Lynchjustiz an Luxemburg und Liebknecht?

Novemberrevolution 1918/19 | 1919

Liebknecht und Rosa Luxemburg sind verhaftet. Eine energische aber notwendige Maßregel, um endliche Ruhe zu bekommen.

Die Abendausgaben berichten, daß Liebknecht im Tiergarten entfliehen wollte und erschossen worden ist, während Rosa Luxemburg von der Menge beim Einsteigen ins Auto niedergeschlagen und dann später von einer hinzustürmenden Menge geraubt worden sei.

Diese Lynchjustiz des Volkes ist sicher zu verurteilen, denn keiner soll seinem Richter entgehen. Es war vorauszusehen, daß diese Führer des Terrors und der Diktatur im Kampf gegen die Allgemeinheit vor einem ordentlichen Richter fallen würden. Ob für die Allgemeinheit das plötzliche, unerwartete Ende besser ist, ist schwer zu sagen. Es kann sein, daß durch die Auslegung ihrer Parteigenossen Märtyrer geschaffen werden, deren Andenken fortgesetzt revolutionierend wirkt, es könnte aber auch sein, daß durch ein ordentliches Gerichtsverfahren noch ganz andere Leidenschaften hervorgerufen worden wären.

Es ist tragisch, daß diese beiden Personen, die sich sicher vom reinsten Idealismus getrieben zu den fanatischen Führern entwickelt hatten, so fallen mußten. Im Grunde genommen ist es nicht so wohl ihre eigene Schuld als wie die logische Fortentwicklung der von ihnen aufgepeitschten rohen Instinkte der Masse. Beide hatten noch kürzlich für die Wahl der National-Versammlung propagiert, waren aber von ihren eigenen Parteigenossen überstimmt.

Sie hatten nicht mehr die Führung ihrer Partei und fallen daher als die Opfer der über ihre Intelligenz hinausgehenden Entwicklung.

Quelle: Aufzeichnung aus dem Tagebuch des Unternehmers und Kunsthistorikers Oskar Münsterberg (1865-1920) aus Berlin (DHM-Bestand):  Münsterberg wurde 1906 Direktor der National-Zeitung in Berlin, ab 1909 Verlagsleiter in Leipzig und 1912 Direktor der Druckerei W. Hagelberg in Berlin