„Aufklärung“ mit dem Kolben in Sömmerda

Siebzehn tote Arbeiter

Im März 1920 kämpften die Sömmerdaer Arbeiter heldenhaft gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch. Am 13. März faßten sie den Beschluß, sich am Generalstreik zu beteiligen und bildeten ein Exekutivkomitee mit den Genossen Neubert, Schreiber und Sonntag an der Spitze. Unter Leitung von Fritz Voigt bildete die Arbeiterwehr sechs Züge mit je 40 Mann. Die Einwohner-und Bürgerwehren der Bourgeoisie wurden entwaffnet: Der reaktionäre Bürgermeister Hohendahl verhaftet und Genosse Fritz Kusche mit seiner Funktion betraut.

Am 24. März rückten zwei Kompanien Infanterie, eine Geschütz- und Minenwerferbatterie, eine Maschinengewehrkompanie und eine halbe Eskadron-Kavallerie mit drei Angriffsspitzen vom Osten, Süden und Westen gegen Sömmerda vor. Ihre ersten Opfer waren die Genossen Jessing und Winter, die bei Schallenberg auf Posten standen. Besonders brutal gingen die vom Gutsbesitzer und Gemeindevorsteher aufgestachelten Söldner in Tunzenhausen vor. Sieben Arbeiter wurden dort erschossen. In Sömmerda hatte inzwischen das Exekutivkomitee die Verteidigung organisiert.

Die Genossen Neubert und Arlt wollten Blutvergießen vermeiden und den Kommandeur des Bataillons über die Lage informieren, aber der Arbeitermörder Hünicken schleuderte Ihnen entgegen: „Wir klären nur mit dem Kolben auf!“ …und das besorgten seine Söldner gründlich. Siebzehn Arbeiter wurden viehisch ermordet und 180 im Rathauskeller ihrer Freiheit beraubt und mißhandelt.

Quelle: Zeitungsbericht nach Dokumenten der Geschichtskommission der Kreisleitung der. SED und den Forschungsergebnissen der Genossen Werner Pruß und Alfred Winter.


Arbeitermacht in Sömmerda und blutige Rache der Reaktion im März 1920

Sie gaben ihr Leben, wir ehren die Märzgefallenen

Ein Höhepunkt der Klassenkämpfe nach der Novemberrevolution war die Abwehr des konterrevolutionären Putsches des ostpreußischen Generallandschaftsdirektors Kapp und des Generals von Lüttwitz im März 1920. 12 Millionen Arbeiter und Angestellte folgten dem Aufruf zum Generalstreik und vereitelten damit den Versuch extremer Reaktionäre, in Deutschland eine militaristische Diktatur zu errichten. Vielenortes führten Arbeiter die Abwehrkämpfe mit der Waffe in der Hand. In Thüringen setzten sie besonders bei Gotha und Sömmerda ihr Leben für die Freiheit des Volkes ein.

Am 13. März faßten 40 Obleute der Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabrik, der Ziegelei sowie von Dreyse-Kronbiegel und Collenbusch den Beschluß, sich dem Generalstreik anzuschließen. Sie bildeten ein Exekutivkomitee mit den Genossen Kurt Neubert, Louis Schreiber und Hermann Sonntag an der Spitze. In Belegschaftsversammlungen wurde den Arbeitern die Notwendigkeit der Abwehr des Putsches erläutert und zur Bildung einer Arbeiterwehr aufgerufen. Die Arbeiterwehr sicherte gemeinsam mit 70 Kämpfern aus Artern die öffentlichen Gebäude, setzte den reaktionären Bürgermeister Hohendahl unter Hausarrest und entwaffnete die putschistenfreundlichen Einwohnerwehren in Sömmerda und den umliegenden Orten — Die militaristische Diktatur der Kapp und Lüttwitz wurde dadurch in unserer Heimat verhindert.

Nachdem die Putschregierung in Berlin aufgegeben hatte und ihr Reichskanzler Kapp ins Ausland geflohen war, riefen die opportunistischen SPD- und Gewerkschaftsführungen zum Abbruch des Generalstreiks auf. Das war ein folgenschwerer Verrat an der Arbeiterklasse; denn die konterrevolutionären Verbände der Reichswehr, der Freikorps und der Bürger- sowie Einwohnerwehren standen noch bewaffnet im Lande. Sie konnten jetzt die’verbliebenen Abwehrzentren des revolutionären Proletariats mit vereinten Kräften zerschlagen. Gegen Sömmerda wurde ein Bataillon des Infanterieregiments 21 unter Befehl des berüchtigten Majors Hünicken eingesetzt.

