Der Wiener Oktoberaufstand 1848

Revolution 1848 | 1848

Wir kommen jetzt zu jenen entscheidenden Ereignissen, die in Deutschland das revolutionäre Gegenstück zum Pariser Juniaufstand bilden und mit einem Schlag entscheidend zugunsten der konterrevolutionären Partei in die Waagschale fielen – zum Wiener Aufstand vom Oktober 1848.

Wir haben gesehen, welche Stellung die verschiedenen Klassen in Wien nach dem Siege vom 12. März einnahmen. Wir haben ferner gesehen, wie die Bewegung in Deutsch-Österreich mit den Vorgängen in den nichtdeutschen Gebieten Österreichs verflochten und durch sie gehemmt war. Wir brauchen also nur noch kurz einen Blick auf die Ursachen zu werfen, die zu dieser letzten und gewaltigsten Erhebung in Deutsch-Österreich führten.

Der Hochadel und die Börsen-Bourgeoisie, die inoffiziell die Hauptstützen des Metternichschen Regimes gewesen, waren sogar nach den Märzereignissen noch fähig, ihren maßgebenden Einfluß auf die Regierung zu behaupten, nicht nur dank dem Hof, der Armee und der Bürokratie, sondern mehr noch infolge der tödlichen Angst vor der „Anarchie“, die in der Bourgeoisie reißend um sich griff. Sehr bald wagten diese Kreise einige Fühler auszustrecken in Gestalt eines Pressegesetzes, einer unbeschreiblich aristokratischen Verfassung und eines Wahlgesetzes, das auf der alten Einteilung in „Stände“ beruhte.

Das sogenannte konstitutionelle Ministerium, das aus halbliberalen, ängstlichen, unfähigen Bürokraten bestand, wagte am 14. Mai sogar einen direkten Angriff auf die revolutionären Organisationen der Massen, indem es das Zentralkomitee der Delegierten der Nationalgarde und der Akademischen Legion auflöste, eine Körperschaft, die ausdrücklich zu dem Zweck gebildet worden war, die Regierung zu überwachen und im Notfall die Kräfte des Volkes gegen sie aufzurufen.

Dieses Vorgehen führte jedoch nur zu der Erhebung vom 15. Mai, durch die die Regierung gezwungen wurde, das Komitee anzuerkennen, die Verfassung und das Wahlgesetz zu widerrufen und einen auf Grund des all- <62> gemeinen Wahlrechts gewählten konstituierenden Reichstag mit der Ausarbeitung des Entwurfs eines neuen Staatsgrundgesetzes zu betrauen. All das wurde am folgenden Tag durch eine kaiserliche Proklamation bestätigt. Aber die reaktionäre Partei, die gleichfalls ihre Vertreter im Ministerium hatte, brachte es bald zuwege, ihre „liberalen“ Kollegen zu einem neuen Angriff auf die Errungenschaften des Volkes zu veranlassen.

Die Akademische Legion, die Hochburg der Bewegungspartei, war gerade als Zentrum unausgesetzter Agitation den gemäßigteren Wiener Bürgern besonders zuwider geworden; am 26. wurde sie durch ministerielle Verfügung aufgelöst. Vielleicht wäre dieser Streich geglückt, wenn man die Ausführung einem Teil der Nationalgarde allein übertragen hätte; aber die Regierung, die auch dieser nicht traute, bot Militär auf; daraufhin schwenkte die Nationalgarde sofort gegen die Regierung ein, machte mit der Akademischen Legion gemeinsame Sache und vereitelte so den ministeriellen Plan.

Mittlerweile hatte jedoch der Kaiser mit seinem Hof am 16. Mai Wien verlassen und in Innsbruck Zuflucht genommen. Hier, inmitten der bigotten Tiroler, deren Loyalität angesichts der Gefahr eines Einfalls der sardinisch-lombardischen Armee in ihr Land erneut aufflammte, gestützt auf die Nähe der Truppen Radetzkys, in deren Schußbereich Innsbruck lag, hier fand die konterrevolutionäre Partei ein Asyl, von dem aus sie unkontrolliert, unbeobachtet und ungefährdet ihre zersprengten Kräfte sammeln und wiederherstellen und von neuem das Netz ihrer Verschwörungen über das ganze Land spinnen konnte.

