Nieder mit dem Kapitalismus (Eberswalde)

Kapp-Putsch | 1920

Extra-Ausgabe. Mit Erlaubnis der revolutionären Arbeiter des Finowtals:
Die Lage in Eberswalde.

Generalstreik in vollem Umfange. — Schließung zahlreicher Geschäfte. — Massendemonstration der Arbeiterschaft.

Nachdem die Führer der drei Parteien, der SPD, USPD und der KPD fast die ganze Nacht von Sonntag zum Montag über beraten hatten, wurde die vollkommene Einigung der Arbeiterschaft erzielt. Für heute morgen 9 Uhr wurde nun die große Demonstration der gesamten Arbeiterschaft beschlossen, und schon frühzeitig hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge, die nach vielen Tausenden zählte, bei den Ardeltwerken eingefunden.  Pünktlich setzte sich der schier endlose Zug in Bewegung. (Die Eberswalder Arbeiter erhielten Zuzug von den Arbeitern aus Heegermühle, „die, einer Riesenschlange vergleichbar“, nach Eberswalde strömten)

An der Eisenbahnwerkstätte staute sich der Zug, da die Arbeiterschaft hier noch in den Betrieben tätig war. Friedlich wurde zur Niederlegung der Arbeit und Anschluß an den beschlossenen Generalstreik aufgefordert. Als dieser Aufforderung nicht Folge geleistet wurde, drang die bewaffnete Arbeiterwehr in den Betrieb ein, und nun verließ das gesamte Personal auch hier den Betrieb.

Darauf setzte sich der Zug, dem eine rote Fahne mit der Aufschrift „Einigkeit macht stark“ vorangetragen wurde, und in dem sonst noch eine Reihe roter Fähnchen und Fahnen getragen wurde, wieder in Bewegung und zog die Eisenbahnstraße, Jäger-, Kreuzstraße hinunter über den Marktplatz nach dem alten Turnplatz, wo sich die nun noch angewachsene Menschenmenge um die Erhöhung am Schießstande gruppierte. Hier hatten die Führer der sozialistischen Parteien von Eberswalde und auch die aus der Umgebung, die mit ihrer Arbeiterschaft in großer Menge erschienen waren, Aufstellung genommen.

Als erster ergriff nun Herr Stadtv. Zopf ( Führer der USPD-Ortsgruppe in Eberswalde ) das Wort zu einer wuchtigen Ansprache, die von der Menge mit lebhaften Bravo- und Hochrufen gehört wurde. Er wies auf die Einigung der Arbeiterschaft hin und auf die Diktatur, die nun wieder eine Minderheit ausüben wolle. Das wolle und dürfe sich die Arbeiterschaft nicht gefallen lassen. Für Friede, Freiheit und Brot zu kämpfen, sei es nun an ihr. (Bravo und Hochrufe).

Des weiteren erklärte noch Herr Zopf, daß an jedem Morgen um 10 Uhr alle Organisationen und Betriebe auf dem Turnplatz zur Entgegennahme der Parole zu erscheinen haben, und daß um 3 Uhr heute nachmittag eine zweite große Versammlung auf dem Turnplatz stattfindet, in der die Parole für das weitere Verhalten der Arbeiterschaft bekanntgegeben wird.

Dann ergriff der Gewerkschaftsführer, Herr Schrodeck ( Mitglied der USPD und Führer des Allgemeinen Deutschen Metallarbeiterverbandes in Eberswalde, welcher zu dem in Op-position zum ADGB stehenden Finowkartell gehörte ), das Wort zu einer Ansprache. Endlich, so führte er aus, habe die Arbeiterschaft begriffen, was sie hier zu tun habe und begreife nun hoffentlich auch ihre Aufgabe für die Welt.

Die bisherige Regierung, die gegen die Freiheitsbestrebungen der Arbeiterschaft die technische Nothilfe geschaffen hat, besitzt kein Recht, zum Generalstreik aufzufordern. Die neue Regierung kommt wieder mit den schönen Versprechungen. Die klassenbewußte Arbeiterschaft muß die Gewalt jetzt in ihre Hände nehmen. Das Ziel ist die Ausrufung und Festigung der Räterepublik. (Stürmischer Beifall.) Hoffen wir, daß die Einigkeit der Arbeiterschaft eine dauernde und feste ist. Zum Kampf für Freiheit, das ist die Losung für alle Arbeiterschaft. (Bravo.)

Die Demonstrationsversammlung klang aus in den Ausruf; Nieder mit dem Kapitalismus. Für den Sozialismus. Für die freie Räterepublik. Hoch die Weltrevolution!

Eine Reihe der Geschäftsleute hatten heute morgen ihre Läden gar nicht geöffnet. Andere schlossen in den Morgenstunden. Die Lebensmittelgeschäfte, die vielfach während des Umzuges auch geschlossen hatten, öffneten wieder und der friedliche Sturm, der schon am frühen Morgen auf Bäckerläden eingesetzt hatte, nahm seinen Fortgang. Die Zentralen der Eisenbahnwerkstätte usw. wurden von der revolutionären Arbeiterschaft besetzt. Post und Bahnhof und auch Telegraphenamt funktionieren wie bisher. Die Züge von Berlin sind ausgeblieben, während von Stettin nach Berlin der Zugverkehr regelmäßig ist. In den Mittagsstunden hat die revolutionäre Arbeiterschaft auch die Exekutivgewalt in der Stadt ergriffen.

28 bewaffnete Arbeiter haben die Polizei abgelöst und versehen den Dienst. Von der Aktionszentrale ist strengstes Vorgehen gegen Diebereien, Plünderungen und Verbrechen anbefohlen. Die Einigung des gesamten Finowtals ist erfolgt unter der Parole der Ausrufung der Räterepublik. In der Umgebung, aus der zahlreiche Arbeiterscharen zu dem Demonstrationszug in Eberswalde erschienen waren, sollen einzelne Truppenkommandos der neuen Regierung untergebracht sein. U. a. in Lichtenfelde ein Kommando von 80 Mann unter der Führung eines Hauptmanns.

Die Lebensmittelbetriebe in der Stadt setzen ihre Tätigkeit fort. Das Wasserwerk arbeitet, ebenfalls das städtische Elektrizitätswerk und das Gaswerk. Das Märkische Elektrizitätswerk gibt keinen Strom ab.“

Bericht des ,,Extrablatts der revolutionären Arbeiter des Finowtals“ über den gemeinsamen Kampf der drei Arbeiterparteien gegen die Militärdiktatur . Eberswalde , 15. März 1920. Extra-Ausgabe des Märkischen Stadt- und Landboten v. 15. März 1920. –
Diese Extraausgabe wurde nach Verbot der bürgerlichen Presse durch den Eberswalder Aktionsausschuß in der Druckerei des Märkischen Stadt- und Landboten am 15. März 1920 von den revolutionären Arbeitern gedruckt (vgl. Märkischer Stadt- und Landbote v. 28. März 1920, 2. Beilage).

in Arbeitereinheit rettet die Republik (1970)