Auf den Straßen Berlins (1846)

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Die Locomotive pfeift Von Trebbin der letzten Station der Anhaltischen Eisenbahn zieht es sich noch beinahe fünf Meilen lang gleichförmig ununterbrochen fort aber schon hier zeigt uns die Gegend die nähernde Nähe des großen traurigen Sandmeeres in dessen Mitte die große Stadt gleichsam als eine Oase liegt Hinter uns so flach und eintönig auch die Landschaften waren boten sich doch zuweilen lachende Auen und grüne Waldstriche den Blicken dar hier aber streckt sich unabsehbar eine graue dürre Haide vor uns aus nur manchmal von vergelbtem Kartoffelkraut und einsamen zwergartig verkümmerten Haidesträuchen besetzt Den Eisenbahnzug begleiten dichte Wolken eines feinen scharfen Staubes welche dem Reisenden fast mitleidig den traurigen Anblick dieser Fahrt verhüllen Keine freundliche Meierei keine lachenden Felder nicht einmal Fahrgleise von Wagen oder Fußsteige gewahrt man stundenweit in dieser Gegend welche fast von Allen verlassen wird um Ersatz in der Stadt selbst zu suchen Es ist öde und still ringsum ein trauriges Bild und doch charakteristisch passend als Vorhof oder Vorbereitung für die nahe Stadt Diese flache unfruchtbare Ebene mit dem ätzenden Staub in deren Boden der Wanderer beinahe versinkt mag den Fremden beim ersten Anblick an das berliner geistige Element erinnern Es ist ihm das Bild unfruchtbarer Kritik in deren Boden von Alters her die Mistbeet und Treibhausblümchen der Dichter oder Künstler nicht gedeihen noch sich selbstständig entwickeln konnten wo der Staub der Vergessenheit bis in die neueste Zeit so manche Größe bedeckte Wer aber aus andern Gegenden aus Thüringen oder vom Rhein hierher kömmt wird sicher von einem Gefühl der Trauer oder der Wehmuth überfallen Der Anblick dieser öden gelben schweigenden Haide wo selbst im hohen Sommer die armen Vögel kaum ihre Nahrung finden übt einen seltsamen Eindruck auf uns vielleicht auch ist es der scharfe Staub der uns in die Augen fliegt doch Geduld schon nähern wir uns mehr und mehr der Stadt die uns in ihren eigenen Schöpfungen Ersatz bieten soll für die stiefmütterliche Behandlung der Natur In einiger Entfernung gewahren wir einzelne benachbarter Dörfer und zur Rechten die Spitze eines Monuments auf einer niedrigen Anhöhe auf der Kreuzberg auf dem die im Sommer ihre schöne Natur genießen ein langer schrillender Pfiff und die Wagen durch eine lange Reihe von Gebäulichkeiten hüttenartigen Tabagien vorbei und in den hinein So ist man denn in der Stadt Intelligenz angekommen An der Auffahrt stehen Haufen von Leuten jeden Schlages an der aber einige Polizeibeamte Diese Einrichtung sehr zweckmäßig die rothen Kragen auf welche der Blick fällt sind das lebendigste Warnungsschild zu wo man sich befindet Hinter diesen bemerkt gebildete Herren von zweifelhaftem Aussehen und Ihr werdet recht thun beim Vorüberstreifen dieser Leute Eure Hände fest in die Taschen drücken Seid Ihr an diesen vorüber so begegnen Augen wohl einigen lieblichen zarten Mädchengesichtern deren keuscher Blick und eben so eleganter wie geschmackvoller Anzug den Unerfahrenen ehrfurchtsvollen Schranken halten vielleicht auch einer dieser Blicke voll tiefem Ausdruck auf Euch Ihr werdet plötzlich mit Lebhaftigkeit angegangen Heinrich Franz Jonathan Nepomuck Bist Du endlich da ich habe Dich erwartet Ihr blickt überrascht auf da keiner dieser Namen Euch gehört und die schöne Unbekannte schlägt erröthend über ihren Irrthum die Folgen einer täuschenden Aehnlichkeit die Augen nieder am Tage darauf aber werdet ihr Beide mit sehr vergnügtem Ausdruck bei Kroll oder an einem andern öffentlichen Orte sitzend und trotz Heinrich Jonathan und Nepomuck mit einander Champagner trinkend zu sehen sein Das sind mitunter so die ersten Erfahrungen der Ankunft Seid Ihr ihnen glücklich entschlüpft so fahrt Ihr nach Eurem Absteigequartier und betrachtet unterwegs die großen breiten Straßen mit den prächtigen palastähnlichen Gebäuden Aber wie sollt Ihr einen Gesammteindruck dieses großen aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzten Ganzen erhalten Ihr habt keine Zeit Euch lange mit einer einzelnen Stadt zu beschäftigen das Leben ist kurz und die Schnelligkeit der heutigen Reisen noch viel zu langsam Heute Paris morgen London jetzt Rom dann Berlin darauf Petersburg und von dort nach Teras zugvögeln im Norden und gähnend zurückkehren aus Egypten muß man zu dem Allen nicht die Zeit im Fluge benutzen Ein schnelles Urtheil einen kurzen Eindruck und dann weiter Das Erste ist die Aeußerlichkeit einer Stadt welche uns gewöhnlich auch eine Vorstellung von dem inneren Leben und Treiben zu geben pflegt Die hohen Giebelhäuser die abendlichen Versammlungen der Familien auf den Bänken vor der Hausthür die rauschenden Brunnen auf dem Markt und was Alles die süddeutschen Städte charakterisirt sagt uns sogleich daß wir es hier mit dem Ä lischen Wesen des Katholizismus zu thun haben in Berlin beim Anblick der großen graden Straßen der abgetheilten Viertel die wie Soldaten aufmarschirt stehen der hellen Häuser wissen wir in welchem modernen Geist wir uns befinden Die Physiognomie ist der Spiegel der Seele Betrachtet nur zuerst den allgemeinen äußeren Ausdruck seht auf diese graden regelmäßigen Straßen der Hauptviertel sie werden Euch sagen daß in ihnen eine Revolution nicht möglich ist daß zwei Kanonen sie beherrschen können Muß man hinzufügen daß der Sinn der Berliner im Allgemeinen sehr monarchisch ist daß sie trotz ihren kleinen Anekdoten und Witzhaschereien sehr loyal für das angestammte Herrscherhaus gestimmt sind Die einzelnen Züge dieser äußern Physiognomie geben weiteren Aufschluß In den Gegenden wo die kleine Bourgeoisie wohnt sind die Häuser wohlansehnlich und fast denen des aristocrafischen Stammlagers gleich aber sie stehen hier auf schechtem Grund der Boden ist sumpfig und nicht selten senken sich die Wände der Gebäude stürzen wohl gar ein oder müssen nach einigen Jahren abgerissen werden Diesem Ausdruck gemäß zeigt sich auch das Leben