Mit Radetzky, Jellachich und Windischgrätz sowie mit den zuverlässigen Leuten innerhalb der administrativen Hierarchie der verschiedenen Provinzen wurden die Verbindungen wiederaufgenommen, mit den Führern der Slawen Ränke geschmiedet. Auf diese Weise wurde eine wirkliche Macht geschaffen, die der konterrevolutionären Kamarilla zur Verfügung stand, während man den machtlosen Ministern in Wien gestattete, ihre kurzlebige, schwache Popularität in ständigen Reibereien mit den revolutionären Massen und in den Debatten der demnächst zusammentretenden konstituierenden Versammlung abzunützen.

So war die Taktik, die Bewegung in der Hauptstadt eine Zeit sich selbst zu überlassen, eine Taktik, die in einem zentralisierten und homogenen Lande wie Frankreich unbedingt dazu geführt hätte, daß die Bewegungspartei allmächtig geworden wäre, hier in Österreich, diesem Mischmasch heterogener politischer Kräfte, eines der Mittel, die unfehlbar der Reaktion wieder in den Sattel verhelfen mußten.

Die Wiener Bourgeoisie, die sich einredete, nach drei aufeinanderfolgen- <63> den Niederlagen und angesichts einer auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhenden konstituierenden Versammlung sei der Hof als Gegner nicht mehr zu fürchten, verfiel mehr und mehr jener müden Gleichgültigkeit und jener ewigen Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, die diese Klasse nach heftigen, mit Störungen des Geschäftsgangs verbundenen Erschütterungen noch überall befallen hat. Die Industrie der österreichischen Hauptstadt beschränkt sich fast ausschließlich auf Luxusartikel, nach denen seit der Revolution und der Flucht des Hofes naturgemäß nur sehr geringe Nachfrage bestand. Der Ruf nach Rückkehr zu einem geordneten Regierungssystem und nach Rückkehr des Hofes – beides Dinge, von denen man eine geschäftliche Wiederbelebung erwartete -, dieser Ruf wurde jetzt allgemein in der Bourgeoisie.

Der Zusammentritt der konstituierenden Versammlung im Juli wurde jubelnd begrüßt als das Ende der revolutionären Ära, ebenso die Rückkehr des Hofes, der sich nach den Siegen Radetzkys in Italien und nach Bildung des reaktionären Ministeriums Doblhoff stark genug fühlte, dem Ansturm des Volkes zu trotzen, und der in Wien gleichzeitig notwendig war, um seine Intrigen mit der slawischen Mehrheit des Reichstages zum Abschluß zu bringen. Während der konstituierende Reichstag die Gesetze über die Befreiung der Bauernschaft von den Fesseln des Feudalismus und der Leistung von Frondiensten für den Adel beriet, brachte der Hof ein Meisterstück zuwege.

Man bewog den Kaiser, am 19. August eine Truppenschau über die Nationalgarde abzunehmen; die kaiserliche Familie, der Hofstaat, die Generalität überboten einander in Schmeicheleien an die Adresse der bewaffneten Bürger, denen der Stolz, sich derart öffentlich als eine der ausschlaggebenden Mächte des Staates anerkannt zu sehen, schon berauschend zu Kopf gestiegen war; aber unmittelbar darauf erschien mit der Unterschrift des Herrn Schwarzer, des einzigen populären Ministers im Kabinett, ein Erlaß, der den Arbeitslosen die bisher gewährte staatliche Unterstützung entzog.

Der Trick hatte Erfolg. Die Arbeiter veranstalteten eine Demonstration; die Bourgeois von der Nationalgarde erklärten sich für den Erlaß ihres Ministers; sie wurden auf die „Anarchisten“ losgelassen, fielen wie Tiger über die unbewaffneten, keinen Widerstand leistenden Arbeiter her und richteten am 23. August ein großes Blutbad unter ihnen an. So wurde die Einheit und Macht der revolutionären Kräfte zerschlagen; der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat war auch in Wien blutig zum Ausdruck gekommen, und die konterrevolutionäre Kamarilla sah den Tag herannahen, an dem sie es wagen konnte, zu ihrem großen Schlag auszuholen.