Am 24. März gingen von Alperstedt aus zwei Kompanien Infanterie, eine Geschütz- und Minenwerferbatterie, eine Maschinengewehrkompanie und eine Eskadron Kavallerie gegen Sömmerda vor und schlossen im Zusammenwirken mit den Zeitfreiwilligen des reaktionären Landrats Dr. Langenhagen die Stadt ein. Ihre ersten Opfer waren Otto Jessing und Albert Winter, die ihnen als Feldwache an der Schallenburger Mühle in die Hände fielen. Nach der Besetzung von Tunzenhausen wurden die Söldner, deren Kommandeur keine Gefangenen sehen wollte, noch vom Gutsbesitzer Hofmeister aufgestachelt.

Die 4. Kompanie unter Leutnant Hagedorn ermordete Richard Heßler, Willi Große, Hugo Schröder, Otto Schönfeld und seine beiden Söhne Hermann Schönfeld und Paul Jozefiak sowie Hermann Heßler, Karl Henne und Edmund Schäffner. Der Letztgenannte war Vorsitzender des Arbeiter-. und Soldatenrates von Tunzenhausen gewesen und hatte die Entwaffnung der Einwohnerwehr geleitet. Er erhielt aus persönlicher Rache den tödlichen Schuß vom Sohn des Gutsbesitzers. Alle Ermordeten hatten den Kampf eingestellt und wurden als wehrlose Gefangene getötet.

Gegen Mittag war die Stadt Sömmerda von den Truppen und der Bürgerwehr besetzt. Das Verhandlungsangebot des Exekutivkomitees, ‚das weiteres Blutvergießen vermeiden wollte, wurde höhnisch abgelehnt und einer der Parlamentäre, der Tierarzt Kurt Neubert, nach grausamen Mißhandlungen ermordet. Im. Hotel „Zum Schwan“ hatten die Arbeitermörder Major Hünicken, Landrat Dr, Langenhagen, Bürgermeister Hohendahl und Gutsbesitzer Fricke ihr Stabsquartier aufgeschlagen.

Straßenweise wurden Haussuchungen nach Waffen und Angehörigen der Arbeiterwehr durchgeführt, Etwa 180 Arbeiter wurden von den Söldnern und konterrevolutionären Bürgern im Rathauskeller eingesperrt und gequält. Unter entsetzlichen Umständen wurde der Genosse Albert Schuchardt, weil er 1919 den Hünicken als Kriegsverbrecher entlarvt hatte, und der Genosse Hugo Schmidt, weil er den Gutsbesitzer entwaffnet hatte, rachgierig hingeschlachtet.

Durch die Besetzung der Stadt war den im Süden Sömmerdas stehenden Arbeitern der Rückzug unmöglich, Sie versuchten einzeln zu entkommen, Moritz Wandt„ sein Sohn Rudolf Wandt und sein Schwiegersohn Louis Eckstein fielen hinter der Bahnunterführung der Straße nach Schloßvippach einer Ulanenpatrouille in die Hände. Der Zuruf eines Bauern „Das sind Rote!“ genügte den Söldnern, um sie an Ort und Stelle zu erschießen. Der Eisendreher Moritz Wandt war Mitglied der USPD und Gewerkschaftsfunktionär. Er war Vater von sieben Kindern und wohnte in der Adolf-Barth-Straße 9. Ein Gedenkstein am Tatort erinnert noch heute an diese grausame Bluttat der Konterrevolution.

Um die vorhandenen Lebensbilder der revolutionären Kämpfer ergänzen zu können, bittet die Geschichtskommission unsere Leser, Fotos, Briefe und andere Erinnerungsstücke oder persönliche Erfahrungen zur Auswertung zur Verfügung zu stellen. Sie sind bei der Kreisleitung der SED — Geschichtskommission — abzugeben.

Quelle. Das Volk. 21. März 1987