Reichswehr schiesst nicht auf Reichswehr

Kapp-Putsch | 1920

Seeckt geht in das Reichswehrministerium, wohin er Hasse bestellt hat. Am 13., um 1 Uhr morgens, ist man zur Besprechung bei Noske. Der Kreis ist nicht ganz klein. General v. Oven , der mit General v. Oldenhausen Ehrhardt entgegengefahren war, überbringt dessen Bedingungen, die bis 7 Uhr morgens beantortet sein sollen. Nach der Schilderung dieser Lage stellt Noske die Frage, wer mit ihm bereit wäre, Ehrhardt mit den Waffe entgegenzutreten.

Reinhardt ( Oberst Reinhardt ) ist bereit. Da meldet sich der sonst so wenig redselige Seeckt zum Wort. Eiskalt bringt er die Worte heraus. Er schlägt nicht vor, er begründet kaum. Was er sagt, ist ein Befehl, ist eine Entscheidung, ein Urteil, ja  wenn man so will, eine Verurteilung. Jedenfalls der Meister  dieser Stunde heißt Seeckt . Nur soll man die Ruhe nicht falsch deuten. Vielleicht zum allerersten Male in seinem Leben gehorcht Seeckt nicht. Man soll ihm nicht nachsagen, er hätte die Grenzen des Gehorsams nicht gekannt. Er kannte sie. Jetzt befiehlt die Seele eines von Grund auf wahrhaftigen Menschen.

Er spricht: „Truppe schießt nicht auf Truppe. Haben Sie, Herr Minister, etwa die Absicht, eine Schlacht vor dem Brandenburger Tor zu dulden zwischen Truppen, die eben erst Seite an Seite gegen den Feind gekämpft haben?“

Noske stößt wütend hervor, Seeckt wolle also die Aufrührer schützen. Die Antwort kommt aus weiter Ferne, so als ob gerade noch die Frage, aber nicht mehr der Fragende ihn etwas anginge: „Keineswegs, aber ich weiß seine tragischen Folgen.“ — Und nun hebt sich um ein weniger drohend die — sonst beinahe mit seiner Verachtung gefärbte Stimme — ,und vielleicht weiß ich es allein, die der Kampf mit der Waffe haben würde. Wenn Reichswehr Reichswehr niederschlägt, dann ist alle Kameradschaft im Offizierskorps hin… Wenn das aber einträte, dann wäre die wahre Katastrophe, die mit so unmenschlicher Mühe am 9. November 1918 vermieden worden ist, erst richtig da.“

Für 3 Uhr in der Frühe war eine Kabinettssitzung bei Ebert angesagt. Seeckt nahm an ihr nicht teil. Er wartete im Vorzimmer das Ergebnis ab. Es war beschlossen, Ehrhardt keinen bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen. Seeckts Ansicht habe sich durchgesetzt. Still fuhr er nach Hause.“

„,“Quelle: Friedrich von Rabenau , Seeckt — Aus seinem Leben. 1918–1936. Leipzig 1941.- in Arbeitereinheit rettet die Republik (1970)