Klaus Störtebecker

Gottes Freund und aller Welt Feind

Ein blauer, durchsichtiger Himmel wölbte sich über Wasser und Land. Häuser und Türme, Schiffe und Kräne standen leicht und unbeschwert im klaren Licht des Vorfrühlingstages. Die Ostsee war seit einigen Wochen eisfrei. Der Hafen sah einem Tier gleich, das aus langem, faulem Schlaf erwacht ist und sich schüttelt. Alles war in Bewegung. Schreien, Hämmern, Klopfen, Pfeifen, Fluchen und Lachen gellte durcheinander und mischte sich mit dem Geläut von St. Marien und St. Georgen zu einem weithin klingenden Lied. 

Es ging dem Abend zu. Die Handwerker räumten ihre Werkstätten auf und wuschen sich, die Schreiber packten ihre Akten beiseite und verließen federnden Schrittes die stickigen Schreibstuben. Wer konnte, schlenderte zum Hafen. Da lag Schiff neben Schiff, hochbordige Kriegskoggen neben breiten, plumpen Frachtschiffen, kleine Renner neben leichten Heringsfängem. Überall Hochbetrieb. Hier wurde gestrichen, kalfatert, geklopft und gehämmert, dort unter dem Gekreisch der Kräne und Gefluch der Aufseher geladen und verstaut. Die Kais wimmelten von Gaffern und Müßiggängern. Ratsherren und Schiffseigentümer eilten hin und her. Auf den Vorderkastellen der Kriegsschiffe standen die Matrosen in Gruppen zusammen und machten sich über die Vorübergehenden lustig. Zuweilen hörte man ein ausgelassenes Zwiegespräch.

,,Na, Jungs, wann fangt ihr denn die schwarze Margareta?““ rief ein dicker, behäbiger Herr zu einem Kriegsschiff hinauf.

,,Wenn wir dich Fettwanst an die Angel hängen, beißt sie sicher gleich an““, schrien die Schiffer lachend hinunter. ,,Nimm dich nur in acht,““ höhnte einer, ,,daß wir dir deine Dörte nicht wegfangen. Wir liefern sie dir sonst in ein paar Monaten zwar gesund, aber nochmal so dick wieder zurück.““

,,Ach, ihr gottverdammtes Volk!““ schimpfte der Dicke und watschelte schnell, Frau und Tochter hinter sich herziehend, in die Richtung des anderen Hafenendes davon, wo soeben eine tiefliegende Frachtkogge schwerfällig vor Anker ging.

Es war die nach Wismar zuständige „“Sancta Maria““, die schon seit vorigem Jahr, genauer seit dem Herbst 1389 überfällig war und in Amsterdam überwintert hatte. Schmunzelnd, daß die kostbare Ladung endlich an Ort und Stelle war, stand der Eigentümer am Kai und grüßte zum Schiffer hinauf. Während dieser seine letzten Anordnungen gab, sprang ein junger Mann an Land. Er war schlank und gebräunt. Ein zerschlissenes Barett hing ihm schief übers Ohr. Sein Wams und seine Hosen waren aus einfarbigem, schlichtem Tuch. Seine Kleidung und überhaupt der ganze Kerl stand in auffälligem Gegensatz zu den an der Hafenmauer zusammengelaufenen, vornehmen, in knallig bunte, silber- und goldvertierte Gewänder gekleideten Müßiggängern.

,,Jesses, der Magister ist auch wieder da!““ murmelte der neben dem Schiffsherrn stehende Schreiber, wandte sich jedoch sogleich dienstfertig seinem Herrn zu, als dieser obenhin bemerkte: ,,Der Narr fehlt uns gerade noch““

,,Wer war das?““ erkundigte sich ein Hauptmann von der Flotte bei dem Schreiber. ,,Der Magister Wigbold aus Rostock““, gab dieser flüsternd zurück. ,,Doktor der freien Künste. Schlau, aber schlimm, schlimm. Erkennt keine Obrigkeit an und hat in Lübeck schon mal einen Ratsherrn halbtot geschlagen. Ein Hetzer und Ketzer, Herr.““

,,So, so““, meinte der Hauptmann und sah dem Magister interessiert nach. Der war inzwischen, ohne die schön geputzten Gaffer zu beachten, auf eine der kleinen Hafenkneipen zugeschritten. Einige Männer, die vor dem Hause standen, erkannten ihn schon von weitem.

,,Der Magister ist wieder da!““ schrien sie zur Tür hinein. Kaum war der Ruf verklungen, stürzte schon eine Schar Männer aus dem Haus, eilte auf den Ankömmling zu und begrüßte ihn lärmend. Der Magister lachte übers ganze Gesicht. ,,Brüder!““ rief er ein ums andere Mal und umarmte immer zwei zugleich. Im Triumph führte man ihn in die Kneipe.