Die ungarischen Angelegenheiten gaben ihr bald Gelegenheit, offen zu verkünden, nach welchen Grundsätzen sie vorzugehen gedachte. Am <64> 5. Oktober erklärte ein kaiserlicher Erlaß in der „Wiener Zeitung“ – ein Erlaß, der von keinem der verantwortlichen Minister für Ungarn gegengezeichnet war – den ungarischen Reichstag für aufgelöst und ernannte den Banus Jellachich von Kroatien zum Zivil- und Militärgouverneur von Ungarn – Jellachich, den Führer der südslawischen Reaktion, einen Mann, der sich mit den gesetzlichen Gewalten Ungarns im Kriegszustand befand. Gleichzeitig erhielten die Truppen in Wien den Befehl zum Abmarsch und zur Vereinigung mit der Armee, die Jallachichs Autorität gewaltsam durchsetzen sollte.

Damit ließ man aber den Pferdefuß allzu deutlich sehen; jedermann in Wien fühlte, daß Krieg gegen Ungarn Krieg gegen das Prinzip einer konstitutionellen Regierung bedeutete, ein Prinzip, das durch den erwähnten Erlaß mit Füßen getreten worden war, denn der Kaiser hatte versucht, ohne Gegenzeichnung eines verantwortlichen Ministers Verordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen. Das Volk, die Akademische Legion, die Wiener Nationalgarde erhoben sich am 6. Oktober in Massen und widersetzten sich dem Ausmarsch der Truppen. Einige Grenadiere gingen zum Volke über.

Ein kurzer Kampf entspann sich zwischen den bewaffneten Kräften des Volkes und den Truppen. Der Kriegsminister Latour wurde vom Volke erschlagen, und am Abend war das Volk Sieger. Inzwischen war der Banus Jellachich, bei Stuhlweißenburg <Székesfehérvár> von Perczel geschlagen, auf deutschösterreichisches Gebiet unweit Wien geflüchtet. Die Wiener Truppen, die ihm zur Hilfe eilen sollten, nahmen jetzt eine ausgesprochen feindliche, abwehrbereite Stellung ihm gegenüber ein, und der Kaiser mitsamt dem Hof war wieder geflüchtet, diesmal nach Olmütz, auf halbslawisches Gebiet.

In Olmütz befand sich der Hof indessen in einer ganz anderen Lage als seinerzeit in Innsbruck. Umgeben von den slawischen Abgeordneten der Konstituante, die scharenweise nach Olmütz eilten, und von slawischen Enthusiasten aus allen Teilen der Monarchie, war er jetzt imstande, ohne weiteres den Feldzug gegen die Revolution zu eröffnen. Dieser Feldzug sollte in ihren Augen ein Krieg für die Wiederaufrichtung des Slawentums werden, ein Vernichtungskrieg gegen die beiden Eindringlinge in das von ihnen als slawisch betrachtete Gebiet, gegen die Deutschen und die Magyaren. Windischgrätz, der Eroberer von Prag, jetzt der Befehlshaber der Armee, die man rings um Wien konzentrierte, wurde mit einemmal zum slawischen Nationalhelden.

Und seine Armee wurde rasch von überallher zusammengezogen. Aus Böhmen, Mähren, der Steiermark, Oberösterreich und Italien marschierte Regiment auf Regiment in Richtung Wien, um sich mit den Truppen <65> Jellachichs und der früheren Garnison der Hauptstadt zu vereinigen. So waren gegen Ende Oktober über 60.000 Mann zusammengezogen, die bald begannen, die Kaiserstadt von allen Seiten einzuschließen, bis sie am 30. Oktober so weit vorgedrungen waren, daß sie den entscheidenden Angriff wagen konnten.

