Kampf am Rathaus in Suhl

Kapp-Putsch | 1920

Putsch-Montagmorgen. Zwischen vier und halb fünf. In den noch nächtlichen Himmel steigt eine gallige Verwünschung des Suhler Systemmachers Kurt Köhler . Dann aus Richtung Mäbendorf , an Köhlers schwerem Maschinengewehr vorbei, poltert und rasselt, ohne jegliche Gegenwehr, eine schwerbewaffnete, motorisierte Reichswehrkolonne hinein in die Stadt. Köhler hat Schussverbot. Das aufgeputschte Kapp – und von Lüttwitz -hörige Militär hat heimkehrende Simson-Schicht-arbeiter auf seine Lastwagen gezerrt.

Dann überstürzen sich die Ereignisse. Bahnhof, Post und Rathaus werden von der Reichswehr okkupiert. Ihren Suhler Nachbarn bewaffneten Beistand leistend, treffen am ,,Henneberger Haus“ die ersten Zella-Mehliser Arbeitereinheiten ein. Ihnen folgen, ebenfalls aus Zella-Mehlis , zwei von fünf aus den Ehrhardt-Werken herausrequirierte Panzerwagen.

Entlang der Bahnlinie in Richtung Mäbendorf formiert sich eine Domberg-Front. Von ihr, vom Ottilienstein und von Dachböden aus geraten die Rathaus-Besatzer unter schweren Beschuss. Die mit Arbeiterkommandanten besetzten Panzerwagen greifen ein.

Gegen 6 Uhr, an der Ecke Steinweg-Rimbachstraße, treffen tödliche Schüsse den unbewaffneten Arbeiter Gustav Klett . Der Feinmechaniker Karl Heym wird Zeuge der Mordtat. Heym, vom Verteidungs-Ausschuss als Kundschafter und Kurier eingesetzt, berichtet später:

,,Klett war der erste Gefallene. Sie haben ihn niedergemacht aus Rache dafür, dass sich die Reichswehr schon am ,,Henneberger Haus“ blutige Köpfe holte. Allerdings haben wir nie feststellen können, wer der Mordschütze war. Unter der Reichswehr kämpften auch Angehörige der reaktionären Bürgerwehr gegen uns“.

Von den Soldaten sind Schilder aufgestellt, die jedem Bürger verheißen: Wer weitergeht, wird erschossen!

Stunden später. Bahnhof und Post werden freigekämpft. – Die Reichswehr steckt Verluste ein. Aber auch Arbeiter vergießen beim erbittert ausgetragenen Schusswechsel ihr Blut. Zwischen 9 und 10 Uhr fällt an der Domberg – Front der 20jährige Mehliser Dreher Karl Oehring . Sein Nebenmann, der Büchsenmacher Fritz Buchel , nimmt fassungslos wahr wie Oehring beim Stellungswechsel von einer Reichswehrkugel tödlich getroffen wird.

Die Stadtmitte gleicht einem Kriegsschauplatz. Als einer der gegen das Rathaus operierenden Panzerwagen wegen Motorendefekts liegenbleibt, schickt sich ein Bestahlhelmter an, das plumpe Gefährt mit einer geballten Ladung in die Luft zu sprengen. Als er ausholt zum Wurf, tut er im Geschosshagel seinen letzten Atemzug.

in: Vor 80 Jahren am 15. März 1920 in Suhl (2000)