des sogenannten Mittelstandes in Berlin Aeußerlich glänzend jagen sie Vergnügungen nach prunken nach Außen hin an allen öffentlichen Orten mit Ueppigkeit und Pracht während ihr häusliches Leben zu Grunde gerichtet ist Man kann nie sicher sein ob die Familien welche bei Konzerten öffentlichen Vergnügungen usw in Sammt und Seide einherrauschen nicht eben zu diesem Vergnügen ihr Mittagbrod aufgeben oder die nothwendigsten Bedürfnisse Betten und Möbel opfern mußten Draußen vor dem Hamburger Thor ist es düster und unheimlich hier sind die Hütten des Elends und der Verzweiflung und doch richten sich hierher manche Augen aus dem rauschenden vergnügungssüchtigen Treiben der innern Stadt man hat größere bessere Wohnungen dort eingerichtet und fast scheint es als ob eine neue Stadt aus diesem ausgestoßenen Theil entstehen wolle Die Zukunft wird lehren wie es zum Theil wenn auch nur selten und leise die Vergangenheit angedeutet welcher Geist von hier über die Stadt ersteigen wird In dem bewegten öffentlichen Leben zeigt sich das Wesen der großen Stadt und das großstädtische Element ist vielleicht der einzige aber auch der schätzbarste Vorzug welchen der Aufenthalt in Berlin gewährt Die verschiedenen Parteien stellen Berlin je nach ihrer Parteiansicht dar und es ist oft lächerlich solche Urtheile von Leuten zu hören welche die Stadt nie gesehen Das ist das andere Babel sagt der Pietist sich bekreuzigend der Brandkessel des Radikalismus der Sündenpfuhl der Demoralisation wo alle Bande bereits gelöst sind und den Leuten nichts heilig ist nicht Gott nicht Kirche nicht Vaterland nicht einmal die heiligsten Familienbande nicht Ehe nicht Pflichtgefühl Das ist der Heerd der Reaction sagen die Freisinnigen wo die Regierung den Pietismus hätschelt die freie Wissenschaft unterdrückt und ihre Kreaturen vor jedem Ehrliebenden bevorzugt Hier nistet das Heer von Beamten welches jeden Rechtsgang gang unmöglich macht hier ist das Nest wo die saubern Maßregeln gegen den Fortschritt der Zeit ausgebrütet werden wo die Polizeispione Jeden verfolgen wo ein übermüthiger Adel sich breit macht wo man die Leute auf den Gassen verwundet und bald die russische Knute einführt Hier ist die Stadt des Preußenthums sagte der gemüthliche Süddeutsche wo Alles nergelt und krittelt wo Alles altklug ist und man nur kalten Verstand findet aber kein Gemüth Es ist die Stadt des Preußenthums fügt der Rheinländer hinzu wo die protestantische Regierung sich so schön in dem Wesen eines nüchternen Geistes spiegelt Es ist die Pflanzschule des Pietismus wo man englische Sabbathstrenge einführt Magdalenenstifte gründet bald auch katholische Prozessionen und Kirchenbußen anstellen wird Es ist die Stadt der Entartung wo die Regie rung selbst mit den Leuten die schonendste verderblichste Nachsicht übt wo die Gläubigen öffentlich in den Zeitungen verhöhnt werden dürfen wo ich in Wirthshäusern irreligiöse Lieder singen höre Es ist es ist es ist Ja es ist vieles es ist die große Stadt Darin besteht das ganze Geheimniß des großen Reizes welchen das Leben in dieser Stadt für Jeden und jede Richtung hat Das Leben einer großen Stadt ist immer anregend schon deshalb weil es vielseitig ist und ich habe oft von Männern von Geist wiederholen hören daß sie in keiner andern Stadt zu leben vermöchten Es kann Jeder leben wie er will weil eben Alles zu finden ist was man nur suchen kann ja man kann sogar Alles zu gleicher Zeit haben In der großen Stadt bekümmert sich Niemand um den Andern es wissen die Leute oft in derselben Etage nicht wer ihr Nachbar ist und es kann jene Anecdote leicht wahr seyn wonach ein Miethsmann die Frage eines fremden Besuchers dahin beantwortete einen Herrn Namens Fischer kenne er nicht neben ihm aber wohne seit zehn Jahren ein Mann der vielleicht so heißen möge Will daher Jemand zurückgezogen leben so findet er hier den geeignetsten Platz für seine Einsamkeit will er dann die Vergnügungen des großstädtischen Lebens genießen so braucht er seine Höhle nur zu verlassen Da er aber in jeder Weise dabei sein Inkognito fortsetzen kann so giebt es oft genug Leute die Beides verbinden Der Pietist kann unbekümmert die Weltfreuden aufsuchen ohne daß er Gefahr läuft bei seinen Geistesverwandten in üblen Ruf zu kommen men der junge Mann der mit glänzenden Empfehlungen aus der Provinz kömmt kann die Gesellschaften der höheren Kreise besuchen und Gegenbesuche empfangen ohne daß Jemand bemerkt daß er mit einer Grisette zusammen wohnt Dies Verschwinden der sogenannten Rücksichten giebt wie gesagt dem Aufenthalt in Berlin den Reiz und größern Vorzug vor der Provinz ist aber dagegen auch die Hauptursache des Verfalls des häuslichen Lebens Der Mann hat nicht zu befürchten ein verborgenes Verhältniß an seine Gattin verrathen zu sehen die Frau weiß daß ihr Gemahl ihr nicht folgen kann wenn sie unter irgend einem Vorwand das Haus verläßt Die kleinbürgerlichen Rücksichten verschwinden das Leben reizt mit allen Verlockungen zum Genuß und so treten dann Alle vom Höchsten bis zum Niedrigsten Reiche und Arme Fromme und Weltliche in der Stille aus ihren Verhältnissen heraus Die Sicherheit mit welcher dies allenthalben geschieht hat etwas Unheimliches fast Grauenhaftes Sie löst die Bande ruhig und geräuschlos ohne daß man von Außen sie doch gelöst sehen könnte Es ist ein Dualismus in diesem Leben der natürlich die allgemeine Demoralisation nach sich ziehen mußte Dies Verstecken der Neigungen vor den Verhältnissen der Familie und des Standes macht das ganze Leben äußerlich öffentlich Die höheren Kreise gehen ihren verborgenen Vergnügungen eben sowohl nach wie die mittleren die älteren Leute wie die jüngeren Der Student führt seine Grisette ruhig am Arm über das Trottoir die Vornehmen halten ihre Orgien bei den ersten Restaurants der alte Herr macht in der Stille eine Landparthie während der Bürgersohn die öffentliche Gärten und Concerte besucht Auf den Straßen kann man daher die Richtung und die Lebensweise der Inwohner noch am besten kennen lernen Da ein häusliches Leben selten mehr zu finden ist und