Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg

Novemberrevolution 1918/19 | | 1919

Die Verfolgung und Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs waren keine Kampfhandlung im Bürgerkrieg. Sie hatten andere Gründe. Der eine Grund war, daß Liebknecht und Rosa Luxemburg wie niemand sonst in den Augen von Freund und Feind die deutsche Revolution verkörperten. Sie waren ihre Symbole, und mit ihnen erschlug man die Revolution. Dies gilt für Karl Liebknecht noch mehr als für Rosa Luxemburg.

Der andere Grund war, daß sie wie niemand sonst das falsche Spiel, das von Anfang an mit der deutschen Revolution von ihren angeblichen Führern getrieben wurde, erkannten und ihre Erkenntnis täglich laut herausschrien. Sie waren sachverständige Zeugen, die man erschlug, weil man ihrem Zeugnis nichts entgegenzusetzen hatte. Dies gilt für Rosa Luxemburg noch mehr als für Karl Liebknecht. Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg war der Mord an überlegenem Mut und an überlegenem Geist, und er war der Mord an der unwiderlegbaren Wahrheit.

Wer war dieses Mordes schuldig? Direkttäter waren gewiß der damalige Hauptmann Pabst, der sich Jahrzehnte später, im Jahre 1962, im Schütze der Verjährung seiner Tat offen gerühmt hat, und seine Mordkommandos. Sie alle waren gewiß nicht bloße Werkzeuge, die stumpf und gleichgültig Befehle ausführten; sie waren willige, ja eifrige Täter. Aber waren sie die einzigen Täter, auch nur die Haupttäter?

Nicht zu übersehen ist, daß die Verfolgung, die öffentlichen Mordaufforderungen spätestens Anfang Dezember 1918 begonnen hatten, lange ehe die Mörder von der Garde-Kavallerie-Schützendivision die Szene betraten. Nicht zu übersehen der Kopfpreis, der damals ausgesetzt wurde, die Bekundung des stellvertretenden Berliner Stadtkommandanten, die eindeutige Mordhetze nicht nur der bürgerlichen, sondern auch und gerade der sozialdemokratischen Presse; und nach der Tat die heuchlerische Verteidigung, mit der Scheidemann, die kalte Genugtuung, mit der Noske sie registrierte; Ebert hat, soviel man feststellen kann, immer wie das Grab dazu geschwiegen.

Nicht zu übersehen auch die unverhüllte, ja schamlose Begünstigung der Direktmörder durch Justiz- und Regierungsbehörden (sie wurden von einem Militärgericht ihrer eigenen Division in einem possenhaften Verfahren freigesprochen; soweit man sie zu leichten Strafen wegen «Wachvergehens» und «Beiseiteschaffen““ einer Leiche verurteilen mußte, verhalf man ihnen unmittelbar danach zur Flucht). Und nicht zu übersehen schließlich die Reaktion der gesamten bürgerlichen und sozialdemokratischen öffentlichen Meinung auf die Mordtat, die von beschönigender Vertuschung bis zu offenem Jubel reichte, eine Hehlerreaktion, an der sich bis zum heutigen Tag nichts geändert hat.

Der Mord vom 15. Januar 1919 war ein Auftakt – der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit. Er war das Startzeichen für alle anderen. Und gerade er ist immer noch uneingestanden, immer noch ungesühnt und immer noch unbereut. Deswegen schreit er immer noch zum deutschen Himmel. Deswegen schickt er immer noch sein sengendes Licht in die deutsche Gegenwart wie ein tödlicher Laserstrahl.

Sebastian Haffner, in: Deutsche Revolution 1918/19 , 1968