Der deutsche Bauernkrieg

Bauernkriege | 1856

Man hat in dem Völker- und Staatenleben die Krankheitszustände, ihre Ursachen und Heilungen bisher viel weniger erforscht und dargestellt, als die Zeiten des Blühens und der gesunden Kraft. Weit zu wenig zur Erkenntniß des Gottes -Gerichtes, das sich in der Geschichte vollzieht, hat man die inneren Kämpfe und Entwicklungen, und am wenigsten das untersucht und unbefangen gewürdigt, was in der Tiefe der Gesellschaft lebte, webte und litt, was in ihr gährte und aus ihr herauf rang, in Europa überhaupt, und insbesondere im deutschen Reiche. Und doch ist ohne das Verständniß dieses Lebens und Regens in den Tiefen ein richtiges Verständniß der Geschichte des Ganzen nicht möglich.

In den fernen Zeiten des Mittelalters schon hört man von Zeit zu Zeit ein dumpfes Brausen unter dem Boden, auf welchem die herrschenden Stände der Gesellschaft sich eingerichtet hatten, gleich dem unterirdischen Grollen vulkanischer Kräfte. Von Zeit zu Zeit kam es auch zu einem schwächeren Ausbruch auf diesem oder jenem Punkte. Gleich den Aushauchungen von Gasen und Dämpfen und den kleinen Auswürfen glühender Schlacken aus Schlünden und Spalten eines Kraters, stieg es aus der Tiefe der Gesellschaft auf. Es waren Zeichen des inneren Brandes; aber man achtete nicht darauf, man glaubte wenigstens nicht an die Fortdauer der Regungen und Gährungen in der Tiefe, weil man zunächst die Ausgänge verstopft hatte, und weil lange Pausen folgten, in welchen nichts hervortrat, und Alles zu ruhen schien. Wenn auch wieder einmal irgendwo es hervor zuckte oder brach, so gab man sich doch dem Wahne, das drohende Element sei ganz verschwunden, stets wieder hin, sobald der Ausbruch vorüber war.

Während aber diese Kräfte der Tiefe zu ruhen schienen, sammelte sich immer mehr Bedrohliches unter den Füßen der Gesellschaft, die es sich wohl sein ließ, und zwar auf dem Wege des Unrechts es sich wohl sein ließ.

Da kamen die Tage des Uebergangs des Mittelalters in die neue Zeit: es wurde erfunden und gedacht, es wurde gedruckt und gelesen. Die neuen Gedanken gelangten bis hinab zu der Tiefe, in welcher der Unmuth kochte, und vermehrten dort die Spannung. Warnende Zeichen traten nach langer Ruhe wieder hervor und mehrten sich, Zeichen, die auf einen baldigen großen Ausbruch wiesen. Es gab solche, die ein Gefühl hatten, als stehen sie auf unterhöhltem Boden, und als erzittere dieser. Die Herrschenden in Masse aber, obgleich Erdstöße erfolgten, glaubten noch immer nicht an wirkliche Gefahr, weil die Stöße vorüber gingen, und wieder Ruhe wurde. Sie vermehrten sogar den Druck, selbst da noch, als außergewöhnliche Symptome sich zeigten, die man bei früheren Ausbrüchen nicht wahrgenommen hatte. Da erfolgte die Katastrophe. Der Ausbruch war ein plötzlicher, und hatte die ganze Furchtbarkeit einer Naturscene, wenn ein Vulkan ausbricht.

Die neuen Kräfte des Gedankens hatten in den untersten Schichten in weitem Umfang und gewaltig gewirkt, und der Druck von Oben ‚hatte die Erhitzung und die Spannung täglich vermehrt, bis die Kräfte der Tiefe die Last sprengten, die man von Oben auf sie gewälzt hatte. Und wie man bei einem vulkanischen Ausbruch den Boden auf weite Entfernung hin erzittern fühlt, Blitze über die Berge durch die Wolken zucken, und in glühendem Roth die Oberfläche leuchtet nnter unheimlichem Getöse, aus dem heraus man namentlich das Krachen von stürzenden Steinmassen hört: so war es bei dem gesellschaftlichen Ausbruch. Glühende Feuersäulen rötheten den Himmel Tag und Nacht unter Getöse und Krachen; das Verderben wälzte sich über Unschuldige wie Schuldige; mit stürzendem Gestein, bls zum Fuß, bedeckten sich die Berge, bedeckte sich oft weithin die Ebene; mit dem Gestein der zerstörten Häuser der Herrschenden.