Alles nur nach Vergnügungen jagt so findet man den Ausdruck des Lebens nicht mehr am häuslichen Heerde sondern außer dem Hause in dem wilden wirren Durcheinandertreiben der Oeffentlichkeit und die Aeußerlichkeit ist hier wieder die beste Charakteristik Es ist für den ruhigen Beobachter belehrend über die Trottoirs zu schlendern und Physiognomien zu studiren Natürlich zeigen sich dieselben an verschiedenen Orten verschieden Ein eigentlicher Gesammteindruck ein Volkselement ist in Berlin nicht vorhanden wie viel man sich auch Mühe giebt ein solches in Anspruch zu nehmen Der einzige Charakterzug welcher das Volk bezeichnen sollte war früher der berühmt gewordene berliner Witz Aber dieser Witz wenn er wirklich je vorhanden war ist keineswegs eine Eigenthümlichkeit des Volkes gewesen Man weiß wie Anecdoten zu entstehen pflegen irgend ein Witzbold läßt seiner Laune in einer glücklichen Stunde freien Lauf und dieser Witz macht dann die Runde als berliner Witz Allerdings hatte dieser Witz immer die charakteristische Eigenthümlichkeit des Berlinerthums nämlich das scharfe treffende kritische Element welches wir vornherein schon bemerkt Die große Masse aber hat zu wenig Humor um den Witz zu kennen und dann giebt es auch in Berlin keinen Volksausdruck kein Volk überhaupt Die Eckensteher galten gewöhnlich für den Typus des berliner Witzes bei vielen auch für den des berliner Volks Gegenwärtig giebt es keine Eckensteher mehr ihr Stand ist verschwunden wie bald überhaupt alle Stände verschwinden werden Aber auch ihr Witz war nur ein eingebildeter Ich habe die Letzten der Eckensteher einzeln und einsam in ihren Tabagien und Kneipen stehen sehen es war eine trockene Nüchternheit in ihnen kein Witz kein Humor höchstens ein plumper Spaß Die Eckensteher sind durch Droschkenkutscher verdrängt worden obwohl wohl einzelne noch aber nicht mehr unter dem früheren Namen das Gewerbe zum Theil fortsetzen Die Besorgung von Briefen weniger zarten Jünglinge welche heimlich und vorsichtig an Ort und Stelle gebracht werden müssen ist noch immer ein Erwerbszweig früherer Eckensteher freilich nur solcher welche kein anders Auskommen finden konnten Aber der Materialismus des Jahrhunderts wird ihnen auch diesen Zweig bald vollständig geraubt haben auch die Liebe ist praktisch geworden Auf ihre Nachfolger die Droschkenkutscher ist der Witz oder vielmehr der Ruf des Witzes nicht übergegangen Vielleicht haben diese Leute keine Veranlassung dazu gegeben den Witz für sie in Anspruch zu nehmen Ihr Geschäft bringt sie wenig mit ihren Miethern in Verbindung Während der Eckensteher die Aufträge seiner Besteller ausführte ging er neben ihnen her und konnte mit seiner unverwüstlichen Unverschämtheit ihre Langmuth mißbrauchen der Droschkenkutscher wirft den Schlag zu nachdem er den Mann oder das Pärchen welches ihn verlangt hineingehoben hat und bekümmert sich nicht weiter um sie Die Guckkästner sind ebenfalls am Verscheiden Unter den Linden sieht man zuweilen in einer Ecke abendlich eine Frau stehen die geduldig wartet bis die Schaulöcher des Kastens besetzt sind diese Frau ist die letzte Guck Dorothee und schon sehr alt und schwach sie schimpft bereits nicht mehr Beiden sowohl den Eckenstehern wie den Guckkästnern hat der kleine berliner Gamin Adolf Glasbrenner mit seinen köstlichen Genrebildern den Ruf gemacht den man vergebens an den Personen selbst suchte und gesucht haben wird Ein letzter Rest des berliner Witzes findet sich noch unter den Gamins Die berliner Gassenjugend ist die keckeste und ungezogenste in ganz Deutschland und unter ihr nehmen die Jungen der Schornsteinfeger den ersten Platz ein Die barbarische Sitte der neueren Zeit schmale und enge Schornsteine zu bauen in die man nur Kinder hineinschicken kann hat diesem Gewerb einen großen Zuschuß von armen Kleinen verschafft welche ohnedies keine Erziehung genossen und in diesem Beruf vollends ausarten Man sieht ganze Truppen dieser kleinen schwarzen Brut durch die Straßen ziehen gewöhnlich von einem einzigen Gesellen geführt der als Unterscheidung oder Auszeichnung seinem Rang gemäß einen Hut trägt Die Vorübergehende namentlich Frauen weichen ihnen aus denn die Ausgelassenheit dieser kleinen Bengel überschreitet alle Begriffe Bei all ihren Ungezogenheiten leuchtet jedoch unverkennbar eine Art genialen Humors hindurch und es ließen sich Bände damit füllen wollte man die wirklich oft treffenden und derben Witze aufzeichnen mit denen sie ohne Unterschied der Person alle Vorübergehenden überschütten Die Fischweiber denen man ebenfalls den Witz usurpiren möchte besitzen blos eine Derbheit die sich oft in die gediegenste Grobheit und Gemeinheit verliert und ich rathe es Keinem sich um einen Witz an diese Weiber zu wenden Der berliner Witz ist todt auch seinem Rufe nach bezeichnend aber ist es wodurch er zu Grabe getragen wurde Der Witz sollte pplitisch werden wie die ganze Richtung Berlins eine politische ist In Deutschland jedoch bietet sich in Ermanglung eines öffentlichen politischen Lebens nur wenig oder gar kein Anhaltspunkt dafür und die Theilnahme welche der früher harmlosen Witz auf Kosten der Eckensteher und Guckkästner im Allgemeinen fand konnte dem politischen Witz nur geheim bei wenigen festlichen Gelegenheiten zu Gute kommen Er wurde trocken nicht allgemein das Leben sondern erklusiv die Politik betreffend und das war sein Tod Aus der Richtung und dem Wesen des berliner Witzes lernen wir jedoch ein Element des Berlinerthums kenDronke Berlin 1 Bd 2 nen daß es nämlich Nichts auch ohne Unterschied Nichts unbespöttelt läßt Die Kritik das Negiren jeder Autorität ist wenn irgend Etwas ein Charakterzug Berlins Nichts ist ihr heilig Alles wird erst geprüft kritisirt und dann mit einem Witzwort abgethan Damit ist es aber auch alsdann vorbei Hat der Berliner Etwas belacht so existirt es nicht mehr für ihn Er setzt sich mit Gleichmuth darüber hinweg und stände es ihm vor der Nase es hat keine Existenz mehr in seinen Augen Aber die Macht der Ironie ist in dieser Stadt auch eine allgemeine Welche schönen