Sozialpartnerschaft

| 1918

Die kaiserliche Staatsbürokratie honorierte seit Beginn des Krieges (1914-1918) das Wohlwollen der Gewerkschaften, Indem sie die Gewerkschaftsfunktionäre bei allen sozialpolitischen Fragen konsultierte und sie sogar mit untergeordneten Funktionen betraute. Der Essener Zechenverband, der Zusammenschluß der Zechenunternehmen des Reviers, brauchte zu solchen Schritten der Annäherung an die Gewerkschaften sehr viel länger. Seine alte Praxis: Einsatz aller Mittel gegen die gewerkschaftliche Organisation und Betätigung der Arbeiter, setzte er nur leicht gemildert bis weit in den Krieg hinein fort.

Erst im Oktober 1918, als die militärische Niederlage des Reichs feststand und schon das Grollen der herannahenden Revolution zu vernehmen war, warf er das Steuer herum: Im Bemühen, sich aus der Verflechtung mit dem wilhelminischen System zu lösen, willigte der Zechenverband in einen Vorschlag der vier Gewerkschaften, die anstehenden beiderseitigen Fragen zu erörtern, ein. Diese erste offizielle Verhandlung zwischen Unternehmern und Arbeiterorganisationen in der Geschichte des modernen Bergbaus in Deutschland brachte materiell nur ein winziges Lohnzugeständnis der Unternehmer, aber die Gewerkschaften erhielten, was sie jahrelang vergeblich gefordert hatten: die ausdrückliche Anerkennung als organisierte Vertretung der Arbeiter, heute würde man sagen: als
,,Sozialpartner”.

In der Folge appellierten die Gewerkschaften Immer wieder eindringlich an ihre Mitglieder, das Erreichte auf evolutionärem Wege weiterzuentwickeln und sich nicht an revolutionären Bestrebungen zu beteiligen. Die Revolution, die dann doch kam, vollzog sich also gegen den Willen der Gewerkschaften. Der katholische ,,Gewerkverein” brachte das auch immer wieder zum Ausdruck, während der ,,Alte Verband” äußerlich umschaltete: er begrüßte In einem Aufruf die Umwälzung und forderte seine Mitglieder auf, sich für den Neuaufbau zur Verfügung zu stellen. –

Unbeschadet solcher Differenzen waren sich die Gewerkschaften darin einig, zu versuchen, das im Oktober (1914) Erreichte auszubauen, mit anderen Worten: die soziale Erschütterung, die die Revolution gebracht hatte, umzumünzen in weitere sozialpolitische Erfolge und sie so zu kanalisieren. In diesem Bemühen trafen die Gewerkschaf-ten auf das Entgegenkommen der Unternehmer. So gingen die ,,Sozialpartner” des Ruhrkohlenbergbaus konform mit der Politik der ,,Arbeitsgemeinschaft”, die am 15. November zentral in Berlin zwischen Borsig , dem Präsidenten der Unternehmerorganisationen, und Legien , dem Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, vereinbart wurde.

nach Erhard Lucas Märzrevolution im Ruhrgebiet Band I ,S. 24ff


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