Brennende Ruhr

Karl Grünberg - Vorwort zur 2. Auflage

Karl Grünberg (1891 – 1972) schreibt 1948 im Nachwort zur 2. Auflage zu seinem Roman „“Brennende Ruhr““: Dieses viel umstrittene Buch bedarf bei seiner zweiten Auflage — zwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen — einiger Erläuterungen.

Als ich im Jahre 1927 meinen Erstlingsroman „“Brennende Ruhr““ zu schreiben begann, lag mir literarischer Ehrgeiz durchaus fern. Mir kam es vor allem darauf an, revolutionshistorisches Material zu sammeln, zu fixieren und zusammen mit den daraus resultierenden Erfahrungen an diejenigen weiterzureichen, welche nach uns einmal das Banner aufnehmen werden. Daß ich die Form des Romans wählte, hatte mehrere Gründe. Vor allem hoffte ich, auf diese Weise der Zensur zu entgehen. Wenn mir das auch gelang, so wurde die Reaktion doch hellhörig. In der Folgezeit verfielen zahlreiche belletristische Werke dem Zensor. Man kann gar nicht oft genug diese Verhältnisse in der Weimarer Republik — jener Republik mit der „“freiesten Verfassung der Welt““ — brandmarken, denn heute wollen viele diese Tatsachen nicht mehr wahrhaben.

Mein zweiter Grund entsprang einer Beobachtung, die man auch, heute überall anstellen kann. Rein abstrakt-politische Bücher lassen die Leser oft kalt; leicht bleiben sie ungelesen liegen. Durch eine Erzählung lassen sich die Massen aber viel eher an die politischen Probleme heranführen. Ein fesselnd geschriebenes Buch, das dem Leser gestattet, mit Romanfiguren, die ihm ähnlich sind, zu leben, zu lieben und zu leiden, kann ihn auch veranlassen, mit seinen Helden gemeinsam zu kämpfen und zu sterben . . . Auf dieser Tatsache beruht die Anwendung der „“Kunst als Waffe““ im politischen Tageskampf. Daß auch die schön-geistige Literatur eine solche „“Waffe““ sein kann, wird leider noch viel zu oft übersehen.

Die „“Brennende Ruhr““ war wohl der erste Roman, der sich bewußt mühte, dieser Erkenntnis auf der Arbeiterseite Rechnung zu tragen. Es kam, wie vorauszusehen war. Die sogenannten „“Ästheten““ waren schwer schockiert über diesen neuerlich „“primitiven Beweis entarteter Kunst““. Wohl beurteilten einige namhafte Schriftsteller, wie Thomas Mann, Dr. Werner Marholz, Professor Paul Östreich und andere mehr, dieses Buch sehr positiv; die große Mehrzahl aber zog sich voll schweigender Verachtung in ihren geschändeten Elfenbeinturm zurück. Einer aber fühlte sich berufen, die Leiter hinter diesen Ästheten hochzuziehen. Mit sehr viel Druckerschwärze — eine halbe Seite des Großformats der „“Frankfurter Zeitung““ wurde bemüht — machte er den Versuch, dem „“literarischen Plebejer““ den Rest zu geben. Dieser unverhältnismäßig große Aufwand eines Herrn Erik Reger hat sich nicht gelohnt; die „“Brennende Ruhr““ wurde von diesem Luftzug nicht ausgeblasen.

Im Jahre 1928 schrieb zum Erscheinen der „“Brennenden Ruhr““ der Dichter Johannes R. Becher: „“Die Ruhr brennt, dieser Ruf war, wird wieder sein!““ — Heute ist dieser Alarmruf wieder da, gellender und dringender denn je. Dieselben Monopolkapitalisten, die damals den Kapp-Putsch, das erste Vorpostengefecht des Faschismus, finanzierten, sind jetzt wieder (oder noch!) am Werke, um aus dem Brand an der Ruhr ein neues Weltumfassendes Flammenmeer zu entfachen. Allein schon diese Tatsache rechtfertigt in vollem Maße die Neuauflage eines Buches, das das „“Hohelied der demokratischen Einheitsfront gegen den Faschismus singt. Diejenigen, für die es geschrieben worden war, haben es gelesen, verstanden und auch ihre Lehren daraus gezogen. Schon die Vorabdrucke in der Arbeiterpresse brachten dem Verfasser Hunderte von begeisterten Zuschriften. — „“In diesem Buch ist zu viel geschichtliche Wahrheit, um nur als Roman angesprochen zu werden““, schrieb einer. Ein anderer sagte: „“Ich focht damals leider auf der Seite der Kappisten mit, aber ich muß gestehen, daß die geschilderten Übergriffe der Reichswehr noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben!““

Da mich fast alle Einsender für einen ehemaligen Ruhrkämpfer halten, bin ich hier eine Berichtigung schuldig: Ich war weder Bergarbeiter, noch habe ich beim Kapp-Putsch an der Ruhr mitgekämpft. Auch den Schauplatz der Handlung habe ich vor der Niederschrift kaum gekannt. Eindrücke, die ich von der Bahn aus gewann, als ich durch das Industriegebiet fuhr, Beobachtungen, die ich auf arbeitsreichen Verbandstagungen in Hamborn und Essen machte, ferner das, was ich in Büchern fand . . . das war eigentlich alles, was ich über Land und Leute im „“Kohlenpott““ wußte. Noch mühsamer mußte ich die militärischen und politischen Details zusammensuchen. Weil es darüber nur sehr wenige Quellen gab, war ich im wesentlichen auf das Wälzen alter Zeitungsbände angewiesen.

