Richard Steinweg (geboren am 3.11.1879, ermordet am 23.3.1920 ), Malermeister und Leiter des Arbeiter-Theatervereins ,,Tribüne” aus Prenzlau und Vorsitzender der dortigen USPD – wird am 23. März 1920 “auf der Flucht erschossen” – an ihn und vier andere ermordete Bürger erinnert ein Gedenkstein auf dem städtischen Friedhof in Prenzlau, der nicht – wie viele andere – in der NS-Zeit zerstört wurde.

Die Weltbühne schreibt über den vertuschten Mord vom März 1920 einige Jahre später:

Deutschland ist verpestet von Leichen, Mordbuben und verstaubten Justizakten. Ein bestialischer Gestank, den man nur riechen, von dem man nicht reden darf: die nationale Feme paßt auf. Und die Polizei stammelt wie Pythagoras bei der Einnahme von Syrakus: Stört meine Kreise nicht! Fast wie Ironie klingt es, wenn man einen Mord aus den Kapp-Tagen aufwühlen will. Wir haben so viele politische Morde erlebt, daß ein einzelner alter leicht vergessen wird. Aber nicht alleim, daß sich´s urn einen Mord handelt, von dem die Offentlichkeit nie erfahren hat, und der ungesühnt geblieben ist wie die meisten Morde der Rechten. Sondern es gilt auch, zu beweisen, daß die Nationalisten nicht erst mit der Schwarzen Reichswehr begonnen haben, jeden totzuschlagen, der ihnen lästig ist. Es gilt, zu beweisen, daß die deutsche Justiz nicht das erste Mal Akten abgeschlossen und Voruntersuchungen eingestellt hat, weil einfach ,,nichts zu ermitteln ist”. Es gilt, zu beweisen, daß die Mitarbeit der Öffentlichkeit an der Sühnung und Aufdeckung der Morde von größerer Bedeutung ist, als man einzugestehen wagt.

Am 20. Marz 1920 rückte unter der Führung eines Oberleutnants Schulz eine Kompagnie des Regimes Kapp in Prenzlau ein. Bei der Truppe befanden sich die beid en Offiziere Leutnant Wehmeyer und Leutnant Bild . Wehmeyer ist aus dem Mordprozeß der berüchtigten Hundertschaft z. b. V., deren Führer der Ehrenhauptmann Stennes war, eine nicht unbekannte Persönlichkeit des nationalen Mordlebens. Bild ist niemals in die Offentlichkeit getreten. Oberleutnant Schulz — ob identisch mit der Hauptperson der Schwarzen Reichswehr , läßt sich nicht feststellen — gab dem Leutnant Bild den Befehl, mit 20 Mann das Haus des.Vorsitzenden der USPD von Prenzlau , des Malermeisters Richard Steinweg, zu umstellen, zu durchsuchen und den ,,roten Hund” zu verhaften. Bild führte den Befehl aus.

Nach Steinwegs Verhaftung kommandierte er vier Leute ab, die den Häftling in die Mitte nahmen und unter Bilds Führung zur Kaserne abrückten. Dabei fiel auf, daß sie nicht den gebräuchlichen Weg einschlugen, sondern durch freies Gelände zur Hinterfront der Kaserne marschierten, so daß sie auf dem Kasernenhof ankamen. Steinweg war nicht mehr bei ihnen. Leutnant Bild meldete, der Häftling habe einen Fluchtversuch gemacht und nach dreimaligem Anruf ,,auf der Flucht” erschossen werden müssen. Wer aus E. J. Gumbels Buch die deutsche Mordchronik kennt, der weiß, daß das immer eine beliebte Motivierung nationalistischer Greueltaten gewesen ist.

Nach dem Kapp-Putsch machte sich die Staatsanwaltschaft von Prenzlau , bei der heute noch die Akten liegen, daran, den Mord aufzuklären. Dem Charakter der deutschen Justiz entsprechend blieb der Erfolg aus. Die Täter waren nicht zu ermitteln, obwohl Leutnant Bild, der zu einer Prenzlauer Bäckerstochter Beziehungen hatte, noch monatelang in Prenzlau gesehen wurde. Man konnte eben einfach nicht — wollen.

Wie die Dinge in Deutschland liegen, wärs nutzlos, jetzt noch Sühnung dieses Mordes zu verlangen. Aber es darf nicht nutzlos sein, eindringlich zu mahnen: Macht es bei den Massenmördern der Schwarzen Reichswehr anders!

in Die Weltbühne , 22. Januar 1926 (die Tat geschah wohl am 23. März 1920)

(Das Denkmal auf dem städtischen Friedhof in Prenzlau erinnert auch an den Mord an Richard Steinweg )


"Richard Steinweg" im Archiv:



Mehr zu Richard Steinweg