Noch stehen überall, tausendweise, Ruinen von Klöstern und Schlössern, als Reste und Zeugen jener Katastrophe. Sie ist der Ausbruch, welchen das vorliegende Buch darstellt.

Jm Jnnern der ganzen Gesellschaft fing es an zu glühen; viel Erstarrtes und Hartes wurde erweicht, schmolz und gerieth in seurigen Fluß; was unten lag, wurde empor gehoben, der Boden hatte sich gespalten, die Rinde der zeitlichen Gesellschafts – Verhältnisse war zerrissen. Aber die Feuerkräfte, nachdem sie eine kurze Zeit thätig gewesen waren, zogen sich zurück, oder sie erkalteten. Die plötzliche Hebung durch die Revolution, und zwar durch eine religiöse wie politische Revolution, machte einer langsamen Erhebung Deutschlands Platz, welche sich durch den Lauf von Jahrhunderten vollziehen sollte.

Dieser Ausbruch hat weithin verheert und zerstört, wohin seine Strömung traf. Durch ihn sollte gestraft werden, und durch ihn ist gestraft worden. Handlungen der Menschen waren es, welche ihn herauf beschworen. Unrecht, das zum Himmel schrie, war es, was ungeheures Unglück über die, welche das Unrecht thaten, oder Kinder und Enkel von solchen waren, gebracht hat. Jhr Unglück kam über sie als Strase zu groß angewachsener Schuld. Ein höherer Wille ist es, nach welchem das Strafgericht kommt, und welcher es leitet, und Menschen sind nur die Werkzeuge dieses Willens, um an Menschen das Urtheil und die Absichten desselben zu vollziehen. Nach dem Ausbruch hatte die ganze Umgegend umher ein anderes Aussehen, Menschen und Dinge waren verändert; es wurde nicht mehr, wie es vor dem Ausbruch gewesen war, wenigstens in wesentlichen Stücken; eine neue Zeit war angebrochen. Unter Verwüstungen und Erschütterungen, unter Sturm und Blut war es Tag geworden; aber Tag war es, was es geworden war.

Es war der gewaltsame Theil im großen Auflösungsprozesse des Mittelalters. Diejenigen Elemente der Gesellschaft, welche abgelebt waren, und sich überlebt hatten, und die schon länger durcheinander hingen und zum Falle sich neigten, wurden entweder vollends zum Sturz gebracht oder dem Sturze nahe. Sklaven ein halb Iahrtausend lang, vermochten die Bauern nicht im Zeitraume einer Märznacht weder den Geist und Charakter der Freiheit, noch die nachhaltige Liebe zur Freiheit sich zu eigen zu machen. Sie machtens in Vielem bloß nicht besser, als ihre Herren, durch die sie von Kindheit auf systematisch verbittert und verwildert worden waren. Wer sich in dem Bauernkriege bloß an die unnützen, manchmal gräßlichen Zugaben halten wollte, der müßte ebenso der Reformation die ihren, dem Katholicismus die seinen zurechnen, und sich bloß daran halten. Oder fehlt es in der Geschichte der beiden letzten an Schauderhaftem?

Durchgeführt, hätte die Revolution von 1525 Deutschland eins machen müssen, im Politischen und im Religiösen eins. Nicht durchgeführt, aus Ursachen, welche dieses Buch nachweist, hat sie wenigstens weggeschnitten, geebnet, durchgebrochen für Luft und Licht, unvertilgbare Spuren der Zerstörung nicht bloß und des Gerichtes zurückgelassen, sondern auch Furchen gezogen und Keime darein gelegt für künftige Entwicklungen.

Diese Keime haben mit unwiderstehlicher Kraft getrieben, und sie sind ein Segen der Menschheit geworden, nachdem, was wild und wüst war an dem Ausbruch, längst verschwunden ist. Nicht bloß Spiel und Spieler und die Leidenschaften auf den Höhen, sondern auch die in den Tiefen der Gesellschaft müssen der göttlichen Ordnung dienen, nach welcher sich die Zeiten umwandeln und die Geschlechter.

