Noske in Kiel

Am Abend des 4. November trafen Gustav Noske und Conrad Haußmann in Kiel ein. Noske war bestrebt, die revolutionäre Bewegung unter Kontrolle zu bringen. Er genoß bei einem Teil der Matrosen Vertrauen, weil er ihnen als sozialdemokratischer Referent für den Marineetat im Reichstag bekannt war. Seine Ankunft werteten sie als Billigung ihres Kampfes.

Noch am späten Abend nahmen Noske und Haußmann an Verhandlungen zwischen dem Soldatenrat, Arbeitervertretern und dem Gouverneur teil. Die Delegierten der revolutionären Kieler Matrosen und Arbei-ter verlangten die Zusicherung, daß eine gewaltsame Unterdrückung der Bewegung von auswärts nicht geplant werde. Weiter forderten sie die Freilassung aller politi-schen Gefangenen, die Abdankung aller Monarchen in Deutschland, Frauen- und Verhältniswahlrecht und die sofortige Bekanntgabe der Waffenstillstandsbedingengen durch die Regierung. Um Zeit zu gewinnen und die Vertreter der Arbeiter und Soldaten zu beschwichtigen, sagten Noske und Haußmann zu, sich mit Berlin in Verbindung zu setzen und die Forderungen zu übermitteln.

Über das Ergebnis der Beratungen hieß es in einem Flugblatt des Soldatenrats: „Die in später Abendstunde beim Generalgouvernement unter Beisein des sozialdemokratischen Abgeordneten Noske und des Staatssekretärs Haußmann erreichten Erfolge sind:

1. Haußmann nimmt unsere Forderungen an und verspricht beschleunigte Durchsetzung bei der Regierung.
2. Sofortiges Abbrechen sämtlicher gegen unsere Bewegung gerichteten militärischen Maßnahmen …
4. Unter Mitwirkung des Arbeiterrates werden dem Soldatenrat die Akten der noch in Haft Befindlichen vorgelegt, um über deren Freilassung, mit Ausnahnie der wegen unehrenhafter Handlungen Verurteilten, zu entscheiden

Das Flugblatt, das der rechte Sozialdemokrat Bernhard Rausch und zwei Mitglieder des Soldatenrates im Einverständnis mit Noske verfaßt hatten, sollte die Matrosen, Arbeiter und Soldaten über die Ergebnisse der Besprechung täuschen. Haußmann hatte dort lediglich erklärt, „er werde sich aus Humanität für die Amnestie einsetzen“, es aber abgelehnt, „Schriftliches zu geben oder namens der Regierung zu sprechen“. Die Massen sollten glauben, daß bereits alles erreicht sei und daß es genüge, Verhandlungen mit Regierungsvertretern zu führen, -.tun ihre Forderungen durchzusetzen.

Noske gelang es, sich am 5. November zum ‚Vorsitzenden des Soldatenrates wählen zu lassen. Den Höhepunkt seiner Bemühungen, die beginnende Revolution zu erdrosseln — nach Prinz Max von Baden hatte Noske „Übermenschliches geleistet“ —, bildete die Übernahme des Gouverneurpostens durch ihn am 7. November 1918. Die Führer der Kieler Sozialdemokratie hatten am Morgen des gleichen Tages in einer geheimen Sitzung einen entsprechenden Beschluß gefaßt. Auf der Vertrauensmännersitzung aller Marineformationen am Nachmittag des 7. November unterstützten auch einige Führer der USPD dieses hinterhältige Manöver. Vizeadmiral Souchon und mehrere höhere Marineoffiziere stimmten wenig später der Ernennung Noskes zum  Gouverneur zu.

Sie hatten jetzt erkannt, daß sie nur mit Hilfe der rechten Führer der Sozialdemokratie die revolutionäre Bewegung eindämmen konnten. In seinem ersten Tagesbefehl ordnete Noske an, daß der militärische Sicherheitsdienst in seinem Befehlsbereich in vollem Umfange wiederaufgenommen werden müsse. Das Waffentragen — außer im militärischen Dienst —wurde verboten. Die Durchführung dieses Befehls hätte die Entwaffnung der Revolution bedeutet. Noske verhinderte die von revolutionären Kräften im Soldatenrat geforderte Bildung einer Roten Garde. Dafür formierte er später aus Berufssoldaten, Unteroffizieren und Deckoffizieren eine konterrevolutionäre Truppe, die im Januar 1919 zur Niederschlagung der revolutionären Berliner Arbeiter eingesetzt wurde.

Der Parteivorsitzende der USPD, Hugo Haase, der am 7. November gleichfalls in Kiel eintraf, billigte das Auftreten Noskes und trat für die Zusammenarbeit der USPD mit der SPD ein. Die opportunistischen Führer der USPD waren gegen eine echte Volksrevolution und ordneten sich schon in den ersten Tagen der Revolution der  konterrevolutionären Politik der rechten sozialdemokratischen Führer unter. Mit seiner Tätigkeit in Kiel schuf Noske das Beispiel für das Vorgehen der rechten Führer der SPD gegen die Volksmassen:

  • Eindringen in die revolutionäre Bewegung, um sie von innen her zu lähmen
  • Übernahme staatlicher Funktionen, um die
  • Machtergreifung durch die revolutionären Arbeiter und Soldaten zu verhindern
  • Mithilfe bei der Organisierung der militärischen Konterrevolution und bei der
  • Entwaffnung der Arbeiter.

Obwohl Noske die Stoßkraft der revolutionären Bewegung der Kieler Matrosen, Arbeiter und Soldaten abschwächen konnte, gelang es ihm nicht, die Revolution einzudämmen und ihr Übergreifen auf andere Gebiete zu verhindern.

in: Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution