Revolution beginnt in Hamborn

Novemberrevolution 1918/19 | 1918

Tarifvertrag 1918

In einem ersten Abkommen vom 14. November erreichten die Bergarbeitergewerkschaften vom Zechenverband u. a. die Achtstundenschicht einschließlich Ein- und Ausfahrt. Bisher hatte die Arbeitszeit auf den Ruhrzechen unter Tage acht Stunden ausschließlich Ein- und Ausfahrt betragen. Angesichts der Tatsache, daß inzwischen eine Revolution stattgefunden hatte, war eine Verkürzung der Arbeitszelt um durchschnittlich eine halbe Stunde (für die Ein- und Ausfahrt) nicht gerade beträchtlich – ganz abgesehen davon, daß die Revolution bedeutendere Ziele, voran die Sozialisierung der Betriebe, auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Außerdem hatte die Berliner Revolutionsregierung bereits zwei Tage zuvor die generelle Einführung des Achtstundentages dekretiert; da die Bergarbeitergewerkschaften jetzt nicht mehr herausholten, verloren die Bergarbeiter den traditionellen Ausgleich für die Schwere ihrer Arbeit, die kürzere Arbeitszeit im Vergleich mit den übrigen Industriearbeitern.

„,“In dem Abkommen wurde weiter vereinbart, daß künftig alle Streitpunkte nur noch durch Verhandlungen beigelegt wenden sollten. Damit setzten die Gewerkschaften Ihren im Kriege geleisteten prinzipiellen Streikverzicht fort. Der ,, Alte Verband “ veröffentlichte das Abkommen mit einem Aufruf an seine Mitglieder, der in dringendstem Tone zur gewerkschaftlichen Disziplin mahnte und klarmachte, daß zentrale Tarifpolitik Tarifzwang für die Einzelbelegschaften beinhaltet.

Forderung der Achtstundenschicht

Mit diesem ersten Abkommen nach der Revolution gerieten die Gewerkschaften bereits In Schwierigkelten. Mehrere Zechendirektionen hatten nämlich die Forderung der Achtstundenschicht radikaler aufgefaßt, als die Gewerkschaften sie gemeint hatten: sie rechneten die 8 Stunden vom Beginn der Seilfahrt des ersten Bergmanns der Schicht bis zum Ende der Ausfahrt des letzten Bergmanns, also 8 Stunden pro Schichtbelegschaft, das ergab als Schichtzeit pro Bergmann durchschnittlich 7,5 Stunden.

Die Gewerkschaften dagegen, die die Achtstundenschicht seit Ihren Anfängen gefordert hatten, hatten sie Immer als Zeit zwischen dem Beginn der Seilfahrt und dem Ende der Ausfahrt des einzelnen Bergmanns verstanden, d. h. jeder Bergmann sollte 8 Stunden unter Tage sein.

Und nun geschah das Erstaunliche: anstatt die für die Arbeiter günstigere Auslegung sich zu eigen zu machen und sie generell durchzusetzen, versuchten die Gewerkschaftsfunktionäre, diejenigen Belegschaften, deren Schichtzeit bereits auf 8 Stunden pro Schichtbelegschaft festgesetzt war, Im Sinne der alten Gewerkschaftsauslegung zu disziplinieren. Das gelang — bis auf eine Ausnahme: die Bergleute der Thyssen-Zechen in Hamborn verfuhren weiterhin nur 8 Stunden pro Schichtbelegschaft.

Revolution im Ruhrgebiet beginnt in Hamborn

Mit dieser Entscheidung der Hamborner Bergleute gegen ihre Gewerkschaften begann die eigentliche Revolution im Ruhrgebiet von 1918/1919. Es kann hier nicht dargelegt werden, warum gerade In Hamborn die selbständige Bewegung der Bergarbeiter begann. Hier muß der Hinweis genügen, daß August Thyssen in Hamborn eine Schachtanlage und ein Hüttenwerk errichtet hatte und dabei in amerikanischem Tempo in einer rein ländlichen Gegend eine Großstadt aus dem Boden gestampft hatte; nach drei Jahrzehnten verhältnismäßig normalen Wachstums von 1870 (2000 Einwohner) bis 1900 (28 000 Einwohner) schnellte die Einwohnerziffer bis 1912 auf über 100 000. Eine solche Entwicklung war selbst im Ruhrgebiet einmalig, das an solchen Rekorden nicht arm ist.

Unter welchen Bedingungen die Arbeiter — auch hier zu einem hohen Prozentsatz Ausländer aus vielen Ländern – lebten, kann ebenfalls nur angedeutet werden: zieht man mit aller Vorsicht einen Vergleich mit der Gegenwart, so war Hamborn nach Arbeitsbedingungen wie nach Wohn- und Lebensverhältnissen ein ,,Gastarbeiter“-Milieu riesigen Ausmaßes. Und in diesem Milieu war, wie sich jetzt zeigte, die gewerkschaftliche Organisation noch nicht so tief verankert, daß die Bergarbeiter — die übrigens von dem lokalen Arbeiter- und Soldatenrat unterstützt wurden — den Gewerkschaften zuliebe den einmal errungenen Vorteil wieder aufgegeben hätten. Unternehmer wie Gewerkschaften erkannten, welche Gefahren bei diesem Ausscheren einer bedeutenden Belegschaft aus der zentralen Tarifpofitik drohten.

in Erhard Lucas : Märzrevolution im Ruhrgebiet , Band I