihn, ob er uns als die von den Soldaten gewählten Vertrauensleute anerkenne und auf gleichberechtigter Basis mit uns verhandeln würde. Angesichts der realen Tatsachen antwortete er gezwungenermaßen mit ,Ja`. Ich erklärte ihm nunmehr, daß wir zunächst die Fragen klären müßten, die in seinem Machtbereich liegen. Gleichzeitig warnte ich jedoch, sich keinen falschen Hoffnungen hinzugeben und etwa Landtruppen gegen die revolutionären Matrosen einzusetzen. In diesem Falle hätte das III. Geschwader Anweisung, das Offiziersvillenviertel Düsternbrook unter Feuer zu nehmen …

Daraufhin sagte der Gouverneur : ,Aber meine Herren, können Sie verantworten, daß Frauen und Kinder vernichtet würden?‘ Ich erklärte ihm, daß es in seiner Macht läge, ein Blutbad zu verhindern. Wenn er es verantworten könne, daß Infanteristen auf Matrosen schießen, dann könnten auch wir jederzeit unsere Gegenmaßnahmen verantworten.“

Souchon sah sich gezwungen, die Verhafteten des III. Geschwaders freizulassen und die Räte anzuerkennen. Er versicherte, keine auswärtigen Truppen heranzuziehen und die bereits anrückenden zurückzuschicken. Trotz dieser Versprechungen marschierten noch am Abend auswärtige Einheiten in Kiel ein. Die meisten Soldaten schlossen sich den Aufständischen an, die übrigen wurden entwaffnet. Am Abend des 4. November befand sich Kiel vollständig in der Hand der revolutionären Matrosen, Soldaten und Arbeiter.

Der inzwischen gebildete provisorische Soldatenrat aller Kieler Truppen verkündete in einem Aufruf: „Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen. Die Macht ist in unserer Hand …“

Rote Fahnen wehten auf den Schiffen und den öffentlichen Gebäuden. Alle militärischen Anlagen waren von den Aufständischen besetzt. Der provisorische Soldatenrat leitete den Sicherheits- und Polizeidienst und übte die Kontrolle über die Stadtverwaltung und die Lebensmittelversorgung aus. Die Arbeiter, Matrosen und Soldaten in Kiel hatten dem deutschen Imperialismus einen schweren Schlag versetzt. Ihr Kampf wurde zum Signal für ganz Deutschland.

Die Matrosen hatten ihre nächsten Ziele erreicht. Das erneute Auslaufen der Flotte war verhindert, viele verhaftete Kameraden waren befreit worden. Mit den realen Machtpositionen, die sich die Kieler Matrosen, Arbeiter und Soldaten erkämpft hatten, standen die in den Abendstunden des 4. November von Vertrauensleuten verschiedener Schiffe und Formationen und von Arbeitervertretern im Gewerkschaftshaus beschlossenen 14 Kieler Forderungen aber nicht in Einklang. Sie waren zu sehr auf Einzelfragen beschränkt. Die Durchsetzung solcher Forderungen, wie Freilassung der politischen Gefangenen, Rede- und Pressefreiheit, Nichtauslaufen der Flotte, Kontrollrechte des Soldatenrats, Abschaffung des Vorgesetztenverhältnisses außer Dienst, bedeutete noch nicht, daß Frieden und Demokratie errungen waren.

Der Gegner war noch nicht zerschlagen, lediglich der allererste Schritt hierzu war getan worden. Um Frieden und Demokratie endgültig zu sichern, mußten in Deutschland nach dem Beispiel der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution Imperialismus und Militarismus mit ihren Wurzeln ausgerottet werden. Der alte, reaktionäre Staatsapparat mußte zertrümmert und eine wirkliche Volksmacht unter Führung der Arbeiterklasse errichtet werden.

in: Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution