Märzrevolution in Bochum und Wattenscheid

Kapp-Putsch | 1920

Selten genug erfährt ein Mensch mehr von der Bochumer Lokalgeschichte als den „heldenhaften Kampf“ eines heutigen Schützenvereins („Maischützen“) um die Stadtrechte, der gegen Dortmund gewonnen wurde und bis heute als Fußballrivalität kultiviert wird. Der offizielle Umgang mit der Geschichte zu Zeiten des Nationalsozialismus ist hanebüchen – daher sind AntifaschistInnen in erster Linie darum bemüht, die Geschichte vom (kommunistischen) Widerstand zu rekonstruieren und zugänglich zu machen sowie die Verstrickung Bochumer Lokalgrößen in den NS offenzulegen. Ein interessantes Stück ArbeiterInnengeschichte ist beispielweise der Ruhrkampf zu Beginn der Weimarer Republik.

Am Morgen des 13. März 1920 zog die „Brigade Erhardt“ mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Hakenkreuzen am Stahlhelm durch das Brandenburger Tor bis zum Regierungsviertel, um die noch junge Weimarer Republik zu beseitigen. Angeführt wurden die Putschisten von dem konservativen Reichstagabgeordneten und Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Wolfgang Kapp, zusammen mit dem Oberbefehlshaber aller Reichswehrtruppen Nord-, Mittel- und Ostdeutschlands General von Lüttwitz. Die damalige Reichsregierung mußte fliehen. Vor ihrer Flucht hatte sie noch zum Generalstreik aufgerufen, dem ungefähr 12 Millionen BürgerInnen in ganz Deutschland folgten. Es war eines der wenigen Beispiele erfolgreichen zivilen Ungehorsams in der deutschen Geschichte.

Im Ruhrgebiet begannen Freikorpstruppen strategische Positionen in den Städten (Ruhrbrücken, Bahnhöfe etc.) zu besetzen. Als um die Mittagszeit des 13.3. die Nachricht vom Putsch auch in Bochum eintraf, legten die Arbeiter des „Bochumer Vereins“, der Zechen „Engelsburg“ und „Präsident“ sowie viele andere Betriebe die Arbeit nieder. Auf dem Moltkemarkt (heute Springerplatz) versammelten sich daraufhin ungefähr 20.000 Menschen, um gegen den Putsch zu demonstrieren. Die Demonstration bewegte sich zum Stadttheater (heute Schauspielhaus) und die ersten Arbeiter begannen sich nach der Demonstration zu bewaffnen. Die Gewehre und Munition stammten noch aus dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution. In der Nacht zum 14. März hat im Haus des SPD-Organs „Volksblatt“ ein Arbeiterrat gebildet. Er bestand aus drei SPD-, drei USPD- und drei KPD-Mitgliedern.

Im damals noch selbstständigen Langendreer wurde ebenfalls ein Arbeiterrat gebildet. Mit der Bildung des Arbeiterrates begann der Aufbau von Arbeiterwehren. Mit den Arbeiterwehren verbündeten sich auch zwei der mehrheitlich sozialdemokratisch orientierten Kompanien der ansonsten reaktionären Einwohnerwehr. Sie besetzten am 14. März die Zentrale der Einwohnerwehr und fanden im Büro einen Frachtbrief, der einen Waffentransport aus Münster, als „Milchzug“ getarnt, ankündigte. Das war die Bestätigung dafür, das Teile der Einwohnerwehr und auch die Sicherheitspolizei (Sipo) mit den Putschisten sympathisierten. Der alte Hauptbahnhof (am heutigen Adenauer-Platz) wurde von Arbeitern besetzt und der sogenannte „Milchzug“ aus Münster in Empfang genommen. Und tatsächlich befanden sich in einigen Milchkannen etwa 2.050 Gewehre und Munition, die von den Arbeiterwehren gleich in Besitz genommen wurden. Jeder bekam ein Gewehr, der mindestens ein Jahr Mitglied in der Gewerkschaft oder einer der Parteien KPD, SPD oder USPD war. In den folgenden Tagen wurden die restlichen bürgerlichen Teile der Einwohnerwehr und die Sipo entwaffnet.

Auch in Wattenscheid wurden am 15. März alle Zechen bestreikt. Auch dort kam es zu einer Versammlung von SPD-, USPD- und KPD-Mitgliedern, um die Lage zu beraten. Am 16. März kam es an der Ecke Oststraße/ Hüllerstr. zu einer Schießerei, als eine Sipo-Streife zwei LKWs mit bewaffneten Arbeitern stoppen wollte. Das folgende Gefecht weitete sich daraufhin im gesamten Stadtgebiet aus. Vier Arbeiter fanden dabei den Tod, drei unbewaffnete Anwohner wurden von der Sipo erschossen. Die Kämpfe dauerten noch bis zum Abend. In Günningfeld kam es zu einer großen Protestkundgebung mit etwa 1.000 TeilnehmerInnen.

Aus den Arbeiterwehren formierte sich im gesamten Ruhrgebiet die Rote Ruhr Armee. Sie organisierte sich fast in allen Ruhrgebietsstädten. Im Norden kämpfte sie sich bis zur Lippe vor. Die Reichswehrfestung Wesel wurde am 24. März angegriffen. Im Süden drang sie bis Remscheid, im Osten bis Hamm, Ahlen und Beckum vor. Zu den ersten militärischen Siegen der Roten Ruhr Armee gehörte die Schlacht um den Bahnhof in Wetter, in dem sich die Freikorpstruppe „Lichtschlag“ verschanzt hatte. Insgesamt wurden bei dieser Schlacht 18 Freikorpsangehörige und fünf Arbeiter getötet.

Die politischen Ziele der am Aufstand und Generalstreik beteiligten Parteien waren sehr unterschiedlich: In Elberfeld forderten am 14. März USPD, SPD und KPD eine Räterepublik, in Hagen forderten USPD, KPD, SPD, das Zentrum und die DDP, die Republik vor den Putschisten zu verteidigen. Nach vier Tagen kapitulierten die Putschisten in Berlin. Die neue Reichsregierung unter dem neuen Reichskanzler Otto Bauer forderte dazu auf, die Streiks und die Kampfhandlungen zu beenden. Doch die aufständischen Arbeiter Innen stellten aufgrund ihrer Erfahrungen aus den Jahren 1918/19 den bewaffneten Kampf nicht ein. Sie bestanden auf einer Neuordnung der politischen Verhältnisse und darauf, daß den Arbeiterräten mehr Macht gegeben werden müsse. Am 23. März kam es zu Verhandlungen zwischen dem Reichs- und Staatskommissar Carl Severing (SPD) und kompromißbereiten Arbeiterräten und Gewerkschaftsvertretern. Es wurde ein Abkommen beschlossen, daß die Entwaffnung der aufständischen Arbeiter, sowie die Entwaffnung und Bestrafung der Putschisten vorsah. Den Aufständischen wurde Straffreiheit zugesichert. Es wurden Sozialisierungsmaßnahmen beschlossen und den Gewerkschaften entscheidenden Einfluß auf die Neuregelung der wirtschafts- und sozialpolitschen Gesetze eingeräumt.

Viele Aufständische legten daraufhin ihre Waffen nieder, andere kämpften weiter. So kam es zu Spaltung der Aufstandsbewegung. Einen Tag vor dem Bielefelder Abkommen gab Reichswehrgeneral von Watter einen Geheimbefehl an alle Truppenführer: Die Revolution sollte mit brutalsten Mitteln zerschlagen werden, das Kriegsrecht, standrechtlichen Erschiessungen statt Haft, sowie Schießbefehl auch auf unbewaffnete Menschenansammlungen. Die Reichswehr verstärke ihre militärischen Einheiten, um den Aufstand im Ruhrgebiet niederzuschlagen. Dabei wurden auch Freikorpstruppen eingesetzt, die am Putsch beteiligt waren. Anfang April 1920 brach der Widerstand der Roten Ruhr Armee zusammen. Reichswehr und Freikorpstruppen gingen mit brutaler Härte vor: Im gesamten Ruhrgebiet sind etwa 1.000 Angehörige der Roten Ruhr Armee und der Arbeiterräte durch standrechtliche oder willkürliche Erschießungen ermordet oder im Kampf gefallen.

Am 15. April 1920 rückten Freikorpstruppen und Reichswehr in Bochum ein. In Laer rückten am 16. April Teile der Freikorpsbrigade Epp ein, um an den Arbeitern Rache zu nehmen. Sie verhaftete 25 ehemalige Mitglieder der Arbeiterwehr, obwohl sie bereits am 2. April ihre Waffen niedergelegt hatten. Nach dem Abzug der Brigade Epp am 19. April wurden etwa elf Männer von ihr verschleppt, Karl Schluck, Führer der Arbeiterwehr Laer wurde „auf der Flucht erschossen. Zwei weitere Kämpfer wurden erschossen und verstümmelt aufgefunden. Laut damaligen Presseberichten hatte die Brigade Epp die Häuser jüdischer BürgerInnen mit Hakenkreuzen beschmiert. Heute erinnern in Bochum zwei Gedenksteine an die Zeit der Märzrevolution im Jahr 1920. Der eine in einem Park in Laer an der Ecke Wittenerstr./Dannenbaumstr., der andere auf dem Kommunalfriedhof in Werne. Die Tradition, den „März-Gefallenen“ zu gedenken ist bis heute erhalten geblieben. Alljährlich findet am Denkmal in Werne am letzten März-Wochenende eine Kranzniederlegung statt.

denkmal bochum werne
Denkmal an den Ruhraufstand in Bochun-Werne:
Die Inschrift auf dem Denkmal in Bochum Werne lautet: Das Leben nahmt ihr uns. Aber nicht den Geist. Andenken an die Freiheitskämpfer 1920. Sei Rebell. Auf zur Tat.

Auf dem Friedhof an der Blumenstr. sind sechs gefallene Rote Ruhr Kämpfer gegen den Kapp-Putsch beerdigt. Die Schrift auf den Grabsteinen ist allerdings nicht mehr erkennbar oder sie sind verschwunden.

Literaturempfehlung:

  • Ludger Fittkau und Angelika Schlüter (Hg.): Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution, Essen 1990
  • Buchner, Dominik, Gleising, junge: Kapp-Putsch und Märzrevolution in Bochum und Wattenscheid – Die Widerlegung einer Legende, Bochum 1995

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