In Wien herrschten unterdessen Verwirrung und Ratlosigkeit. Die Bourgeoisie war nach dem Sieg alsbald wieder ihrem alten Mißtrauen gegen die „anarchische“ Arbeiterklasse verfallen. Die Arbeiter, die die ihnen sechs Wochen zuvor von den bewaffneten Krämern zuteil gewordene Behandlung so wenig vergessen hatten wie die unstete, schwankende Politik des Bürgertums überhaupt, wollten diesem die Verteidigung der Stadt nicht anvertrauen und verlangten Waffen und eine eigene militärische Organisation. Die Akademische Legion, die darauf brannte, gegen den kaiserlichen Despotismus zu kämpfen, war völlig außerstande, den tieferen Sinn der Entfremdung zwischen den beiden Klassen zu verstehen oder die Erfordernisse der Lage sonst zu begreifen. Verwirrung herrschte in den Köpfen des Volkes, Verwirrung in den führenden Kreisen. Der Rest des Reichstags – deutsche Deputierte und ein paar Slawen, die, von einigen revolutionären polnischen Abgeordneten abgesehen, für ihre Freunde in Olmütz Spitzeldienste leisteten – tagten in Permanenz; aber statt eine entschiedene Haltung einzunehmen, vertrödelten sie ihre ganze Zeit mit nutzlosen Debatten über die Möglichkeit eines Widerstandes gegen die kaiserliche Armee, ohne die Grenzen der konstitutionellen Formen zu überschreiten. Der Sicherheitsausschuß, zusammengesetzt aus Abgeordneten fast aller Organisationen des Volkes von Wien, war wohl zum Widerstand entschlossen, stand aber unter der Herrschaft einer Mehrheit von Pfahlbürgern und Kleinkrämern, die ihn nie zu konsequent entschlossenem, tatkräftigem Handeln kommen ließen. Der Ausschuß der Akademischen Legion faßte heroische Beschlüsse, war aber völlig unfähig, die Führung zu übernehmen. Die Arbeiter, mit Mißtrauen betrachtet, ohne Waffen, ohne Organisation, der Geistesknechtung des alten Regimes kaum entronnen, eben erst erwachend, nicht zum Bewußtsein, sondern zum rein instinktiven Erfassen ihrer gesellschaftlichen Lage und der sich daraus ergebenden politischen Haltung, konnten sich nur durch laute Demonstrationen Gehör verschaffen; man durfte von ihnen nicht erwarten, sie würden die Schwierigkeiten des Augenblicks meistern. Aber sie waren – wie überall in Deutschland während der Revolution – bereit, bis zum Äußersten zu kämpfen, sobald sie nur Waffen erhielten.

So standen die Dinge in Wien. Draußen die reorganisierte österreichische Armee, berauscht von den Siegen Radetzkys in Italien, sechzig- bis siebzig- <66> tausend Mann, gut bewaffnet, gut organisiert, und wenn die Führung auch nicht viel taugte, so doch immerhin mit Führern versehen. Drinnen Verwirrung, Klassenspaltung, Desorganisation; eine Nationalgarde, von der ein Teil entschlossen war, überhaupt nicht zu kämpfen, während ein anderer Teil noch zu keinem Entschluß gekommen und nur der kleinste Teil zum Handeln bereit war; eine proletarische Masse, stark an Zahl, aber ohne Führer, ohne jede politische Schulung, ebenso leicht geneigt zur Panik wie zu beinah grundlosen Wutausbrüchen, eine Beute jedes falschen Gerüchts, das ausgestreut wurde, durchaus bereit zu kämpfen, doch ohne Waffen, wenigstens zu Beginn, und auch später, als man sie schließlich zum Kampfe führte, nur unvollständig bewaffnet und fast gar nicht organisiert; ein hilfloser Reichstag, der noch über theoretische Haarspaltereien diskutierte, als ihm schon fast das Dach über dem Kopfe brannte; ein leitender Ausschuß ohne innere Triebkraft und Energie. Alles war anders geworden seit den Tagen des März und Mai, als im Lager der Konterrevolution völlige Verwirrung herrschte und nur eine einzige organisierte Macht bestand: die von der Revolution geschaffene. Über den Ausgang eines solchen Kampfes konnte es kaum einen Zweifel geben, und wenn es doch noch einen gab, so wurde er behoben durch die Ereignisse des 30. und 31. Oktober und des 1. November.

Friedrich Engels. London. März 1852