Dieser Ordnung gemäß sieht man im Bauernkriege Gedanken hervortreten, die beim ersten Anblick wunderlich scheinen könnten, die aber auch nur Keime künftiger Entwicklungen sind. Wozu, nach Gottes Wort eben so sehr als nach der philosophirenden Vernunft, die Menschheit spät erst, im Lause der Zeiten, sich entfalten und vervollkommnen wird, das wird schon beim Ausbruch von 1525 gefordert und gesetzt, als etwas, das da sein könne, solle und müsse, jetzt, sogleich, augenblicklich, herrschend und dauernd von nun an. Das ist der :mter dem Namen des tausendjährigen Reiches von der Parteisraktion der sogenannten Wiedertäuser erwartete und gewollte Zustand auf Erden, wo der zeitliche Staat und die Kirche den mündig gewordenen Völkern sich überflüssig gemacht hätten, und die Menschen ihrem eigenen Gesetz unter der unmittelbaren Regierung Gottes gehorchen sollten. J. G.Fichte sagt, „“die Tendenz aller Regierung gehe ihrer Natur nach dahin, sich selbst überflüssig zu machen.““ Die Wirkung dieser Tendenz nennt er „“die Kultur zur Freiheit,““ zur Selbstregierung. Daß es dazu nur stusenweise fortgehe, das übersah man im Sturm und Drang von 1525. Aber selbst, was diesem Jrrthum zu Grunde lag, war ein Keim einer tiesen Wahrheit. Eine Fülle solcher Keime, die sich entsaltet haben oder noch in der Entsaltung begriffen sind, Keime von Vielem, was jetzt das europäische Völkerleben im Tiefsten bewegt, trägt das Jahr 1525 in seinem Strome; diese Keime blieben alle und trieben, nachdem die wilden Wogen sich verlausen hatten, ‚im Stillen fort. Was jetzt sogar der Mittelpunkt alles Denkens und Strebens in Europa, aller öffentlichen Ereignisse geworden ist, die Jdee der Mündigkeit und Selbstständigkeit der Völker: das ist ein Grundgedanke jener Bewegung von 1525. Auch der Gedanke der Einheit der Nation in Haupt und Gliedern wurde dazumal zuerst lebendig.

Ganz gleich den vulkanischen Kräften, welche nach langer Ruhe sich neue Wege öffnen, seitwärts, und dann neue eigenthümliche Wirkungen hervorbringen, brach der Geist der neuen Zeit nicht mehr auf deutschem Boden aus; seine Ausbrüche geschahen seitwärts, zuerst in nächster Nähe des Schauplatzes, wo der Ausbruch von 1525 statt gehabt hatte, in den Niederlanden. Dann folgte der Ausbruch in England, später der in Nordamerika, zwei wesentlich germanischen Staaten. Bald hinter dem letztern drein erfolgte der große Ausbruch in Frankreich. Keiner in der Natur, keiner in der politischen Gesellschaft gleicht ganz dem andern. Aber wenn man die englische und französische Revolution mit der deutschen von 1525 vergleicht, so wird man sinden, daß sie dieser in Manchem gleich, in sehr Vielem wenigstens ähnlich sind; nur nicht in dem nächsten Ausgang.

Die Gründe dieses Ausgangs, wie die Ursachen des Anfangs und die Hindernisse des Fortgangs habe ich in dieser neuen Bearbeitung noch deutlicher vor das Auge zu führen gesucht, namentlich die Säfte und Kräfte, die in Gährung gesetzt wurden, die aufregenden und die aufgeregten Elemente, den Zusammenhang der Ereignisse, ihre Bedeutung und ihren Einfluß. Seit. dem Erscheinen der ersten Auflage haben Archive und Literatur viel neues Material zu Tage gefördert, und die Kritik hat Manches neu beleuchtet. Schlosser leitete mich mehrfach auf das Richtigere. Ebenso habe ich von Wuttke’s und Kortüm’s Kritiken meines B.uches gelernt und ihre Winke benützt. Solche eingehende Kritiken, wie die Kortüm’s und Wuttke’s, fördern den kritisirten Verfasser nicht minder als die Sache. Ich bin Herrn Wuttke ebenso sehr für seinen Tadel dankbar gewesen, als für fein Lob. Gervinus‘ freundliche Zuschrift, mit seiner überaus gütigen Anerkennung meiner Art, Geschichte zu schreiben, hat mich seiner Zeit erfreulichst gestärkt. Aber nicht nur von Diesen und andern freundlich Gesinnten habe ich gelernt, sondern selbst von Gegnern, und von feindlich Gesinnten. Ich erkenne es als eine Fügung und Gabe Gottes, daß meine Feinde mir Fundgruben für mein Werk aufgraben und mir Material holen und zuführen mußten, namentlich aus den reichen Archiven Bayerns. Sie haben mitgewilkt, es zu vervollkommnen, und dafür bin ich ihnen dankbar.

