Bluttaten der Regierungstruppen

Genosse Latzel, der an den Februarkämpfen gegen die Gerstenberger teilnahm und mit knapper Not einem Meuchelmord durch die Noskegarde entronnen ist, sendet der ‚Bremer Arbeiter-Zeitung’ folgenden Bericht:

Ich war am 3. Februar mit 5 Mann auf einem Patrouillengang bei der Arbergener Mühle. Wir hatten den Auftrag, eine 17 Mann starke Patrouille, die morgens weggegangen war und keine Meldung gebracht hatte, aufzusuchen. Als wir sie um ca. 10 Uhr morgens erreichten, war bereits ein Gefecht im Gange, bei dem einige Kameraden verwundet wurden und die übrigen sich zurückzogen. Bei der Übermacht der Regierungstruppe blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu ergeben, da ich der letzte auf freiem Felde war.

Mein Mantel wurde mir bei der Gefangennahme abgenommen, nachdem man alle Knöpfe davon abgerissen und einen Aermel gewaltsam beschädigt hatte. Ich wurde zum nächstliegenden Ort, m. E. Uphusen, gebracht. In einer Gastwirtschaft, die als Wachtlokal der Regierungstruppen diente, wurde ich einer Leibesvisitation unterzogen und darauf ins Nebenzimmer geführt, wo noch mehrere gefangene Arbeiter saßen.

Etwa um 2 Uhr mittags transportierte man uns mit der Eisenbahn nach Etelsen, wo wir in dem Schloß des Grafen Reventlow ‚verhört’ werden sollten. Als ein Leutnant den im Schlosse anwesenden Offizieren die Ankunft von vier Bremer Spartakisten meldete, kamen sie eiligst aus ihrem Zimmer auf uns zu. Sie rempelten uns alle an, einer bekam eine Ohrfeige, ein anderer Fußtritte.

In der Sitzung des Feldgerichts (!) wurde auf sofortige standrechtliche Erschießung derjenigen erkannt, die mit der Waffe in der Hand gefangen genommen waren. Dann kamen wir in ein leeres Zimmer des Nebengebäudes. Vor der Tür und im Zimmer am Fenster standen Posten. Als dann jemand mit Stricken kam und uns die Hände auf dem Rücken fesselte, war das Gutspersonal, das sich in Flüchen und Schimpfereien über uns ausließ und vor uns ausspuckte, Zeuge dieses Aktes. Nachdem wir alle gefesselt wohl an die zwei Stunden gewartet hatten, holte man uns gegen 5 Uhr nochmals zum Einzelverhör aufs Schloß.

Als wir vier verhört waren, wurden wir vor dem Schloßpersonal je zwei zusammen, ich mit einem von Cuxhaven gekommenen Mariner, zusammengefesselt. Die beiden anderen Kameraden schaffte man in Richtung des Bahnhofes weg, weil sie ohne Waffen gefangen genommen waren.

Unter Führung eines Marineoffiziers und zweier Regierungssoldaten wurden wir auf einen einsamen Weg geführt. Da die Regierungstruppen sich unbeobachtet fühlten, ergingen sie sich in wüssten Schimpfereien über uns. U. a. sagte man: ‚Nun haben wir bald zwei Lebensmittelkarten mehr und Deutschland braucht keine Zufuhren’ und: ‚Jetzt hat man glücklich 12 Jahre gedient, und nun wollt ihr Spartakisten uns die Karriere verderben?’ und was der Anspielungen auf unsere bevorstehende Erschießung mehr waren.

Wir mussten dann stehen bleiben, man schnitt die Fesseln durch und warnte uns, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Kaum waren diese Worte gesprochen, als bei den Regierungssoldaten völlige Stille eintrat und gleich darauf die Schüsse fielen. Wir fielen beide in den Schnee. Ich hatte einen Lungenschuß, mein Kamerad meiner Erinnerung nach einen Beinschuß bekommen. Nach einer halben Stunde kam ein Wagen, der uns wegbringen sollte. Zu den Bauern, die den Wagen lenkten, äußerten die Truppen, wir seien Bremer Spartakisten, die sie wegen eines Fluchtversuchs hätten erschießen müssen.

Die Truppen beleuchteten uns mit der Taschenlampe und meinten, dass ich wohl bald ‚hinüber’ wäre. Bei meinem Kameraden fanden sie, dass der Schuß ‚gut abgekommen’ sei. Die nun beginnende Wagenfahrt dauerte ungefähr dreiviertel Stunde, und als wir in den Bereich der Artillerie kamen, wurden wir bei der Station Baden, zwischen Etelsen und Achim auf einen Militärwagen umgeladen. Den Landbewohnern erzählte der Begleitposten, wir seien Spartakisten, die den Tag 70 Mk. bekämen und wie in Russland den Bauern Hab und Gut wegnehmen wollten. Bei dem Weitertransport wurde untersucht, ob wir noch lebten.

Ich hatte mir indes schon Blut in die Ohren und vor den Mund gewischt, sodaß die Truppen glaubten, ich sei tot und mich zufrieden ließen. Da mein Kamerad, der sich mit seinen Schmerzen furchtbar quälte, noch Leben zeigte, beschlossen die Truppen, ihm noch einen zu geben` Im nächsten Augenblick fiel ein Schuß, der meines Erachtens bei meinem Kamerad Brustoder Bauchschuß gewesen ist. Er war jedoch noch nicht tot und bat die Soldaten: ‚Laßt mich doch leben, ich habe meine Mutter zu ernähren, mein Vater ist im Krieg gefallen.’ Darauf die Antwort: ‚Beruhige dich nur, wir werden es schon machen.’

Kaum gesagt, fiel der dritte Schuß, der meinem Kameraden in den Kopf drang. Ich als Scheintoter musste diese entsetzlichen Vorgänge erleben, ohne auch nur die geringste Bewegung machen zu können, die mir mein Leben gekostet hätte. – Im Galopp ging es nach Achim, wo ein in Achim ansässiger Sanitätsrat mit seiner Tochter, die Krankenschwester ist, benachrichtigt wurde und auch gleich kam. Ich wurde auf einen Tisch gelegt, und zum Entsetzen der Soldaten lebte ich noch trotz meines Lungenschusses, und die Truppen, die dem Arzt erzählen wollten, wir seien auf der Flucht erschossen, wurden von diesem darüber belehrt, dass dann die Schüsse doch nur auf der Rückseite des Körpers sitzen könnten.

Ich hörte noch, wie sie sagten: ‚Donnerwetter, der ist nicht tot, der versaut uns die Sache.’ Mein armer Kamerad, der sich noch bis 2.30 Uhr nachts quälen musste, verschied dann.’ Wir sind nun doch gespannt, was die provisorische Regierung dazu sagen wird. Als wir die Mordtaten des 4. Februar kurz nach dem Geschehen veröffentlichten, war es den Herren Deichmann-Winkelmann so unangenehm, sich im Spiegel zu sehen, dass sie den Kommunist verboten haben. Man glaubte damit, die Sache aus der Welt geschafft zu haben. Und nun – – Wir erlauben uns deshalb die Frage: Wie lange noch dürfen die Bestien in Menschengestalt rumlaufen? Die Antwort werden die Arbeiter leicht finden können…“

Aus „Der Kommunist“, Nr. 48 vom 14.04.1919
(Von 1937 bis 1945 war das Schloß Etelsen SA-Gruppenschule)