Die niedrige, kienverräucherte Stube war bald voller Menschen. Von allen Seiten kamen Schifferknechte und Lader, allerhand armes und zerlumptes Hafenvolk herbeigeströmt, Der Magister Wigbold saß, von zwei breiten Matrosen schier erdrückt, an dem langen Eichentisch, eine mächtige Kanne lübeckschen Bieres vor sich, und war schon mitten im Erzählen. Er berichtete, was sich in den letzten Jahren draußen in der Welt zugetragen hatte. Wigbold konnte gut erzählen und besaß die Gabe, auch dem verdummtesten Hörer Zustände und Begebenheiten begreiflich zu machen.

Alle hingen wie gebannt an seinem Munde. Er fand die Worte für das, was sie alle bewegte. Deshalb liebten sie ihn, wenn er auch von der Seite der Herrschaften herkam. Sie wußten nicht, was ihn von dort weggetrieben, warum er Amt und Einkommen verschmäht hatte, aber sie fühlten aus seinen Worten, aus seinem Gehaben, aus seinem ganzen Wesen, daß er zu ihnen gehörte. Er gab ihrer dumpfen Wut gegen alles, was Herr hieß, Ausdruck, und wenn ihnen seine Rede auch manchmal unverständlich blieb, so glich sie doch immer einem Flammenstrom, der alle berauschte und erleuchtete.

,,Was sind wir denn,““ fragte der Magister jetzt, ,,wir Ausgestoßenen und Ausgesogenen, auf die kein Herr, keine Dame, kein Fräulein überhaupt spuckt, so dreckig und schmierig sehen wir aus. Was sind wir? Verreckendel Unser ganzes Leben ist ein einziges Sterben. In Lumpen werden wir geboren, in Lappen verscharrt man uns. Wir sind der Dung, auf dem der Herren Weizen wächst. Aber nur nicht klagen, Brüder, nicht jammern!

Wisset das eine, ihr seid die wahren Jünger Christi. Lebt, wie ihr seid, und ihr lebt ihm. In euch ist die Kraft, in euch ist die Zukunft.

Was aber sind sie, die Herrschaften in den  Prunkgewändern? Nichts als ein vergoldeter Dreckhaufen. Außen Geglitzer und Gefunkel, innen gemeiner Gestank. Pestilenz im Pfauenkleid. Wir haben nichts mit ihnen zu tun. Ihre Welt ist nicht unsere Welt. Wir steigen auf, sie aber versinken. Ich sage euch, Brüder, ihr Untergang ist nahe. Zeichen sind da, die trügen nicht. Ihre Macht ist zu Ende. Christus rächt sich.

Von Osten her, von seinem Grab, dringt der Türke vor, unaufhaltsam wie eine Flut. Und keiner hält ihm stand. Das deutsche Reich? Daß ich nicht lach l Zwei Könige regieren. Der französische Karl ist ein Verrückter, und der böhmische Wenzel ist mehr als das. Er ist nur menschlich, wenn er besoffen ist. Sonst gleicht er einem rasenden Tier. Wenn ihm die Suppe nicht schmeckt, steckt er seinen Koch an den Spieß und röstet ihn eigenhändig. Und der Papst? Die Pfaffen?

Sprechen wir nicht von dem verruchten Gesindel. Sie .schänden Gott tausendmal täglich und schlagen unsern einzigen Herrn und Heiland stündlich ans Kreuz. Das Schlimmste aber sind unsere prallen Pfeffersäcke da drüben““, Wighold deutete mit der Faust nach der Stadt hinüber. ,,Sie sind die eigentlichen Herren der Welt. Sie haben die Macht, denn sie haben das Geld. Heute wissen´s nur wenige, doch morgen alle. Nicht der Papst, nicht der Kaiser, nicht die Fürsten, nein der Krämer beherrscht uns. Seht euch nur an, wie sie einherstolzieren, mit goldenem Krimskrams behängt, wie sie tafeln und tänzeln und schwänzeln, wie sie warm und geborgen hausen.

Aber vergeßt nicht, Brüder, auch an diese Wurzel ist schon die Axt gelegt. Und wenn man den Baum bis zur Krone mit Gold stützt, er wird doch fallen, denn innen ist er faul und modrig. Die Ratsherren sind vom Dünkel und Hochmut besessen. Ihre Augen sehen nicht mehr das helle Licht, nur das gleißende Gold. Ihre Weiber reitet der Satan. In Brügge schleichen sie sich vermummt in die Frauenhäuser und lassen sich aus unersättlicher, geiler Sucht von den Trunkenen umarmen. Und versteht mich recht. Das gemeinste ist nicht, daß sie es tun, sondern daß sie es heimlich, heuchlerisch tun.