Entwürfe welche prächtigen Pläne welche großartigen Unternehmungen sind schon verpufft weil ein Witzbold dieselben durch ein Zeitungsinserat dem öffentlichen Gelächter Preis gegeben Ich spreche hier nicht von den Projecten des Moskitovereins oder den Statuten des Schwanenordens oder den famösen Talaren den Universitätsprofessoren auch von ernsten Sachen die selbst einen ernsten Eindruck auf ihn gemacht kann der Berliner die Geißel seines Spottes nicht zurückhalten Wer damals in Berlin war und die Aufregung sah welche Tschech’s Attentat im ersten Augenblick hervorrief wird auch wissen wie auch schon am folgenden oder zweiten Tage darauf der ganze Lärm in verschiedenen und Versen abgethan war Ich werde mich wohl hüten sie hier anzuführen Die vorzüglichste Ausbeute für seine mitunter auch boshaften Ausfälle giebt dem die Presse Die beiden Zeitungen sind in politischer Beziehung auch nicht von der Bedeutung dagegen haben sie in der Rubrik der Inserate einen Raum dessen Inhalt wirklich charakteristischer Bedeutung ist Die Eingesandt sind der Ort wo der seine Klagen niederlegt seinen Spott ausgießt überhaupt seine Kämpfe führt Diese werden bei einer Auflage von 25.000 folgerecht von ungefähr 100.000 Menschen und ihre Macht ist somit keine geringe Fast es als ob die sonst so strenge Censur gegen Eingesandt mit ausnahmsweiser Milde zu angehalten sey Beschwerden gegen die Maßregeln der Regierung selbst ganze der Zeit werden hier mit kurzen aber eben so kritischen Waffen bekämpft und so um nur Beispiel anzuführen verdankt Herr diesen Eingesandts den ganzen Scandal dem bereits verkommenen Pietismus Ruf 2 und in öffentlichen Demonstrationen gegen die Regierung endete Die Berliner wissen auch welche Macht sie hierin in Händen haben und sie kennen keinen größern Einfluß als dies Hinlenken der öffentlichen Meinung auf einen ihnen widerwärtigen Gegenstand Als eine lobenswerthe Eigenthümlichkeit ist dabei hervorzuheben daß sie diesen Einfluß nie oder doch nur selten in Privatinteressen geltend zu machen suchen sondern immer nur Dinge berühren welche in ihren Augen das öffentliche Wohl der Stadt den Rechtsschutz Aller und die damit zusammenhängenden Uebergriffe der Beamten oder Behörden betreffen Die Philister welche sich so gern politisiren besprechen sich am Abend in ihren Weißbierkneipen darüber tauschen ihre Ansichten aus und vereinigen sich am Schluß zu einer Art Urtheilspruch Es ist das Gericht der öffentlichen Meinung an welches die Einsender appelliren und wie gewöhnlich hält die öffentliche Meinung ihre Sitzungen an solchen öffentlichen Orten Im Grunde ist das Geklatsch kläglich weil die vorherrschende Halbheit der Bildung den Leuten nur einen oberflächlichen Blick in die Sachen selbst erlaubt aber immerhin ist das Streben der Theilnahme an öffentlichen Sachen und am Staate überhaupt aller Anerkennung werth Die Theilnahme am Staat welche das öffentliche Leben in Berlin charakterisirt giebt der Stadt den Vorzug vor allen andern großen Städten Deutschlands und ersetzt beinahe den Mangel eines wirklichen politischen Lebens Während z B selbst gebildete Wiener ohne Scham gestehen daß sie sich um ernste Dinge nicht zu bekümmeru vermögten sondern ihrer Phantasie und Unterhaltung lebten ist hier das Verstandes Interesse ein allgemeines lebendiges Dies ist es was den Aufenthalt in Berlin anregend und jedem ernster strebenden Manne unersetzlich macht und hierin besteht der oft mißverstandene von Thoren bespöttelte aber wahre Ausdruck der norddeutschen Stadt der Intelligenz Dieser Ernst dies Streben geht in Berlin durch alle Klassen Gebildete Philister wie in die gedrücktesten untersten Schichten des Volkes Der Philister in Berlin ist eine eigenthümliche Erscheinung Den Tag über seinen Geschäften oder Privatangelegenheiten nachgehend kömmt er am Abend in das Estaminet wo er seine Freunde bei re gelmäßigen Zusammenkünfte findet Hier sitzt er und unterhält sich über die Mittheilungen welche ihm am Mittag die Zeitung gebracht dann folgen Klatschereien über häusliche oder nachbarliche Verhältnisse es wird ein Partiechen gespielt und zuletzt schlendert man nach Hause um dies einförmige Leben am anderen Tage von Neuem zu beginnen So geht es fort ein Tag wie den andern bis sich der Mann zuletzt hinlegt um seinen Kindern das Ersparte zu überlassen Was er in dieser schläfrigen Eintönigkeit für einen Genuß am Leben findet wird Manchem unerklärlich scheinen aber gewiß ist daß er sich im Ganzen dabei behaglich fühlt WeNIT er auch öfters klagt oder schimpft Auch in ihm liegt wie bei den übrigen Ständen der Hauptzug des Berlinerthums der kritische Geist Er beschäftigt sich mit Allem ist wißbegierig und prüft Nichts imponirt ihm sein Urtheil ist kalt und ruhig freilich bei falschen Voraussetzungen auch eben so sicher wie bei wahren Nur sein intellektueller Standpunkt die Halbheit seiner Bildung läßt ihn wie gesagt zu keiner prinzipiellen Klarheit kommen Das Müßiggängerleben welchem sich in Folge des fortwährenden Anblicks aller Arten von Genüssen Jeder und fast jeder Stand in einem großstädtischen Treiben zuneigt macht bei dem Philister die Wißbegierde fast allenthalben zur Neugierde Er kann mit dem größten Ernst einer Seifenblase wie seinem Stern der Zukunft nachblicken Wer sich davon überzeugen will wie schnell die Neugier oder die Aufmerksamkeit des Philisters rege zu machen ist der stelle sich auf einen belebten Platz oder unter einen Baum unter den Linden und richte seine Blicke auf irgend einen unbedeutenden Gegenstand oder noch besser in die leere Luft es werden nur wenige Augenblicke vergehen so wird er sich von mehr als zwanzig Personen umringt sehen denen sich eine immer größere Anzahl zugesellt und die Augen ebenfalls in die Luft richten Junge Leute machen sich oft ein solches Vergnügen und erwiedern z B auf eine neugierige Frage daß aus jenem Schornstein vor Kurzem eine Hand herausgewinkt oder auf diesem Baum ein rother Vogel gesessen habe kehren sie dann nach einem längern Spaziergang zurück so werden sie stets einen großen Menschenhaufen an