Ich selbst bin inzwischen nicht nur durch Iahre und Erfahrung überhaupt reifer, kühler und maßvoller geworden, sondern auch mitten in einer ähnlichen Volksbewegung gestanden, und habe zum Theil darin mitgehandelt; ich habe an der lebendigen Gegenwart Beobachtungen und Vergleichungen anstellen können, und ich habe auch daraus Manches gelernt. Das konnte auf die Auffassung und Darstellung der Menschen und Dinge in meinem Buche nicht ohne tieferen Einfluß bleiben; es mußte dadurch Vieles in Form und Inhalt richtiger, wirklicher, wahrer werden. Alles, was mir jugendlich und idealisirend an der früheren Gestalt des Buches, Alles, was nicht zur Sache nothwendig zu gehören schien, alles Parteifarbige und Tendenziöse, habe ich ausgeschnitten, ganz Neues eingefügt, nicht nur sehr Vieles, sondern das Ganze in der Form umgestaltet. So ist das Buch in Form und Inhalt großentheils ein ganz neues geworden. Bezüglich neueröffneter Quellen bin ich zu besonderem Danke auch Herrn Eduard Stephan zu Mühlhausen in Thüringen verpflichtet, welcher mir gütig mittheilte, was sein verewigter Oheim, Archivar Stephan, aus dem städtischen Archiv über Thomas Münzer und Heinrich Pfeiffer erhoben hatte.

Ich bin noch weniger als früher von Voraussetzungen, von idealen Gesichtspunkten ausgegangen, sondern von den unmittelbaren Quellen und ihren Thatsachen, die ich vorsichtig prüfte, ehe ich etwas aufnahm. Diejenige Art Geschichtschreibung, welcher nicht das Allgemeine aus dem Besondern, sondern, so zu sagen das Besondere aus dem Allgemeinen sich ergibt, welche den lebendigen Fluß der concreten Thatsachen in die Gefäße ihrer Abstraktionen zu fassen, und die weite Welt unter den Hut ihrer Voraussetzungen zu bringen sich abmüht, — diese Art halte ich für einen fehr schädlichen Irrthum. Die Geschichte duldet keinerlei Octroyirung. Ihr Leben, weil sie die leibhafte Wahrheit ist, ist mächtiger und energischer, als die Gewalt der Waffen, der Dekrete und der gelehrten Einbildungen.

Der Strom des Geistes der Wahrheit geht vorwärts, allen Reaktionen zum Trotz. Wer dieses Vorwärtsgehen desselben nicht fühlt, der ist eben zurückgeblieben und steht zu tief unten; und während er bloß selber stille gestanden ist, wähnt er, die Zeit stehe stille, die ihm doch längst voraus über den Kopf weggezogen ist, in neues Licht, in neue Luft, in neues Leben hinein. Die Jugend, welche vor unsern Augen heraufwächst, ist unbewußt von einer andern Luft umhaucht, als unsere Kindheit es war; ihr Herz und ihr Kopf wird genährt von den Zuflüssen des neuen Geistes, und Alles athmet diesen ein; auch die Alten, auch die ihn nicht mögen, und sich dawider sträuben. Der sicherste Weg zur Freiheit ist die Kultur zur, Freiheit. Er ist länger, als der Ungeduld recht ist; aber er führt allein zur wahren und zur dauernden Freiheit, die mit dem Fürstenstaat so gut zusammenbestehen kann, als mit dem Freistaat, und die zeitweise unter der letzteren Staatsform so sehr mangeln kann als unter der erstern.

Leonbronn in Württemberg , den 9. Juni 1856

Dr. W. Zimmermann , in: Der Grosse deutsche Bauernkrieg (1841-43)