Kämpfe am Bahnhof Wetter

Die Kämpfe in Wetter haben sich, soweit ich es übersehen kann und soweit ich es persönlich angesehen habe, wie folgt entwickelt: Gegen Mittag wurde eine Truppenmacht von etwa 100 Mann auf dem Bahnhof in Wetter ausgeladen. [ Es handelt sich um die Batterie Hasenclever vom Freikorps Lichtschlag , die von Watter in der Nacht vom 14. zum 15. März auf die Anforderung eines Industriellen hin gegen die Arbeiter von Wetter in Marsch gesetzt worden war (vgl. Dortmunder Tageblatt v. 24. April 1920].  Als dies in der Bevölkerung in Wetter bekannt wurde, bewaffneten sich die Arbeiter. Die Arbeiterschaft der Umgebung, insbesondere aus Stadt Hagen und dem ganzen Landkreise Hagen, setzten sich ebenfalls gegen Wetter in Bewegung. In Hagen wurden mit Sirenen die Arbeiter zusammengerufen.

Ohne daß sich feststellen läßt, von welcher Seite zuerst geschossen ist, entwickelten sich Kämpfe. Die telephonische und sonstige Verbindung mit Wetter war unterbrochen. Gegen 1 Uhr telephonierte der Führer der Arbeiterschaft in Wetter, Kreisausschuß-Mitglied Ipsen, mich an und teilte mir mit, der Führer der ausgeladenen Truppen habe die Erklärung abgegeben, daß er hinter der Regierung Lüttwitz stände. [Freikorpsoffizier Hasenclever , der in den Kämpfen fiel, bekannte sich sowohl dem Bürgermeister von Wetter als auch einer sechsköpfigen Kommission aus Hagen gegenüber zur Putschregierung (vgl. Dortmunder Tageblatt v. 24. April 1920) ]

Ich erwiderte ihm, daß dies ein Irrtum sein müsse, mir sei noch am Vormittag von dem Regierungspräsidenten in Arnsberg telephonisch mitgeteilt, daß das Wehrkreiskommando Watter die Regierung Lüttwitz nicht anerkenne. Ich versprach zu versuchen, das Mißverständnis aufzuklären. Nachdem mir telephonisch vom Wehrkreiskommando in Münster bestätigt wurde, daß das Wehrkreiskommando nicht die Regierung Lüttwitz stütze, gab ich diese Mitteilung telephonisch nach Wetter weiter und diktierte den inzwischen hier eingelaufenen Aufruf des Generalkommandos nach Wetter. Dieser Aufruf wurde dort vervielfältigt und der Arbeiterschaft wie den Führern der Truppe mitgeteilt.

Es gelang jedoch nicht, eine Einstellung des Kampfes zu erzielen. Ich fuhr daraufhin persönlich mit dem Auto nach Wetter und kam in dem Augenblick an, als Verhandlungen eingeleitet werden sollten. Die Lage war die, daß von den Truppen etwa 20 Mann schon im Laufe des Vormittags übergelaufen waren. Die übrigen 60 waren im Bahnhof verschanzt. Der Bahnhof liegt in einer Vertiefung. Die Arbeiterschaft hatte die gesamten Höhen der Umgebung besetzt und hielt den Bahnhof unter Feuer. Der Befehl zur Einstellung des Feuers drang anscheinend nicht durch, obwohl das Militär „das Ganze halt“ hatte blasen lassen.

In dem Augenblick, als ich mit den Mitgliedern des Arbeiterrats unter einer Parlamentär-Flagge auf den Bahnhof zuging, setzten die Arbeiter zum Sturm an und drangen in den Bahnhof ein. Es entstand ein Nahkampf mit starken blutigen Verlusten. Die drei Offiziere fielen anscheinend; doch ist mir inzwischen mitgeteilt, daß ein Offizier verwundet im Lazarett liegen soll. Von den Mannschaften fielen meiner Schätzung nach insgesamt 10–15 Mann. Der Rest wurde von der Zivilbevölkerung einzeln abgeführt.

Die Arbeitermassen waren sehr erregt, daß es weder mir noch den Arbeiterführern möglich war, irgendwelchen Einfluß zu bekommen. Die Arbeiterführer, insbesondere Ipsen , gaben sich die größte Mühe, die Leute zurückzuhalten, doch entglitt die Masse völlig ihrer Hand. Soweit die Verwundeten (nicht) in Gefangenschaft abgeführt wurden, glaube ich, daß sie in einzelnen Privathäusern in Sicherheit sind.

Nach dem Sturm auf den Bahnhof flaute die Erregung allmählich ab, schwoll jedoch wieder plötzlich von neuem an, als das Gerücht verbreitet wurde, neue Truppen seien im Anmarsch von Wengern her. Ich fuhr den angeblichen Truppen entgegen. Das Gerücht stellte sich jedoch als falsch heraus, so daß die Masse wieder einigermaßen beruhigt werden konnte. Die Arbeiter aus der Umgebung zogen wieder zurück. Natürlich war die Erregung auf allen Straßen noch sehr groß, zumal die Arbeiter viele Pferde, zwei Geschütze und eine Anzahl Maschinengewehre erbeutet hatten, die nach Hagen transportiert wurden. —

Gegen 10 Uhr abends wurde das Gerücht verbreitet, daß in Herdecke Truppen ausgeladen würden. Darauf wurde wiederum die Arbeiterschaft zusammengebracht durch Sirenen und Glocken. Die ganze Masse setzte sich in Bewegung auf Herdecke , das ganz eingeschlossen wurde. Die Lage war allmählich so bedenklich geworden, daß sich der leitende Offizier gegen 10 Uhr morgens ergab.

Die Waffen der 600 Mann wurden im Rathause untergebracht. Die Offiziere wurden nach Hagen gebracht, wo heute Mittag Verhandlungen mit einem höheren Offizier des Wehrkreiskommandos und dem Arbeiterrat stattfinden sollen.“

Bericht des Landrats des Landkreises Hagen an den Regierungspräsidenten in Arnsberg  über die Kämpfe bei Watter und Herdecke Hagen , 16. März 1920. DZA Potsdam, Rk. u. Stk. Severing, Nr. 8, Bl.74–75. Bericht. Unterzeichnet: L V. Unterschrift, Regierungs-Assessor. Abschr. An den Staatskommissar weitergeleitet am 20. März 1920. ,,Betrifft: Die Kämpfe in Wetter. Ohne Verfügung.  — in Arbeitereinheit rettet die Republik (1970) , darin auch die Anmerkungen in eckigen Klammern.