Kampf vor Trotha

Gegen Sonnabend [20. März 1920] abend befanden sich, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, verhältnismäßig wenige Arbeitertruppen in Trotha und Umgebung, die aus verschiedene Dörfern auf die Kunde von dem Toben der Hallischen Soldateska herbeigeeilt waren, um Halle zu befreien. Die verschiedenen Mannschaften hatten noch am Sonnabend abend keinerlei wirkliche Führung und Verbindung untereinander, was sich gleich sehr verhängnisvoll bemerkbar machte. Mit einer energischen Führung wäre es ohne weiteres und ohne Blutvergießen möglich gewesen, den Zoologischen Garten und die Saalschloßbrauerei zu besetzen und als Stützpunkte auszubauen, denn die Vorposten der Arbeiter standen nachmittags 6 Uhr schon in der Nähe der Wittekindstrasse.

Da aber, wie erwähnt, keine feste Verbindung unter den Arbeitertruppen bestand, zogen diese sich bei Einbruch der Dunkelheit nach Trotha zurück, und kurze Zeit darauf besetzten die Lüttwitz-Meuterer und Zeitfreiwilligen-Banden den Zoo und die Saalschloßbrauerei. In Trotha sammelten sich die Arbeiter-Wehren, die nunmehr eine festere Führung bekamen, welche in einem dortigen Lokal ihr Standquartier aufschlug. Der Ort wurde gesichert, indem der Klausberg und der Krähenberg mit Maschinengewehren und Feldwachen besetzt und die Straße nach Halle durch ein Verhau, das durch Vorposten geschützt war, gesperrt wurde.

Es ist viel über die Stärke der in Trotha kämpfenden Truppen gefabelt worden. Zur Steuer der Wahrheit muß gesagt werden, daß die Arbeiter mit den Kräften, die Sonnabend abend um 8 Uhr zur Verfügung standen, keineswegs den Kampf am folgenden Tage hätten aufnehmen können. Erst in der Nacht kamen die erwarteten Verstärkungen, leider aber nicht in der erwarteten Stärke. Während die Front am Hettstedter Bahnhof von Tausenden von Mansfelder Arbeitern besetzt wurde, machte sich hier im Norden bemerkbar, daß das rechtssozialistische Anhalt und der Magdeburger Bezirk nicht in dem Maße Hilfstruppen schickten wie die Mansfelder Kreise. Es waren in der Hauptsache unsere Genossen aus der Bernburger und Staßfurter Gegend, die uns zu Hilfe kamen und hier vor Halle ihr Blut für die hehre Sache der Freiheit hingaben. Das soll ihnen niemals vergessen werden: Die Hallische Arbeiterschaft ist mit der Bemburger und Staßfurter Arbeiterschaft, ebenso wie mit der Mansfelder, von jetzt ab in Blutsbrüderschaft verbunden.

In der Nacht zum Sonntag wurde durch einen kühnen Handstreich der Flugplatz von einer Gruppe von Arbeitern genommen, denen dabei 18 Gefangene in die Hände fielen. Das Gamisonkommando, das jetzt völlig erlogene und dünkelhafte Berichte über die Kampfereignisse herausgibt behauptet, daß ,,etwa 7 Mann nach Trotha mitgeschleppt“ worden seien. Die Lügenhaftigkeit ist eben diesen militärischen Gaunern so zur zweiten Natur geworden, daß sie gar nicht anders können als die Unwahrheit sagen. Aber sogar dieser Bericht muß anerkennen, wenn auch sehr widerwillig, daß den Gefangenen in Trotha nichts geschehen ist. Die 18 Mann gelangten ohne Mißhandlungen in Trotha an, wurden nach dem ,,Schwan“ gebracht und mit Nahrung versehen. Wie anders sind die vertierten Söldner mit den gefangenen Arbeitern umgesprungen!

Leider konnte der Flugplatz nicht genügend besetzt und gesichert werden, da, wie schon gesagt, nicht genug Leute zur Verfügung standen. Vergebens wartete die Führung in Trotha auf eine Verstärkung, die bestimmt war, die Gegend des Flugplatzes zu besetzen. Diese Verstärkung war zwar aus einer bestimmten Gegend angemeldet worden, aber leider ist nicht ein einziger Mann aus dieser Gegend erschienen. So kam es, daß die Flanke der Truppen in Trotha durchaus nicht gesichert war und daß von dieser Seite her, über Tornau und Seeben, die Bluthunde des Lüttwitz dann mit Leichtigkeit eine Umgehung vornehmen konnten.

zitiert nach Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch – Dokumente (2002)