Großer Sieg der Arbeiterklasse in Rheinland-Westfalen

Großer Sieg der Arbeiterklasse in Rheinland-Westfalen!

Die rheinisch-westfälische Arbeiterschaft hat über die Reichswehrtruppen, die zu der Verbrecherregierung Kapp übergetreten waren, einen glänzenden Sieg erfochten. Noch am vorigen Sonntag (14. 3. 20) bangte sie um ihren Erfolg. Nur wenige Waffen standen zu ihrer Verfügung. Das Freikorps Lichtschlag stand marschbereit auf dem Wege nach Hagen . In Remscheid konzentrierte sich das Freikorps von Lützow . In Barmen – Elberfeld , Düsseldorf , Essen , Bochum , Dortmund und Gelsenkirchen waren Reichswehrtruppen und Sicherheitspolizei untergebracht, die gewalttätig gegen die Arbeiterschaft vorgingen.

Zum äußersten Kampf entschlossen, und die Parole siegen oder sterben im Herzen, gingen die Arbeiter zum Angriff über. Nur mit wenigen Gewehren bewaffnet, schlugen sie am Montag, dem 15. März, die Kompanie Hasenclever vom Freikorps Lichtschlag , die mit roter Fahne in Wetter a. d. Ruhr eingezogen war, sich dort befestigte, dann die schwarz-weiß-rote Fahne hißte, dermaßen aufs Haupt, daß von der ganzen Kompanie nur 18 Gefangene übrig blieben.

Mutig gemacht durch den Erfolg, zogen die Hagener Genossen gegen das Korps Lichtschlag vor, das sich in Herdecke festgesetzt hatte. In wenigen Stunden war der Kampf zugunsten der Arbeiter entschieden. Die geschlagenen Truppen flüchteten nach Aplerbeck und Hörde zu, wurden dort von beiden Seiten gepackt und vernichtet. Eine Anzahl Geschütze, Minenwerfer und über hundert Maschinengewehre sowie Munition, Pferde und Bagagen fielen den siegreichen Arbeitern in die Hände, Hauptmann Lichtschlag schoß sich aus Gram über die erlittene Niederlage eine Kugel in den Kopf.

Die Freiheitskämpfer gingen nunmehr gegen Düsseldorf , Essen , Dortmund und Barmen – Elberfeld vor. In wenigen Stunden waren sie auch in diesen Städten Herren der Lage. Am Donnerstagabend (18.3.20) konzentrierten sie den Kampf auf Remscheid , das hoch am Berge liegt und von dem Freikorps von Lützow in eine wahre Festung verwandelt war. Die Arbeiter gingen mit beispiellosem Elan zum Sturmangriff vor. Ein paar Artillerieschüsse ins Rathaus und in das Postgebäude, wo sich die Kappbanden verschanzt hatten, genügten, um die Truppen zu demoralisieren. Sie schickten Parlamentäre zu den Arbeitern und baten um Gnade. Die Arbeiter sagten ihnen, daß sie mit Leuten, die die schwarz-weiß-rote Fahne tragen, in keine Verhandlungen treten. Der Kampf wurde am Freitag früh fortgesetzt, und um 11.30 Uhr ging auf dem Rathaus die weiße Fahne hoch. In regelloser Flucht zog sich das stolze Freikorps über die Berge zurück, von den Arbeitern verfolgt.

Vor Müngsten wurden die Fliehenden in der Flanke gepackt, die Bagage zusammengeschossen und die Meuterer über die Wupper gedrängt, wo sie von den Engländern entwaffnet und in Konzentrationslagern untergebracht wurden. Remscheids Umgebung glich einem Schlachtfelde. Den Arbeitern fiel eine reiche Beute In die Hände. Major von Lützow und General von Güllhausen sowie 1500 Gefangene fielen in die Hände der Engländer.  Die Remscheider Arbeiter machten 600 Gefangene. Sie hatten einen Verlust von 42 Toten, während die Kappbanditen über 200 Tote verloren.

In Rheinland-Westfalen wogt eine ungeheure Begeisterung. Was die Kappbanditen an Stärke durch Material aufboten, wurde durch den festen Willen der Arbeiter ums Hundertfache überboten. Ohne äußere Disziplin, nur von dem Willen beseelt, zu siegen oder zu sterben, gingen sie zum Angriff über und zermalmten die beiden stolzesten Freikorps der Reichswehr . Unsere Leute waren seit 6 Tagen ununterbrochen im Gefecht, hatten keine Nacht geschlafen, mehrere Tage kein warmes Essen bekommen. Sie waren durchnäßt und zerfetzt, und trotzdem lehnten sie es ab, sich zur Ruhe ablösen zu lassen. Erst als der Sieg in ihren Händen war, ruhten sie wenige Minuten, um zu neuen Schlägen auszuholen.

Der Jubel der Bevölkerung ist groß. Selbst das Bürgertum erkennt an, daß die Arbeiter mustergültige Ruhe bewahren. Es ist nirgends zu Plünderungen und Ausschreitungen gekommen. Das Leben in den Städten rollt sich ab wie im tiefsten Frieden. Die Arbeiterschaft in Rheinland-Westfalen hat sich durch ihre Siege in der Geschichte des Sozialismus ein ehernes Denkmal gesetzt. Sie blickt auf Berlin und das übrige Reich und erwartet dort den gleichen Mut, die gleiche Energie und Entschlossenheit. Die festgefügteste militärische Organisation kann gegen die Arbeitertruppen nicht ankämpfen, wenn sie so mutig und entschlossen den Kampf aufnehmen, wie unsere Genossen im Wuppertal und an der Ruhr.“

Proklamation der Zentralstreikleitung von Rheinland-Westfalen zur Befreiung des Industriereviers durch die Rote Armee — ohne Ortsangabe, vermutlich 23. März 1920. IML, ZPA, D. F. VI/13, Bl. 62. Unterzeichnet: Die Zentralstreikleitung. Flugbl.

Nach der Vertreibung der konterrevolutionären Verbände durch die Rote Armee konnte der Vollzugsrat Essen mitteilen: ,,Das gesamte Industriegebiet befindet sich in den Händen der revolutionären Arbeiter. Die Rote Armee, die mindestens 50 000 bis 60 000 Mann stark ist, befindet sich in siegreichem Vormarsch auf Wesel , wo sich die letzten Reichswehrtruppen festgesetzt haben.“ (Vgl. Altenburger Landeszeitung v. 25. März 1920.)

Während der Belagerung der letzten Bastion der Konterrevolution durch die siegreiche Rote Armee brach unter den in der Festung Wesel eingeschlossenen Truppen eine wahre Panik aus, wie der Kommandant, General Kabisch , berichtete. Die Sicherheitspolizei und Teile des Regiments 62 flüchteten in Zivil über den Rhein oder nach Norden, die Zeitfreiwilligen lösten sich auf, und die Besatzung der Lippebrücke floh vor den Arbeiterbataillonen. Lediglich die Reste des nach Wesel geflüchteten Freikorps Schulz waren noch gefechtsbereit. (Vgl. Kabisch , Ernst , Die Kämpfe am Niederrhein und an der Ruhr im Anschluß an den Kapp-Putsch , S. 545–547.) —

in Arbeitereinheit rettet die Republik (1970)