jener Stelle wiederfinden der ihnen auf ihre Fragen die Neuigkeit mittheilt daß aus dem Schornstein droben eine Hand gewinkt oder auf dem Baum ein rother Vogel gesessen habe Die Leichtgläubigkeit des berliner Philisters geht ins Lächerliche Und dies ist um so beschämender für ihn als er täglich die raffinirte Schlauheit und Gewandtheit der Gauner vor sich sieht Er der vorsichtige Geschäftsmann läßt sich von Marktschreiern dupiren und von Betrügern hintergehen daß es oft unglaublich klingt Der Schwindel der in Berlin mit Sachen aller Art getrieben wird und immer wieder neue Bahnen öffnet täuscht fortwährend auch die Vorsichtigsten und grade diese am allermeisten Kein Tag vergeht an welchem nicht einige listige oft anscheinend in günstigen Verhältnissen lebende Schwindler den berliner Philister um sein Geld prellen Unternehmungen fabelhafter Art besonders aber Häuserspekulationen sind der Köder mit dem die ehrsamen Spießbürger angelockt werden und nicht selten daran verbluten Der Häuserkauf ist in Berlin etwas alltägliches jeder kauft auf Spekulation und ist in derselben Stunde wieder zum Verkauf bereit wenn er es nicht schon im Voraus gethan Diese Leichtfertigkeit des Handels giebt dem Philister eine gewisse Sorglosigkeit zumal er glaubt daß er durch Spekulation so solider Art noch am sichersten gehe Die verschiedenen Weisen jedoch mit welchem die Gauner bei Unternehmungen dieser Art gegen den Philister zu Werke gehen sind zahllos Am gangbarsten aber ist Eine welche trotz so vieler Lehren und Warnungen die der Philister schon erhalten noch immer Resultate erschwingt Es ist nemlich bei allen Contrakten Sitte ein Reugeld für den Fall festzusetzen daß einer der Kontrahenten zurückträte Dem Philister wird nun mit den besten Empfehlungen ein Kauflustiger vorgeführt dessen Papiere auch ein bedeutendes Vermögen nachweisen der Kauf wird unter günstigen Bedingungen stipulirt der Käufer welchem sehr viel daran zu liegen scheint zahlt ein Angeld bestimmt einen Termin zur Zahlung und setzt ein Reugeld für den Fall des Zurücktretens fest Die Summe eines solchen Reugeldes beläuft sich nach Umständen auf 400 bis zu 1000 Thalern Ist nun der Contrakt so weit in Ordnung so werden plötzlich dem Philister die ungünstigsten Nachrichten über die Verhältnisse seines Käufers überbracht der Mann erschrickt und läßt sich am Ende lieber zur Zahlung einer kleinen Summe bewegen statt daß er das Ganze aufs Spiel setzte Eben so ist die Aufnahme von Hypothekengelder ein Mittel in Berlin um dem Philister seine Taschen zu erleichtern Falsche Dokumente Scheinkäufe u dergl sind die Grundlage auf der die Gauner ihr Unternehmen mit der Unvorsichtigkeit des Philisters bauen ja vor einigen Jahren kam es in Potzdam vor daß ein Mann ungeheuere Capitalien talien auf ein Haus geliehen hatte welches wie es sich später ergab gar nicht eristirte Die Spekulation welche in Berlin wie in allen großen Städten ins Maßlose getrieben wird hat die verschiedensten ergiebigsten Felder Die Masse sieht wie Einzelne oft an einem Tage durch einen Federstrich ja oft ohne die geringste baare Auslage urplötzlich Reichthümer gewinnen und dieser Anblick reizt sie natürlich zur Nachahmung Indeß geht es hier wie überall im Staat des Mammonismus daß nur der den Gewinn zieht der das Geld oder den Credit dazu hat die feindlichen Wechselfälle aushalten zu können Der Actienschwindel hat in Berlin zahllose Leute ruinirt Jeder wollte auf so leichte und schnelle Weise Reichthümer erwerben und man sah kleine Beamte und Handwerker neben den Banquiers und Großspeculanten ihre Geschäfte machen die Spekulation war allgemein wie dies natürlich in Verhältnissen der Fall seyn muß die dem Menschen den Gelderwerb zum Lebenszweck machen Aber die Kleinen wurden von den Großen erdrückt die Großhändler welche die Papiere künstlich auf die höchste Höhe geschraubt ließ dieselben als sie in den Händen der Niederen waren plötzlich herunterfallen und durch diesen gesetzlich erlaubten Betrug der großen Besitzenden wurde eine Masse von Familien ins Unglück gestürzt Die Zahl der Selbstmorde und Falliments steigerte sich zu jener Zeit unglaublich und wie Viele in Verzweiflung leben blieben konnte man aus den plötzlichen Hülfsgesuchen sogenannter verschämter und herabgekommener anständigen Familien ersehen Die Spekulationswuth hat eben so natürlich auch die andern Zweige des Handels ergriffen Die ungeheuere Concurrenz welche die Gewerbfreiheit in allen Handelsartikeln hervorrief so wie die Ueberproduction haben den Handel eine Fieberhitze hineingejagt bei deren Anblick jene Leute auf den Höhen der Gesellschaft nur von Besorgniß für die Zukunft erfüllt werden können In Berlin findet man nicht nur in den Hauptvierteln sondern bereits in allen entlegenen Theilen Laden an Laden Die Nothwendigkeit der Eristenz zwingt sie zu den abentheuerlichsten Mitteln um nur Kunden zu erhalten Die großen Affiches welche man an allen Ecken und öffentlichen Plätzen angeheftet sieht bieten in den schreiensten renomirendsten Ausdrücken dem Publikum die Neuigkeiten an In ungeheueren Buchstaben die man hundert Schritt weit erkennen und lesen kann leuchtet es hinüber Meine Herren können Sie Geld brauchen chen Tritt man näher so gewahrt man daß das Geldanbieten in einer fabelhaften Billigkeit von Kleidern und Waaren besteht Nie da gewesen Unerhört billig Hierher geschaut Hört Hört So schreit es von allen Ecken selbst von den Bäumen der Promenaden herab in den stummen riesigen Buchstaben Das Vorurtheil ist allgemein gegen diese Marktschreier und doch machen sie nicht selten glänzende Geschäfte Ihre Preise können sie mit Recht fabelhaft nennen denn die also ausgeschrienen sind in der That nie zu finden gewöhnlich sind die Artikel nach denen in Bezug auf die Annonce nachgefragt wird eben im Augenblick ausgegangen Nichts desto weniger aber sind die Preise dieser Handelsbramarbasse doch so billig daß die geringeren und mittelloseren Leute namentlich aus der Umgegend Kommenden bei ihnen kaufen und sich nicht schlecht dabei befinden Manche verkaufen