Nach außen hin gebärden sie sich als Hüter von Zucht und Sitte und verurteilen unbarmherzig jeden, der ihre Gebote verletzt, im Verborgenen aber sind sie schlimmer als die Hexen auf dem Blocksberg. Die Pest, die Hölle über solche Verlogenheit!““

Rasender Beifall unterbrach den Magister, der sich auf die Bank geschwungen hatte und mit glühendem Gesicht ringsum schaute. Er reckte die Faust in die Höhe. Es wurde still. ,,Hört, was ich euch saget““ Seine verzerrte Miene glättete sich und bekam plötzlich einen milden, sinnenden Ausdruck. ,,Die Welt wendet sich, Brüder““, rief er mit tiefer, ins Herz dringender Stimme. ,,Während alles um uns in Schmutz und Ichsucht vergeht, ersteht ein Neues. Christi Heer wird immer größer.

In Deventer habe ich den Mann gehört, der sich Gerrit Groote nennt und den Mächtigen dieser Welt die Wahrheit sagt. Er ist aus reichem Haus und hat alles hinter sich geworfen, um nach Christi Gebot als Armer unter uns Armen zu leben und zu wirken. Er führt eine Schar an, die die Brüder vom gemeinsamen Leben heißen. Sie kennen keinen Papst und kein Gold, sie kennen nur Christus, den Kaiser der Armen, und folgen ihm nach.““

Wigbold schwieg einen Augenblick, Dann reckte er sich zu seiner ganzen Größe empör und rief mit überlauter, ekstatischer Stimme: ,,Bruder, dies ist die Welt. Die Pest schleicht von Ort zu Ort. Aber getrost, mit ihr fliegt das Wort Gottes. Tut eure Ohren auf, macht eure Herzen weit, daß es in euch dringe. Ihr seid die Erwarteten, ihr seid die Berufenen. Ihr seid wie das Meer. Millionen und Abermillionen einzelne Tropfen und dennoch ein unteilbares Ganzes.

Die Pfaffen und Fürsten und Krämer sind die Schiffe, die euer breiter Rücken trägt. Sie schwimmen dahin und glauben, euch gebändigt zu haben, weil ihr sie leidet. Wie lange noch, Brüder? Ich wollte, der Sturm führe in euch und euer tosender Schlund verschlänge alles, damit sich Christi Antlitz, der blaue Himmel und die ziehenden Wolken, klar und leuchtend in euch spiegele. Die Stunde der Befreiung ist nahe, Brüder. Sie ist da, wenn ihr wollt, wenn ihr eins seid, ein Haupt, eine Faust, ein Wille: Gottes Freund und aller Welt Feind!““

Wigbold stand mit weitgebreiteten Armen auf dem Tisch. Eine Sekunde war es totenstill in dem dämmrigen Raum, in dem der Atem von Hunderten wie ein heißer Dunst stand. Dann brach ein einziger, langer Schrei aus allen Mündern. ,,Gottes Freund und aller Welt Feind!““ dröhnte es wie ein eiserner Schlag gegen die Wände, drang hinaus und zerriß jäh die abendliche Stille, die sich über Stadt und Hafen gelegt hatte. Immer wieder durchgellte Wigbolds Losung den Raum.

Plötzlich brach das tosende Geschrei ab. Aller Augen richteten sich auf einen hünenhaften Mann, der sich im Gewühl unbemerkt nach vorn geschoben hatte und jetzt neben dem Magister stand. Der breitschulterige, in Schifferkleidung steckende Riese streckte dem Magister die Hand hin. ,,Du bist unser Mann!““ sagte er, und die blauen Augen in seinem scharfgeschnittenen Gesicht strahlten. ,,Wir können nicht viele Worte machen. Du hast uns aus der Seele gesprochen. Mehr noch, Bruder, du hast uns den Weg gezeigt. Hör zu, ich bin Klaus Störtebecker.““ Wigbold hob überrascht den Kopf. ..Hier kennen mich alle, nicht wahr?““ Störtebecker sah ringsum.

Die Leute lachten: „“Und ob wir dich nicht kennen!““ „“Wer ich bin und wo ich herkomme, ist gleich““, fuhr der Mann fort und wandte sich wieder an Wigbold. ,,Genug, auch mich haben die Krämer auf dem Gewissen. Bis heute tappte ich wie ein Blinder umher, verbissen und voll Wut. Du hast mir die Augen geöffnet. Jetzt weiß ich, es gibt nur eins: den Kampf.““ Störtebecker schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Krüge schwankten. ,,Den Kampf gegen alle Welt, die nicht die unsrige ist!““ Lärmendes Getöse erfüllte die Stube. „“Und wie stellst du dir den Kampf vor?““ fragte der Magister ruhig und überlegt. „“Schiff gegen Schiff, Mann gegen Mann, bis das Meer frei und unser ist.““

in: Erich Müller : Ewig in Aufruhr (1928)