Der Staat mit einer Pyramide verglichen

von Justus Möser

Ein Staat läßt sich am besten mit einer Pyramide vergleichen, die alsdenn schön ist, wenn sie ihr gehöriges Verhältnis hat, unten auf einem guten Grunde ruht und nach der Spitze zu immer dergestalt abnimmt, daß das Unterste das Oberste völlig, aber auch mit der mindesten Beschwerde trägt. Um solches recht deutlich zu machen, wollen wir jetzt miteinander betrachten: erstlich die Spitze, hernach die Mitte und zuletzt den Grund.

Die Spitze ist besonders fehlerhaft, wenn sie oben zu dicke ist; oder um sogleich die Anwendung hiervon zu machen, wenn die landesherrliche Familie sich zu sehr vermehrt, wenn alle Prinzen heiraten und alle Prinzessinnen Aussteuern erfordern und solchergestalt die Bevölkerung oben stärker geht als unten. Sie ist fehlerhaft, wenn sich alle Kräfte nach dem Kopfe ziehen und den untern Teil machtlos lassen; sie ist endlich fehlerhaft, wenn der Kopf zittert und die Kräfte, die sich hinaufziehen sollten, in der Mitte stocken.

Nach diesem Grundsatze sollte man meinen, daß ein geistlicher Staat, dessen Fürst nicht heiraten darf, allemal der beste sein müßte, weil hier der Kopf durch keine Aussteuern, Witwensitze und Apanagen zu sehr vergrößert werden kann. Allein, da leider dergleichen Köpfe sehr oft mit gefährlichen Kröpfen heimgesuchet werden, die sich bisweilen so sehr ausdehnen, daß sie die ganze Pyramide durch ihre Schwere umstürzen: so läßt sich solches nicht mit Gewißheit behaupten. 

Wir wollen uns also nun zur Mitte wenden. Nach dem stärksten pyramidalischen Verhältnis folgt auf eins zwei, und so bekömmt der Schaft eine Unförmlichkeit, wenn oben dieses Verhältnis überschritten wird und die hohe Dienerschaft sich oben am Halskragen zu sehr vermehret; der Schaft bekömmt einen Bauch, wenn zu viel neue Edelleute gemacht werden oder der unbegüterte Adel sich zu stark in die Bedienungen dringt, darauf heiratet und eine Menge Kinder zeugt, die niemals wieder zum Pfluge zurückkehren, sondern, wo sie nicht totgeschossen werden, lauter Auswüchse werden, die von der Wurzel leben, ohne dem Stamme wiederum einigen Saft mitzuteilen; sie bekömmt zuletzt unten. einen Bruch, und leider ist dieses jetzt das allgemeine Staats-übel, wenn der Wehrstand, er sei nun vom Leder oder von der Feder, besonders wo demselben das Heiraten erlaubt wird, mit Weibern und Kindern den Nährstand überwiegt und eine Menge kleiner und mittelmäßiger Bediente sich wie das Ungeziefer anhangen.

Auch hierin, sollte man sagen, hätte der geistliche Staat einen Vorzug, wo der neue Adel verachtet, die Jüngern Söhne und Töchter des alten mit Präbenden versorgt und vom Heiraten abgehalten, die höhesten Bedienungen mit Geistlichen besetzt und alle Maßregln genommen werden, daß der dem Pfluge entzogene Stand sich, wie billig, nicht zu sehr zur Last des Staats vermehre und jeder fürstliche Rat wiederum sechs andre Räte und sechs künftige Rätinnen zeuge. Allein, auch liier müssen wir mit jenem alten heidnischen Sittenlehrer ausrufen: Ubique naufragium, überall zerbrochene Töpfe!

Von dem Grunde brauchen wir weiter nichts zu sagen, als daß solcher nicht leicht zu zahlreich, nicht zu stark und nicht leicht zu gut gefugt sein könne; und daß, wo es hieran ermangelt, wo sich hier eine Lücke bei der ändern zeigt und der eine Stein geborsten, der andere verwittert und der dritte gestohlen ist, die ganze Pyramide notwendig zusammenfallen müsse.

Das Merkwürdigste bei dieser Vergleichung ist, daß die Natur gerade nach den Regeln arbeitet, welche diese pyramidalische Einrichtung erfordert. Denn man wird wahrnehmen, daß im großen Durchschnitt die menschliche Pyra-mide immer nach der Spitze zu am ersten abnehme und verdorre. Je höher hinauf, je mehr schwächliche Gesundheiten und Übel; die fürstlichen Söhne verderben sich früh, damit ihre Kinder dem Staate nicht zur Last fallen; die jungen Edelleute folgen einem so großen Exempel, und man sagt überhaupt: Große Männer erziehen schlechte Kinder.

Mit Macht dringt sich Gesundheit, Fleiß und Stärke immer von unten auf gegen die Höhe; diese eisernen Tugenden des untern Teils der Pyramide schieben täglich eine Menge zum Schafte hinaus, welche dort absterben und wie verdorrte Zweige herunterfallen; die Hauptstädte werden immer von dem dauerhaften Pflugstande bevölkert, in der Handlung zählt man immer mehr gewordene als erzeugte Reiche; und selbst von den Gelehrten will man angemerkt haben, daß die vom geringsten Herkommen in ihrer Jugend den mehrsten Fleiß, als Männer die wahre Dauer zur Arbeit und am seltensten den Fehler der Hypochondrie haben.

Diejenigen haben der Natur gemäß gearbeitet, die dem Menschen erlaubt haben, dem Heiraten durch ein Gelübde zu entsagen; vorausgesetzt, daß keiner zu diesem Gelübde gelassen werde, der zum Grunde der Pyramide gehört oder billig zu dessen Verstärkung gebrauchet werden kann; und das ist auch mehrmalen heilsamlich verordnet worden. Man mag dagegen so vieles einwenden, wie man will: so ist doch offenbar, daß, wenn die fürstlichen, gräflichen, adlichen und andrer guter Leute Kinder sich wie die geringen vermehrten, die Pyramide oben so dick wie unten werden und der Schaft seinen Grund tief in die Erde drücken würde; oder wir müßten eine andere politische Einrichtung haben, nach welcher die Jüngern Kinder Stand und Wappen ablegen und sich dem Gewerbe oder Ackerbau ergeben könnten.

Der Militärstand ist zwar freilich ein großer Abnehmer dieser Kinder. Allein, da auch dieser immer mehr und mehr heiratet und ein Offizier wie billig nur Offiziere zeugt: so wird die Aussicht immer schlimmer; und der unterste Teil der Pyramide, der jener weichen muß, wird gar ausgehn, wenn ihn der Soldat, der Weib und Kinder hat, heimlich oder öffentlich die Nahrung zu entziehen gezwungen wird. Dieser letzte Bruchschade ist unheilbar; und doch wird er so wenig erkannt, daß man sogar hier und da dem Soldaten ein Handwerk frei zu treiben erlaubt.

Justus Möser. in : Klassenbuch 1 (1972)

Wehrstand vom Leder und von der Feder: Soldaten und Militärbürokratie
Präbende: kirchliche Pfründe, Anteil an den Einkünften eines Domstifts
Handlung: hier Handel
Hypochondrie: Einbildung, krank zu sein