wirklich ihre Sachen unter dem Werth blos um zu Geld zu gelangen und für neuen größeren Credit bei der Messe Zahlung leisten zu können dann nach einigen Jahren werden sie bankerott aber sie haben doch eine Zeitlang existirt und vielleicht für den Fall der Noth Etwas zurückgelegt Diese Gaunereien sind die Folge des Kriegssystems im friedlichen Handel Die Spekulation dehnt ihr Gebiet jedoch nicht blos auf den eigentlichen Handel sondern sogar auf die innersten Verhältnisse des Lebens aus Die Heirathsgesuche auf dem nicht mehr ungewöhnlichem Wege der öffentlichen Aufforderung in den Zeitungen sind bekannt Auf diesem nicht mehr ungewöhnWege sucht ein Mann in seinen besten Jahren eine Lebensgefährtin welche außer andern persönlichen Vorzügen die Summe von so und so viel mitbringen kann Doch wird weniger auf Schönheit als auf Herzensgüte gesehen Tiefste Diskretion Adresse sub X Man wird glauben daß auf solche verrückte Anerbietungen kein Mensch eingehen werde und doch ist es so man kann sicher auf mindestens fünf bis acht Erwiderungen rechnen wenn man seine Ansprüche nicht zu hoch stellt Ein Freund gab einst aus Scherz eine solche Aufforderung in die Zeitung und schon am folgenden Tage empfing er vier eingelaufene Adressen Er hatte ein mäßiges Vermögen zur Bedingung gemacht Unter den Reflectirenden befand sich ein Beamter der ihm statt einer gleich drei Töchter zur Auswahl stellte dann ein Mädchen welches wie ich mich noch genau erinnere mit außerordentlich schöner Handschrift und gewandtem Ausdruck schrieb daß sie höchst unglücklich j mit ihrer herrschsüchtigen Stiefmutter und einem schwachen Vater lebe und jede Gelegenheit ergreife um aus diesem Verhältniß zu kommen Dieser Brief war am Schluß augenscheinlich mit Thränen befeuchtet und es lag ein schmerzlicher Gedanke darin ein Mädchen sich so verzweiflungsvoll dem ersten besten Unbekannten anheim geben zu sehen Zwei andere Adressen waren mit fürchterlichen Hahnenfüßen und zahllosen Berlinismen und Schreibfehlern abgefaßt Der Stand der Schreiberinnen war in diesen Briefen nicht zu verkennen Außerdem giebt es vollständige Heirathsbüreaus die indeß noch einigermaßen still und vorsichtig betrieben werden Die meisten der Commissionsbüreaus jeder Art sind auf Schwindel gebaut unter ihnen aber vor Allem jene welche mit Dienstanerbieten armer brodloser Arbeiterinnen Geschäfte treiben also auf die Noth spekuliren Meldet sich ein solches armes Geschöpf welches den besten Willen und auch die Kraft zur Arbeit hat im Augenblick aber keine Beschäftigung findet so muß sie vor allen Dingen bevor sie noch eine Antwort erhält Einschreibegebühr bezahlen Dann wird sie gewöhnlich auf einige Tage später wieder bestellt wo man ihr entweder einige Herrschaften die man mittlerweile 30 erfahren an die Hand giebt oder wenn dies nicht möglich war ihr einige Adressen übergiebt mit denen die Commissionäre für solche Fälle in Verbindung stehen Diese Leute welche von den Commissionären bezahlt werden befragen alsdann das Mädchen nach ihren Fähigkeiten als ob sie gesonnen seyen dasselbe in den Dienst zu nehmen in der That aber senden sie jede unter irgend einem Vorwand der Unbrauchbarkeit zurück In jedem Fall verliert das Mädchen die Einschreibegebühr ist sie aber so glücklich gewesen einen Dienst zu erhalten so muß sie dem Commissionair noch weiteres Verdinggeld zahlen Andere dieser Commissionaire treiben ein noch scheußlicheres Geschäft in ihrem Bureau Sie stehen mit reichen vornehmen Wollüstlingen in Verbindung denen sie junge unschul dige Dienstmädchen zuschicken Kommt ein solches Mädchen wieder zurück und erklärt daß sie bei einem unverheiratheten Mann welcher sie noch dazu gleich beim ersten Empfang so zudringlich behandelt keinen Dienst annehmen werde so bestellt der Commissionair oder dessen Frau das Mädchen auf einige Tage später wieder dann heißt es daß noch immer kein anderer Dienst gefunden sey und das Mädchen wird durch fortgesetzte Vertröstungen allmählig in immer tiefere Noth gestürzt Zuletzt redet ihr die Frau beruhigend zu doch zu dem vornehmen Mann zu gehen wo sie sich ja gut befinde und überdies ja noch andere Mädchen seien und die Unglückliche fügt sich zuletzt in ihr Verderben Dieses scheußliche Geschäft hat in Berlin eine furchtbare Ausbreitung gefunden trotzdem oder eben weil die Commissionaire polizeilich concessionirt und controllirt sind Die Commissionaire führen ein besonderes Buch für derartige vornehme Kunden aus dem sie bei der Anmeldung eines jungen Mädchens ersehen welchem ihrer Kunden sie der Länge der Zeit nach grade im Augenblick dies neue Opfer zusenden können Viele dieser vornehmen entnervten Seelenkäufer haben ein vollständiges Harem solcher jungen verführten Geschöpfe welche unter allen möglichen Dienstverhältnissen als Köchin Stubenmädchen Spülmagd Haushälterin Beschließerin usw bei ihnen eingeschrieben sind Die Polizei bekümmert sich nicht darum indem sie hier nicht einschreiten zu müssen glaubt vielleicht auch weiß sie nichts davon oder will nichts davon wissen Verhältnisse aller Art sind in Berlin geduldet so lange sie nicht gradezu vor die Gerichte gehören und so weit die Betheiligten ihre Eristenzmittel der Polizei nachweisen können Daher genießen die Frauen überall eine gewisse Ungebundenheit Mädchen aus der mittleren und kleinen Bürgerklasse verstehn sich nach einer flüchtigen Bekanntschaft sehr leicht dazu mit einem jungen Mann zusammen zu wohnen und diese Verhältnisse sind in neuster Zeit außerordentlich häufig geworden Wir werden weiter unten Gelegenheit haben diese eigenthümliche Klasse der Grisetten kennen zu lernen Unterhaltene Frauen bilden die nächste Stufe aufwärts sie wohnen für sich allein meist sehr elegant eingerichtet Ihre Haushaltung und ihre weiteren Bedürfnisse bestreitet der Mann der sie aushält meist Jemand aus den höhern Kreisen dessen häusliche oder Standesverhältnisse es nicht erlauben eine Geliebte zu sich zu nehmen Daß diese unterhaltenen Frauen ihren Galans nicht eben übermäßig treu sind liegt auf der Hand machen sie doch keine Auswahl