Die Marinebrigade Loewenfeld in Bottrop

Die Marinebrigade Loewenfeld setzte ihren Vormarsch in zwei Abteilungen fort. Die eine ging, teilweise in gepanzerten Zügen herantransportiert, von Norden und Osten gegen Gladbeck vor; nach kleinen Gefechten mit fliehenden Rotgardisten war sie um 11 Uhr im Besitz der Stadt. Sie verhängte das Standrecht und drohte insbesondere für Nichtabgabe von Waffen die Todesstrafe an. Die andere Abteilung rückte am Morgen kampflos in Kirchhellen ein. Sie fahndete sofort nach allen, die während des Aufstandes irgendwie hervorgetreten waren. Der Arbeiter Fockenberg , der einige Stunden lang Sicherheitsdienst getan hatte, wurde aus seinem Haus geholt, mit Reitpeitsche und Gummiknüppel zusammengeschlagen und dann abtransportiert; etwas später fand man ihn tot etwas außerhalb des Ortes.

Vier andere Arbeiter nahm die Truppe auf ihrem Weitermarsch in Richtung Bottrop mit; drei hatten ebenfalls Sicherheitsdienst getan, während es sich bei dem vierten um jenen Bergmann Stremmer handelte, der auf Bitten des Amtmanns Brüggers als Vertreter der Einwohnerschaft im Verkehr mit der Roten Armee aufgetreten war (II, Seite 95). Es war typisch, daß Brüggers jetzt kein Wort der Vermittlung für Stremmer fand. Im Bottroper Vorort Eigen wurden die vier Gefangenen an einer Waldung erschossen — ,,auf der Flucht, wie die Marinebrigade verlauten ließ.

In Bottrop hatten in der Nacht Rotgardisten die Nachricht verbreitet, daß die Reichswehr bereits in Sterkrade stehe. Daraufhin hatte ein Teil der Rotgardisten die bereits abgegebenen Waffen wieder an sich genommen.Um 8.30 Uhr erreichte die Marinebrigade Loewenfeld die Stadtgrenze, voran die Sturmkompanie unter Kapitänleutnant Arnauld de la Periere , einem ,,Helden“ des unbeschränkten U-Boot-Krieges von 1916-18, der auf der alliierten Liste deutscher Kriegsverbrecher einen vorderen Platz einnahm. Die Wache im Bahnhof Bottrop-Nord (Vorort Eigen ) ergriff die Flucht; drei Mann konnten jedoch nicht mehr entkommen und wurden augenblicklich von der Truppe erschossen.

Sogleich begannen die Haussuchungen. Der Bergmann Soyka , bis vor vier Tagen Mitglied der Örtlichen Arbeiterwehr, wurde vor den Augen seiner Frau erschossen. Ebenso erging es zwei Zimmerleuten ( Adolf Weber , Hans Ziemke ), die von der Arbeit kamen.

Diese Vorgänge, die Erschießung der vier Gefangenen aus Kirchhellen und wohl überhaupt der Ruf, der der Marinebrigade Loewenfeld vorausging, erklären die Entschlossenheit, mit der die Rotgardisten — viele dürften es nicht mehr gewesen sein — jetzt den Kampf aufnahmen. Am Nordrand von Bottrop geschickt verteilt, vor allem in der Kolonie der Zeche ,, Prosper III — einzelnen Häuserblocks zwischen Äckern und Gärten –, machten sie sich noch einmal die für sie günstigen Bedingungen des Straßenkampfes zunutze: einen von zwei vordringenden Panzerwagen der Loewenfelder schössen sie bewegungsunfähig, und die Besatzung von zwei gepanzerten Lastwagen zwangen sie zum fluchtartigen Verlassen der Fahrzeuge.

Dann gingen die Loewenfelder im Schutz ihrer Artillerie auf zwei Hauptstraßen ( Kirchhellener und Gladbecker Straße ) vor; ihr Angriff blieb jedoch im Feuer der Rotgardisten stecken, und schließlich mußten sie auch die bereits eroberten Stellungen wieder aufgeben. Der aus Gladbeck herbeieilende Freikorpsführer v. Loewenfeld erkannte, so schrieb sein Stabsoffizier 1937 in einem Erinnerungsartikel, ,,daß hier nur rohe Gewalt half“, und befahl einer Batterie leichter Feldhaubitzen, mit Zeltzündergranaten — wiederum wörtlich — ,,Haus für Haus durch Salven zu räumen“. Ein Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder, viele andere, auch Bürgervillen, wurden schwer beschädigt.

Allmählich erhielten die Rotgardisten Verstärkung durch Arbeiter, die in mehreren Straßenbahnwagen aus Essen kamen. Gegen Mittag traf auch ein Geschütz ein, das nacheinander an verschiedenen Stellen im Stadtzentrum aufgestellt wurde; es richtete jedoch nicht viel aus, sondern zog im wesentlichen nur das Artilleriefeuer des Gegners auf die jeweilige Gegend, in der es stand. Am frühen Nachmittag griff ein weiteres Bataillon der Loewenfelder in den Kampf ein, das in Gladbeck nicht mehr benötigt wurde. Es ging von Osten her gegen die Stadt vor, ebenfalls im Schutz von Artilleriefeuer; die von Schlageter geführte Batterie, so schrieben später die nationalsozialistischen Militärhistoriker, ,,fegte . . . die schlimmsten Häusergruppen sauber“.

Aber auch dieser Angriff blieb stecken. Um 18 Uhr gab v. Loewenfeld Befehl zum allgemeinen Rückzug bis hinter den Boyebach (auf halber Strecke zwischen Bottrop und Kirchhellen – Gladbeck ). Das war jedoch nicht das Ende des Kampfes, im Gegenteil: von 19.30 bis 22 Uhr legten die Loewenfelder ein mörderisches Trommelfeuer aus sämtlichen Geschützen auf die Stadt (Kaliber 10,5 und 7,5 cm). Nicht jeder — vor allem nicht die Arbeiter — hatte einen Keller, in den er flüchten konnte, so daß es in zahlreichen Wohnungen Tote und Verwundete gab.Das war der Versuch, den Widerstand der Arbeiter durch nackten Terror zu brechen, wie sich auch daran zeigte, daß die im benachbarten Osterfeld stehende Reichswehrtruppe genau gleichzeitig begann — offenbar mit den Loewenfeldern abgestimmt –, die Bergarbeiterkolonie Eisenheim mit Artillerie zu bombardieren.

Dabei wurden u.a. in einem Geschäftshaus neun Personen verletzt, von denen zwei — ein Anstreicher und ein Dienstmädchen — im Krankenhaus starben. Bedeutend höher war die Zahl der Toten in Bottrop. Die amtliche Totenliste, die 56 Personen umfaßte, enthielt nur Tote, die hatten identifiziert werden können (und auch in dieser Hinsicht war sie nicht vollständig); dabei wurde ausdrücklich bemerkt, daß nicht mehr festzustellen sei, wer am Kampf beteiligt gewesen sei und wer nicht. Die Loewenfelder hatten 21 Tote.

nach Erhard Lucas , Märzrevolution 1920