Als ich im Frühjahr 1943 zur Luftschutzpolizei (Feuerwehr) nach Essen eingezogen wurde, lernte ich zum erstenmal den historischen Schauplatz meines Romans gründlicher kennen. Da stand die Ruhr allerdings in des Wortes wahrster Bedeutung an allen Ecken und Enden in Flammen. Und warum? Weil das werktätige deutsche Volk infolge seiner inneren Spaltung im Jahre 1920 nicht in der Lage gewesen war, den faschistischen Brandherd gründlich auszutreten. Um dieses schicksalsschwere Versäumnis spielt mein Roman „“Brennende Ruhr““. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß er schon damals das starke Mißvergnügen der Soldschreiber der „“Union der festen Hand und der eisernen Stirn““ fand.

Es trat der merkwürdige Zustand ein, daß der Autor die Schauplätze, auf denen er seiner Phantasie freien Lauf gelassen hatte, nachträglich fast genau so vorfand, wie er sie beschrieben hatte. Ich war direkt erschüttert, sogar die Stadt Swertrup an derselben Stelle, wohin sie meine Schau verlegt hatte — nämlich in Sterkrade –, wiederzufinden.

Interessant waren die Zuschriften, die damals aus den Reihen der Sozialdemokratischen Partei kamen. Dankbar zustimmende waren darunter, aber auch sehr kritische von solchen, die in dem Roman ihre Partei zu Unrecht angegriffen sahen. So teilte die Geraer Volksbuchhandlung mit, daß sie fortan alle Bücher des Greifenverlages, der solch „“tendenziöse Machwerke““ herausbringt, boykottieren werde. Und August Siemsen schrieb in seinem Halbmonatsheft, „“daß ihn das Buch einerseits gepackt habe, weil es aus dem starken Miterleben eines Klassenkämpfers komme, der mit dabei war““ . . . andererseits aber bedauerte er, „“daß darin die Sozialdemokraten in der üblichen Weise als Verräter erscheinen““.

Erscheinen sie wirklich so? Die Hauptfigur im Roman ist ein sozialdemokratischer Werkstudent, der sich trotz allen Schwankens durchaus anständig und tapfer benimmt. Selbst nach dem bitteren Finale ist er keineswegs ein zum Kommunismus bekehrter Saulus (das ist, nebenbei bemerkt, sogar den Kritikern aufgefallen, die mir ablehnend gegenüberstanden). Aber der Leser weiß am Schluß das eine: „“Wenn es wieder einmal um die Rechte und Freiheiten seines Volkes geht, dann steht auch dieser Kämpfer wieder an der Seite seiner gestrigen Kameraden!““ Genau so verhält es sich mit einer ganzen Reihe weiterer sozialdemokratischer Romanfiguren. Ich habe sie nicht aus Zweckmäßigkeitsgründen progressiv gestaltet, sondern weil es sie wirklich so gegeben hat.

Daß Gestalten wie Noske, Severing, Mehlich und andere mehr nicht dazu gehörten, ist bedauerlich, aber nicht die Schuld des Autors, der sich streng an die Historie hielt. Die verhängnisvolle Rolle, die diese Führer der SPD damals spielten, liegt heute, nach achtundzwanzig Jahren, klar und offen vor der Geschichte. Ich weiß nicht, ob August Siemsen, bei dem mein Werk so widersprechende Gefühle auslöste, heute noch lebt. Ich glaube aber, daß er heute zu einem ganz anderen Urteil käme. Und mit ihm so mancher andere, der sich damals, völlig zu Unrecht, auf den Schlips getreten fühlte.

Der Kapp-Putsch-Roman „“Brennende Ruhr““ wurde in ein halbes Dutzend Fremdsprachen übersetzt. In den USA und in Schweden wurde er nur durch Zeitungsabdrucke bekannt, in der Sowjetunion aber kam es zu einem Bucherfolg, wie ich ihn mir nie erträumt hätte. Da der Roman dort in etwa 400 000 Exemplaren verbreitet und auch verfilmt wurde, gibt es unter unseren sowjetischen Besatzungstruppen nur wenige, die ihn nicht kennen.

Dennoch hat mich keine Anerkennung mit mehr Freude und Genugtuung erfüllt als jene, die ich 1933, während der schwersten Zeit meines Lebens, im KZ Sonnenburg, erhielt. Es war in einer Massenzelle, abends nach dem Einschluß. Jemand machte den Vorschlag, reihum zu erzählen, wie man zur revolutionären Bewegung gekommen sei. Und da erzählte ein junger Landtagsabgeordneter, ein früherer sozialdemokratischer Postbeamter aus Halle: „“Mir gab jemand den Roman .Brennende Ruhr‘ in die Hand; da fiel es mir wie Schuppen von den Augen … und deshalb sitze ich heute hier.““

Karl Grünberg, 1948 –
Zur Zeit des Erscheinens dieser Auflage liegen noch Buchausgaben in polnischer, tschechischer und rumänischer Sprache vor.