in Liebenswürdigkeit oder Alter der Person sondern nehmen ihre Einrichtung von dem an der sie am Besten bezahlt Wir werden sehen wie die Grisette obgleich arm und oft unglücklich doch in jeder Beziehung achtbarer ist als diese galanten vornehmen Frauen Im Allgemeinen sind die Berlinerinnen nicht besonders hübsch namentlich haben sie zumeist Dronke Berlin I Bd 3 große Füße Nur ihre natürliche Grazie giebt ihnen jene verführerische Liebenswürdigkeit mit der sie blenden und hinreißen Ihr Gang ist lebhaft ihr Auge gewöhnlich von einer herausfordernden kecken Gluth Sie tragen sich stets mit Geschmack vor Allem aber eben die Grisetten welche mit den geringsten Mitteln sich immer gefälliges Aeußere zu verschaffen wissen Geschmacklos sind eigentlich nur 7 die Frauen der Bourgeoisie welche überladen mit Schmuck wie die Wienerinnen einhergehen Es ist dies wieder die Folge des Mangels an häuslichem Leben Die Frauen glauben Alles das Ihrige bei sich tragen zu müssen da das eigentliche Leben in der Oeffentlichkeit und der Straße sich bewegt Man kann sicher darauf rechnen daß eine berliner Bürgersfrau keinen Schmuck weiter zu Hause hat außer dem welchen sie trägt und wenn sie drei Nadeln besitzen sollte so wird sie dieselben auch unterzubringen wissen In der Unterhaltung sind die berliner Frauen ohne Unterschied lebhaft und leicht angeregt Gegen den Fremden ist man in allen Kreisen zuvorkommend Man ist leicht mit Familien bekannt gemacht wenn man es will noch leichter sind die Bekanntschaften mit den Frauen geschlossen Im Theater an öffentlichen Orten in Gärten und Concerten entspinnen sie sich aus einer oberflächlichen Berührung wenn Jemand an demselben Tisch oder derselben Loge bei ihnen Platz nimmt der Wunsch das Verhältniß fortzuführen wird durch Blicke und anscheinend zufällige Andeutung welche Orte man besucht ausgesprochen und entgegengenommen Ein nicht besonderer aufmerksamer Beobachter kann daneben sitzen ohne das schnelle Einverständniß der Beiden bemerkt zu haben Die berliner Frauen sind lebensluftig und leichtsinnig ihre Ehemänner aber nicht eifersüchtig vielleicht weil sie wissen daß es ihnen nichts hilft und daß sich die Dame aus den höchsten Kreisen eben sowohl unter ihres Gleichen einen Galan sucht wie die Uebrigen unter ihres Gleichen Eine strenge Unterscheidung nach Ständen macht sich unter diesen Verhältnissen indeß nicht geltend und man erzählt sich in Berlin mancherlei Geschichten von Jägern Lakaien und vornehmen sehr sehr hochgestellten Damen daß Männer aus den höchsten Kreisen Mädchen der ärmern Klassen zu sich nehmen ist längst nichts Auffallendes mehr Auch wo sie sich äußerlich zeigen ist der Ausdruck der gesellschaftlich getrennten Stände kein in sich verschiedener mehr Das Allgemeine nimmt die Einzelnen in sich auf 3 und die einzelnen Elemente sind in diesem allgemeinen Lebensstrom nicht zu unterscheiden oder zu trennen Das Leben ist äußerlich öffentlich und kann exklusiven Standesbegrenzungen in seinem allgemeinen Ausdruck nicht Raum geben wo Alles nach Außen strebt hat auch der Adel seine Abgeschiedenheit verlassen müssen um sich oder wenigstens seine Eristenz in das Leben in die Oeffentlichkeit zu ziehen Das ist der erste Schritt des Verschwindens der Stände Die sogenannten höheren Stände sind bereits von der Bourgoisie paralellisirt Ein eigentlicher Adel ist in Berlin nicht zu bemerken Daß er vielleicht noch seine besondere Zirkel in seinen Häusern seine besondere Abgeschiedenheit in sich selbst hat beweist nichts für seine Existenz es ist nur ein Scheinleben Der Adel hat versucht sich ebenfalls in dem Ausdruck des öffentlichen Lebens das er endlich als das Ziel und Hauptmoment der Gegenwart anerkennen mußte geltend zu machen Die Corsofahrten bewiesen jedoch erst recht seine Ohnmacht Die glänzenden Equipagen einiger reichen Vornehmen so wie die der fremden Gesandschaften bildeten ein kleines kärgliches Häuflein zwischen den sich herandrängenden Wagen der Bourgoisie und 36 Schluß stellte sich auch als Ironie das Volkselement in seinen Droschken und Fiakern dabei ein So war das was der Adel zu seiner eigenen Repräsentation in der Oeffentlichkeit erfunden hatte ein Beweis der Unhaltbarkeit der Sonderprivilegien Und Klassenunterschiede geworden Die einzige Klasse welche in Berlin noch den Adel repräsentirt sind die Officiercorps Es ist bei einer mittelalterlichen Richtung natürlich daß man unter die Garden fortwährend nur Junker und wo möglich nur solche aus den alten Provinzen nimmt wo die Treue an das angestammte Herrscherhaus so unberührt von dem neueren Geist sich erhält und zuweilen noch im ritterlichen Ausbruche gegen die beschirmten Unterthanen Luft macht Das Bürgerblut wird aus der Reihe der Gardofficiere sehr streng fern gehalten dennoch aber macht man wieder unter dem Adel nach dem Reichthum Unterschiede Obwohl die Garden in Berlin auf doppeltem Sold stehen so will man doch nur solche Officiere unter der Garde die außer ihrer Gage noch eigenes Vermögen zuzusetzen haben Ein Beweis was unter Umständen die Staatsbehörden selbst von der Besoldung ihrer Angestellten halten Trotzdem aber wird die Adelsaristokratie durch diese Leute eben nicht sehr glänzend vertreten Die Orte wo sie sich im öffentlichen Leben geltend machen sind nur einige vornehmen Restaurationen und Conditoreien freilich aber treten sie hier auch mit dem ganzen bornirten Hochmuth und affeetirtem Wesen ihrer Klasse auf welche durch äußere imponirende Anmaßung ihre innere Hohlheit verdecken zu können glaubt Die meisten von ihnen sind überdies trotz ihrer günstigen Stellung und eben so wie andere in den Provinzen verschuldet und man kann ihre theueren Gläubiger sehr rücksichtslos von den enormen Summen sprechen hören welche der oder jener bei ihnen hängen ließ Vielleicht werden diese Leute durch die Ansprüche ihrer Stellung nach Außen hin dazu gezwungen vielleicht aber auch und dies ist das Wahrscheinlichste glauben sie daß Schuldenmachen zum vornehmen Ton gehört Gewiß ist daß die Gläubiger selten zu ihrem Recht gelangen und selbst die