Kriegserlebnisse 1914

Novemberrevolution 1918/19 | 1921

Bei Ausbruch des Krieges meldete ich mich bei den sächsischen Königshusaren in Großenhain als Kriegsfreiwilliger. Ich bin voller Begeisterung, im Glauben, für eine gute und gerechte Sache zu kämpfen, ins Feld gezogen. Ich hätte mich geschämt, zu Hause zu bleiben, während andere hinauszogen. Ich wurde der Stabswache des Generalkommandos zugeteilt. Ich vergesse nicht den Tag vor dem Ausrücken des Generalkommandos. Draußen in Neustadt hielt General von Carlowitz eine kräftige Ansprache an seine Truppen. Er sagte: „“Wenn wir in Feindesland sind, dann wollen wir nicht einziehen als Räuber, Plünderer und Raubbrenner, sondern als Männer, die ihr Vaterland verteidigen.““

Ich bin überzeugt, daß General von Carlowitz seine Worte ehrlich gemeint hat. Aber wenige Tage nach diesen Worten, beim Einmarsch in Belgien, mußte der General sehen, daß es die Praxis nicht zuließ, sich an die schönen Reden zu halten, die er zu Hause geführt hatte. In Yypern fand das erste Treffen mit den Engländern statt. Bei unserem Weitermarsch sahen wir auf der Straße zwölf erschossene Einwohner, darunter zwei Mädchen von zirka zehn und zwölf Jahren, liegen.

Diese Leute waren nicht im Gefecht gefallen, sondern standrechtlich erschossen worden. Auf unsere Fragen, warum diese Leute erschossen worden waren, wurde uns und unseren Kameraden geantwortet, es seien Franktireurs gewesen. Ein deutscher Leutnant sollte von einem der erschossenen Mädchen gefragt worden sein, wieviel die Uhr ist. Bei dieser Gelegenheit soll das Kind ihn mit einer Pistole niedergeschossen haben. Wir bezogen Quartier in diesem Orte und wurden mit den Einwohnern bekannt.

Hier stellte es sich heraus, daß die Beschuldigungen gegen die Erschossenen heller Unsinn waren. Es waren keine Franktireurs, das Kind hatte keine Pistole, Tatsache war lediglich, daß sie unschuldig niedergeknallt worden waren, von Rechts wegen. In dem Ort befand sich auch ein Haus, an dessen Tor war mit Kreide geschrieben: „“Hier sind die Kinder der Erschossenen.““ In einem Raum befanden sich fünfzehn bis zwanzig Kinder. Das war für mich ein erschütternder Anblick.

Es kam nunmehr der Stellungskrieg. Zunächst behielt das Kommando General von Carlowitz, ihm folgte General von Schubert. Ich betone, daß ich vor beiden als Männern eine hohe Achtung hatte. Beide waren der Typ des ehrlichen alten Militärs. Sie sind mitten durch das Granatfeuer geritten. Erst als andere an die Spitze des Generalkommandos traten, begannen die Saufgelage und jenes wüste Treiben der Offiziere, das den Haß des gemeinen Mannes herausgefordert hat.

Leute, die nie den Feind gesehen hatten, brüsteten sich mit dem damals noch seltenen Eisernen Kreuz. Ein Feldgendarm, von dem wir sagten, daß drei Männer nicht seinen Bauch umspannen könnten, hatte das Eiserne Kreuz für seine Spitzeldienste bekommen, während er schwindelte, daß eine schwere Granate fünf Meter vor ihm eingeschlagen und krepiert sei, ohne ihn zu verletzen. Ich habe gesehen, daß Verwundete, die schmutzig, hungrig und durstig von der Front kamen, nicht verpflegt, sondern von den Offizieren beschimpft wurden, daß sie nicht tapfer genug gekämpft hätten.

Ich bin dann zur Kavallerieabteilung 53 gekommen; der ich als Meldereiter zugeteilt wurde. Ich habe den ganzen Feldzug teils an der Somne, teils in der Champagne, teils in Galizien mitgemacht. Ich habe gesehen, daß Hunderte, ja Tausende verbluten mußten. Ich war von dem Erlebten so erschüttert, daß ich nachzudenken begann, zu welchem Zweck dieses Gemetzel stattfinde. Unter den Eindrücken der Kämpfe an der Sonune und vor Ypern ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los. Ich fühlte, daß hier etwas nicht stimmt. Ich war in das Feld gezogen in der festen Überzeugung, für eine gerechte und gute Sache zu kämpfen, aber meine Erlebnisse ließen mich erkennen, daß der Kampf, den wir führten, kein Kampf für das Recht war.

Ich sah, daß Leute, die sich niemals gekannt und vorher einander kein Leid zugefügt hatten, sich in einer so grausamen Weise abschlachteten. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Mit meinen Kameraden konnte ich darüber nicht sprechen. Die Kavalleristen waren roh und hatten für mein Empfinden kein Gefühl. Als ich beim Abtransport gefangene Engländer gegen Mißhandlungen durch meine Kameraden zu schützen versuchte und ihnen Vorstellungen machte, wurde ich für einen Spion gehalten, besonders, weil ich vor dem Kriege in England gewesen war, mit den Engländern in ihrer Sprache reden konnte und auch für ihre Gefühle Verständnis zeigte. Beim Anblick gefallener und gefangener Engländer mußte ich stets daran denken, daß mir in England viele Menschen Gutes getan hatten.

Ich war ein Mensch, der mit sich selbst zurecht kommen mußte. Ich habe versucht, mich aus dem Labyrinth von Gedanken herauszuarbeiten. Nachdem der Zweifel mir meinen Kindheitsglauben genommen hatte und meine religiösen Vorstellungen ins Schwanken geraten waren, mußte ich alle Fragen noch einmal durchdenken. Man hatte uns gelehrt, daß es Reiche und Arme geben müsse und daß den Armen für ihr Leben in dieser Welt das Himmelreich sicher sei. Ich aber sah im Felde, daß es nur Unterdrücker und Unterdrückte gibt.

Nach dem stenografischen Bericht, herausgegeben v Felix Halle ,1921 – herausgegeben Packpapier 45 Osnabrück Verlag und Versand – Max Hölz – Rede vor Gericht , am 22. Juni 1921 , Moabit , Berlin