Da waren einige, die den ganzen Schädel gespalten hatten

Kapp-Putsch | | 1920

Und an einem anderen Tag, wir weiter als Blagen. (lacht) Durch die Stadt ( Bottrop ) , mal gucken, alles zerstört, alles so trübe. Da Jammer, hier Jammer. Und alle so verstohlen in die Geschäfte. Und wir gingen dann die Gladbecker, früher fuhr hier die Straßenbahn noch die Gladbecker Straße entlang, war ja nicht so dicht besiedelt, paar Häuskes nur, da sagten dort einige: „Jungs, die bringen da immer Tote zum Krankenhaus.“ So wurde geflüstert. Ich fragte: „Wieso Tote?“

„Ja, die haben sie da kaputtgehauen, die Lichtschlag – Truppen. Da sind se, lauf weg, lauf weg!“ sagten so Kinder unter uns. Und wir sind dann in die Nähe des Katholischen Krankenhauses gegangen, das ist ja jetzt stillgelegt, existiert nicht mehr, und der Eingang zum Krankenhaus war von der Gladbecker Straße aus der Haupteingang.

Und vor dem Haupteingang, da lagen die toten Männer aufgebahrt. Und wir guckten so verstohlen da hin und sahen, wie eine Ordensschwester einen Eimer hatte. Sie zog den toten Soldaten die Strümpfe aus, damals 1920, da war doch hier Elend. Sie hat die Strümpfe in den Eimer reingetan, fing sie da an zu waschen. Und wir kamen immer näher zu der Schwester und haben sie gefragt:“Schwester, was sind das für Leute?“ Und sie sagte: „Ja, die sind alle erschossen worden.“

Da waren einige, das sehe ich heute noch, die den ganzen Schädel gespalten hatten. Verblutet, kaputt, zusammengehauen. Zu Schrott! Die Schwester sagte: „Ihr könnt mir mal ein bißchen helfen, nehmt mal den Eimer, geht mal da hinten rum und bringt mir mal Wasser.“

Und da haben wir dann ein bißchen geholfen, und es waren etwa 16, 18, die da vorne lagen, und die hat geweint und war am Putzen, machte sie wieder sauber. Und dann kam so ein älterer Mann dazu, der kam auch aus der Stadt, sieht das, sprach dann auch mit der Schwester einige Worte: „Unverschämt, empörend, denen sind ja die Schädel gespalten, die müssen wieder zusammen“, das hörten wir noch, als er sagte zu der Schwester: „Ich komme gleich wieder und bringe Schießdraht.“

Und als der von Schießdraht anfing, kriegten wir Angst, wir dachten, der tut schießen (lacht). Und dann sind wir weggelaufen. Und da rief die Schwester noch „Bleibt doch hier!“ aber wir haben von Schießdraht gehört, war nun nichts mehr zu machen. Und dann hab ich das meinem Vater zu Hause erzählt.

Ne, sagte der, der wird wohl etwas mit dem Bergbau zu tun haben und Schießdraht ist ein dunner Draht, damit wird er das zusammenbinden. Der tut nichts. Und wir dann am anderen Morgen hin, da war das schon weg, da hatten sie die genommen und weggebracht.

Das war der Einmarsch der Lichtschlag – Soldaten. Da sind viele, die da oben… am Westfriedhof, da haben wir das Denkmal hingebracht und in der Nazizeit, da haben die das ganz ausradiert.

Interview mit Theo Oslislok (1988) , der die Ereignisse im Frühjahr 1920 als Jugendlicher miterlebte und damals etwa 15 oder 16 Jahre alt war. – in : Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution (1995)