Vorgesetzten derselben kümmern sich nicht darum während man doch einen armen Referendair welcher sein kleines Vermögen dazu verwendet hat etwas zu erlernen Schulden halber vom Staatsexamen zurückweist Im Allgemeinen verschwinden auch diese wohlprotegirten Vertreter einen todten Aristokratie wie alle andere Sonderelemente in dem großen allgemeinen Leben der Hauptstadt Der Strom braus t gleichförmig fort und läßt dieses kleine Atom beinahe ganz in sich verschwinden Die eigentliche Créme der sogenannten höheren Gesellschaft besteht in wenigen kleinen Kreisen welche sich namentlich um die fremden Gesandschaften bilden Es ist dies ebenfalls charakteristisch für das gesellschaftliche Element daß man in diesen Kreisen erst der fremden Hülfe bedarf Das diplomatische Corps macht sowohl am Hofe als in der sogenannten Haut volée den Mittelpunkt aus sogar die größeren Schönheiten oder wenigstens den Ruf derselben findet man nur bei den Fremden Der Adel Berlins ist sogar zu schwach um in diesen seinen eignen abgesonderten Regionen eine selbstständige Rolle zu spielen und wenn ins Publikum die Nachricht einer solchen glänzenden Fête übergeht so ist man gewohnt den Namen irgend eines fremden Diplomaten zu hören Selbst die Minister und der älteste reichste Adel vermögen nicht mehr mit ihnen zu rivalisiren oder doch nicht ohne sie zu bestehen Unter dem diplomatischen Corps zeichnet sich der englische Gesandte durch seine Gesellschaften aus In seinen Gesellschaften findet sich nicht selten die königliche Familie ein doch weiß der Graf Westmoreland diesen Cirkeln auch durch Zuziehung von Künstlern und Talenten die sonst für nicht ebenbürtig hier erachtet wurden einen ungezwungenen Ausdruck zu geben Bekanntlich hat sich der Lord selbst in Compositionen versucht welche von Musikern und Kennern sehr gerühmt werden Eine andere Notabilität in diesen Kreisen ist der sardinische Gesandte dessen Gattin die einst so berühmte Henriette Sonntag seine Gesellschaften besonders anregend machen soll Im äußeren Leben gewahrt man indeß auch von diesen Heroen der Crème nichts Der Hof ist nach dem Maße wie er seinen Glanz nach innen hin entfalten soll im Aeußeren ebenso wenig repräsentirt Im Winter hat man neuerdings Eisbahnen und andere Vergnügungen für den Hof ausgeführt im Sommer erscheint er ausnahmsweise und selten bei den Corso und Gondelfahrten doch wird auch dies wieder nicht in dem allgemeinen Ausdruck das äußeren Leben bemerkbar In Berlin wo er doch seinen Heerd hat gewahrt man den Hof überhaupt nicht während sein Auftreten in den Provinzen immer ein gewisses Ereigniß bildet Die königlichen Equipagen fahren zwischen den übrigen Wagen der Bourgeoisie und des Adels hindurch ohne daß man einen andern Eindruck als den eines bewegten allgemeinen Lebens dabei fühlte Das Verschwinden des Einzelnen in die Gesammtheit ist der vorzüglichste Charakterzug Der Stadt daher die Ungezwungenheit die Selbstständigkeit des Einzelnen der nicht nöthig hat sich vor kleinstädtischen philisterhaften Vorurtheilen in Acht zu nehmen daher freilich auch die Auflösung des Familienlebens welches gegenwärtig vielleicht nur noch die Engländer besitzen daher die wachsende Demoralisation Ein vielseitiges allgemeines Gesellschaftsleben dies ist der Eindruck welchen das bewegte Treiben der Hauptstadt auf den Fremden macht Von einem bestimmten beschränkten Parteiausdruck wie man es in der Ferne ausschreit von Pietismus oder Irreligiösität von servilem Preußenthum oder radikalem Jacobinismus ist dem öffentlichen Gemeinleben Berlins keine Spur Die Elemente sind für sich vorhanden aber nur in kleinen Atomen eines großen Ganzen Einzelne Elemente mögen höchst kläglich sein aber das allgemeine Leben in jeder großen Stadt ist angenehm doppelt vor allen deutschen Hauptstädten in Berlin weil es hier der ernstere strebende Sinn anregender macht Die stinkenden Gossen der Staub der im Sommer sind ohne Zweifel eine unangenehme Zugabe aber Diejenigen welche an Berlin immer diese Vorstellung knüpfen vergessen daß sich das Leben nicht in den Gossen und dem Staub bewegt Das öffentliche Gesammtleben ist der Pulzschlag dieser Stadt Auf den Straßen in der Oeffentlichkeit wogt und rauscht Alles durcheinander Vornehm und Gering Reich und Arm Keiner ist beschränkt durch den Andern Nur in den häuslichen Umfriedungen machen sich die Verschiedenheiten des Kastenwesens noch geltend Die hohe Aristokratie die Crème wie sie sich nennt hat ihre Wohnsitze in einigen Theilen der Friedrichsstadt aufgeschlagen Ihr Hauptstandquartier ist unter den Linden und in demjenigen Theile der Wilhelmsstraße welcher zunächst an die Linden stößt Man kann sehen wie klein das Häuflein dieser Kaste ist wenn es sich in anderthalb Straßen ausbreiten kann und doch gehören ihnen selbst diese anderthalb Straßen nicht ausschließlich Unter den Linden hat sich die mächtige Bourgeoisie in ihre Reihen eingedrängt und an dem entgegengesetzten Ende der Wilhelmsstraße dem Hallischen Thor zu findet man bereits einzelne Höhlen des Proletariats So berühren sich die Extreme und bald vielleicht werden auch diese Schranken aufgelöst seyn Die mittlere Bourgeoisie das Krämer und Fabrikantenthum hat sich in der Königsstadt stadt und weiter hinaus nach Louisenstadt ausgedehnt Dieser Kaste folgt consequent dem Proletariat auf dem Fuße nach und so findet man es sowohl in den Dachkammern und Kellern der Handelshäuser wie in den Hütten neben den Fabriken Nur ein Theil des Proletariats und der düstersten Armuth birgt sich wie ausgestoßen aus dieser Gesellschaft draußen vor den Thoren des nordwestlichen Stadttheils Dort ist das Elend in seiner letzten furchtbarsten Gestalt Alles was hierher verkehrt steht mit Polizei und Gericht in Verbindung denn die Fessel der Armuth kettet sie auf die dürre Haide des Verbrechens Diese Parias hören nichts von dem Branden und Brausen des inneren Lebens der Hauptstadt und wenn sie hinein kommen so bezeichnet das Blut der Wachen und Polizeisoldaten und die Angriffe gegen Eigenthum und Leben der Inwohner die Spuren ihres Weges .