Greifswald: Gedenkstein und Strassennamen

| 1960

In Greifswald wurden zu Beginn der 1960-er Jahre im neuen Stadtviertel Südstadt fünf Straßen nach Gewerkschaftler benannt, die von putschfreundlichem Militär am 20. März ermordet wurden. Die Strassennamen gibt es heute noch. Ein Gedenkstein erinnert außerdem an diese fünf Männer. Die Inschrift lautet: “In den revolutionären Kämpfen gegen den Kapp-Putsch ermordeten millitaristische Kräfte am 20. März 1920 die Greifswalder Arbeiter Karl Behrend , Max Hagen, Bernhard Birkhahn, Erwin Haack und Ernst Wulff . ”

“Wir wissen allerdings bis heute nicht alles über diese fünf Greifswalder Männer. So kennen wir ihren Beruf und wissen, dass sie gewerkschaftlich organisiert waren und wo sie wohnten. Wir wissen nicht, ob sie Familienangehörige und Kinder hatten, wir kennen auch nicht ihr Alter. Der Arbeiter Bernhard Birkhahn wohnte in der Kuhstraße 18, der Böttcher Max Hagen in der Steinstraße 20; Karl Behrend war Schlosser, wohnhaft Ringstraße 26. Sein Schlosserkollege Erwin Haack wohnte in der Weißgerberstraße 4 und der Schlosser Ernst Wulff lebte in der Baustraße 18.

Nach dem Putsch in Berlin vom 13. März 1920 hatte in Greifswald das Gewerkschaftskartell für Sonntag, dem 14.März 1920 , zu einer ersten Streikversammlung in der Hansa-Halle aufgerufen. Aber das Militär unter dem Kommando des Garnisonsältesten Major Freiherr von Hammerstein hatte diese aufgelöst. Am17.März ruhte in der Stadt die Arbeit – sowohl in den Eisenbahnwerkstätten, als auch in den meisten Kleinbetrieben und im Handwerk. Nur lebenswichtige Betriebe wie die Molkerei und die Bäckereien waren ausgenommen. Die Arbeiterschaft stellte sich der militärischen Gewalt eines Hammerstein – etwa 700 in den Zeitfreiwilligen bewaffnete Studenten und der etwa 1000 Bürger umfassenden Heimwehr – in der Stadt entgegen.

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Jeweils in den Nachmittagsstunden versammelten sich die Streikenden auf dem Marktplatz. So auch am Samstag, dem 20. März. Zunächst hatten bewaffnete Studenten, die sich in der Post versammelt hatten, versucht, die Streikenden vom Marktplatz zu verdrängen, was jedoch misslang. Dann rückte über den Schuhhagen kommend eine Truppe Reichswehr auf den Marktplatz vor. In Höhe der heutigen Sparkasse schwärmte der Zug aus. Dann folgten Schüsse, eine Handgranate flog. Es war kurz vor 18 Uhr. An der Ecke Markt und Bachstraße lagen fünf der Streikenden tot in ihrem Blut, sieben weitere Bürger waren schwer verwundet. Soldaten der Reichswehr waren einem möderischen Befehl gefolgt.

Am 23. März wurden die Toten unter großer Anteilnahme der Greifswalder zu Grabe getragen. Nach einer Gedenkveranstaltung der Gewerkschaften auf dem Marktplatz setzte sich ein riesiger Trauerzug durch die Lange Straße und die Grimmer Straße zum Neuen Friedhof in Bewegung. Noch vier Tage währte der Generalstreik bis zur Versetzung des Majors von Hammerstein, der Auflösung der studentischen Zeitfreiwilligen und der durch den Reichspräsidenten Ebert per Gesetz verfügten Entwaffnung aller Einwohnerwehren. Alles das geschah 1920. Heute erinnert ein schlichter Stein, errichtet 1955, auf dem Platz vor dem Jahngymnasium an diese Tragödie. Der Stein steht als Mahnung zum Kampf gegen Militarismus und für Frieden.

Quelle: Wo wir wohnen , Zeitschrift der Wohnungsbau-Genossenschaft-Greifswald (Autor: Günther Politt )


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